REQUIEM

Requiem    (Deutschland, 2006)

Regie: Hans-Christian Schmid. Buch: Bernd Lange
Mit: Sandra Hüller (Michaela Klingler), Burghart Klaußner (Karl Klingler), Imogen Kogge (Marianne Klingler), Anna Blomeier (Hanna), Jens Harzer (Pfarrer Borchert), Stefan (Nicholas Reinke), Walter Schmidinger (Gerhard Landauer) u.a.
92 Minuten     (7 von 10 Punkten)

Deutschland, Anfang der siebziger Jahre. Michaela Klingler, die unter Epilepsie leidet, tritt nach dem Abitur und entgegen der Vorbehalte besonders der Mutter ein Studium der Pädagogik im entfernten Tübingen antritt. Die Medikamente verheißen eine fragile Hoffnung, dass „deine Sache“ (wie ihre Mutter die Krankheit gerne tituliert) unter Kontrolle ist. Aber die in der Studentenstadt erstmals erreichte Freiheit vom erzkatholischen Elternhaus wirkt sich auch unverhofft belastend auf die junge Frau aus, Anfälle und Wahnvorstellungen häufen sich und nach kaum vier Monaten glaubt sich Michaela von Dämonen besessen.

Man kann es drehen und wenden wie man will: Letztendlich übt das Schlagwort Exorzismus eine starke unterschwellige Faszination aus und dürfte als vermeintlich bestimmendes Sujet des Films einige Zuschauer zusätzlich in die Lichtspielhäuser gezogen haben. Aber Hans-Christian Schmids Film kulminiert entgegen den Erwartungen nicht in der schaurigen Einblendung von Teufelsfratzen und dem finalen Kampf der irdischen Vertreter Gottes um die bedrohte Seele. Das vermeintliche Opfer wird nicht als entpersonifizierter Wirt des Bösen instrumentalisiert, sondern der Film endet just in dem Moment, als sich die Anhänger der härteren Gangart ob der nun endlich, endlich kommenden Bilder die Hände reiben. Tja, Pech gehabt, ihr Grobschlächtigen.

Der Weg ist das Ziel von Schmids Werk, der schon mit 23 (1998), Crazy (2001) und Lichter (2003) gezeigt hat, dass ihn mehr die Personen und Motive interessieren als Effekte. In der Darstellung der letzten Lebensmonate der gottesgläubigen Michaela (großartig: Sandra Hüller) hat er einen weiteren Film geschaffen, der den Zuschauer berührt, ohne ihn der kritischen Distanz zur Reflexion zu berauben. Für die Protagonistin vollzieht sich zu Beginn der Traum ihres jungen Lebens, als sie die Zulassung zum Studium erhält und sie zum ersten Mal auf eigenen Füßen stehen darf. So weit, so unspektakulär. Aber das Damoklesschwert der Epilepsie schwebt über der unscheinbaren, etwas gehemmten Frau, und mit Bangen verfolgen wir, wie sie beim ausgelassen Tanz in der Disco oder mit Freunden im Stadtpark die Freude erfährt, die sie in der Obhut ihrer schwäbischen Dorfeltern niemals hatte.
Über die Gründe, warum sich dann die Anfälle bei ihr häufen, kann nur spekuliert werden, Schmid beleuchtet den medizinischen Faktor nur kurz und begnügt sich mit der Bemerkungen, dass die Odyssee durch die Behandlungszimmer nur zu ewig neuen Befunden und Tabletten geführt hat. Unklar bleibt auch, warum ihre Teufelsvisionen gerade jetzt in der jüngst erworbenen Freiheit in dem Glauben kumulieren, sie sei besessen. Michaelas neue Freunde Stefan und Hanna stehen den Geschehnissen letztlich ebenso hilflos gegenüber wie das Publikum heute, dreißig Jahre nach den geschilderten Geschehnissen. Dies führt zu einem starken Mitleid für ihre Person und einem Zorn auf diejenigen, die fatalerweise durch aktive Hilfe letztlich Michaelas Schicksal besiegeln.

Auch wenn Requiem den Anspruch erhebt, sich an wahren Gegebenheiten zu orientieren und sich dadurch mit dem Nimbus des Faktischen umgibt, so ist eine kritische Ausrichtung nicht zu übersehen. Vornehmlich erschreckt die strenge, überbehütende Erziehung durch die Eltern im Zeichen des katholischen Glaubens. Allzu leicht ist vorstellbar, dass die Ausgestaltung der Wahnvorstellung hier ihre Vorlage fand, und fatalerweise ruft man die Verkünder jener Heilslehre zu Hilfe, um die Folgen zu kurieren. Da wird quasi der Bock zum Gärtner gemacht.
Die Darstellung der involvierten Priester ist denn auch wenig differenziert. Zwar führt gegen die Tradition im Paar der jüngere Theologe das Ruder und die dogmatischeren Worte, aber das nützt dem Opfer leider wenig. Ein Disput unter Gleichberechtigten über Sinn und Unsinn des Exorzismus wird nicht geführt. Michaela ist nach kurzem Widerstand bereit, sich als von Gott Geprüfte, als Märtyrerin zu sehen, während die wenigen Zeugen des Prozesses betroffen die Augen zum Boden senken. Mir genügt, wie Gott es fügt. Amen.


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