BROKEBACK MOUNTAIN

*** BROKEBACK MOUNTAIN * USA 2005 * Musik: Gustavo Santaolalla, Emmylou Harris, Willie Nelson, Rufus Wainwright, u. a. * Kamera: Rodrigo Prieto * Drehbuch: Diana Ossana und Larry McMurtry, nach der gleichnamigen Kurzgeschichte von E. Annie Proulx * Regie: Ang Lee * Darsteller/-innen: Heath Ledger, Jake Gyllenhaal, Michelle Williams, Anne Hathaway, Randy Quaid, Linda Cardellini, Anna Faris, Kate Mara, Cheyenne Hill, Brooklynn Proulx, u. a. * 134 Minuten * (8 von 10 Punkten) ***


(Bildrechte: Tobis)

Synopsis: Wyoming, 1963. Die beiden 19jährigen Ranch-Arbeiter Ennis Del Mar (Heath Ledger) und Jack Twist (Jake Gyllenhaal) bekommen vom Farmer Aguirre den Auftrag, einen Sommer lang seine Schafherde auf dem BROKEBACK MOUNTAIN zu hüten. Die beiden ungleichen jungen Männer – optisch scheinbar einer „Marlboro“-Werbung entsprungen, weil den Stetson tief ins Gesicht gezogen, die Fluppe ständig im Mund und kein Wort zuviel – zieht es in einer bitterkalten Nacht ebendort so plötzlich wie unvermittelt zueinander: Sie haben rabiaten, leidenschaftlichen Sex, und können auch in der nächsten Nacht nicht voneinander lassen.

Doch ihr gemeinsames Glück auf dem BROKEBACK scheint nur diesen Sommer zu dauern. Die beiden gehen nach getaner Arbeit getrennte Wege, Ennis kehrt in sein nahe gelegenes Heimatdorf Riverton, Jack in seine Heimat Texas zurück, und die beiden hören vier Jahre lang kein Wort voneinander.

Beide heiraten, Ennis seine Jugendliebe Alma, Jack die Rodeo-Schönheit Lureen. Ennis und Alma bekommen zwei Töchter, Jack und Lureen zeugen einen Sohn (besser: ein Enkelkind für den Schwiegervater, der Jack leidenschaftlich hasst).

Doch als Jack auf einer Geschäftsreise bei Ennis in Wyoming vorbeischaut, ergreift „diese Sache“ – wie Ennis sie nennt – wieder Besitz von ihnen. Andere würden es Liebe nennen. Dumm nur, dass sie dabei von Ennis’ Frau beobachtet werden …

Kritik: Knapp zwei Stunden lang glaubt man tatsächlich, es bei BROKEBACK MOUNTAIN mit einer Chimäre zu tun zu haben. Wie bitte? Das soll der wahrscheinlich beste Film des Jahres sein? Dieser Film hat drei „Oscars“, vier „Golden Globes“ und die „Goldene Palme“ in Cannes – nebst unzähliger weiterer Preise, versteht sich – abgeräumt? Dafür? In diesen zwei Stunden bleibt die so ungewöhnliche, wie aufgrund der herrschenden Umstände unerfüllt bleibende Liebesgeschichte zwischen den beiden Schafhirten (Schafhirten, nicht Cowboys!) Ennis und Jack spröde und zäh, trotz kraftvoller Naturaufnahmen (die manchmal an die „Western“ von Wim Wenders, dann wiederum an die „Marlboro“-Werbung erinnern) und sich ganz zögerlich aufs crescendo hinarbeitender, wundervoller Musik von Gustavo Santaolalla.

„Ich bin ein independent movie“, scheint der Film mit jeder Einstellung zu behaupten, „ich darf mich so karg präsentieren“: Wer ein schwules VOM WINDE VERWEHT erwartet, wird definitiv enttäuscht sein – grandiose Landschaftsaufnahmen ja, aber große Gefühle? Hell, no! (Naja, aber was will man von Cowboys auch erwarten?)

Der Film lässt (zu?) lange den Zuschauer außen vor, gibt sich genauso verschlossen wie seine zwei wortkargen Protagonisten ihren Ehefrauen und der gesamten restlichen Außenwelt gegenüber. Das hat mitunter fast böse Folgen für die Glaubwürdigkeit der Geschichte: Bevor die beiden Cowboys im Zelt unvermittelt die Hosen herunter lassen, haben sie gerade einmal zehn Worte und Blicke ausgetauscht – woher die plötzliche Leidenschaft kommt, bleibt einem ein Rätsel … ihnen selbst allerdings wohl auch. Diese Gewissheit transportiert BROKEBACK MOUNTAIN immerhin und bekommt in dieser Beziehung gerade noch mal die Kurve.

Aber auch nach der ersten „Begegnung“ von Ennis und Jack auf dem BROKEBACK MOUNTAIN bleibt der Film seltsam blutleer, er bekommt mitunter sogar halbdokumentarischen Charakter, so sehr nimmt er sich zurück. Ausgerechnet TIGER & DRAGON-Regisseur Ang Lee kocht hier auf Sparflamme: Szenen kommen und gehen, Schnitte werden scheinbar wahllos gesetzt, die Jahre vergehen – und gleichzeitig mit ihnen Ennis und Jack. Beide werden zu mehr (Ennis) oder weniger (Jack) verbitterten, vom Leben enttäuschten Männern.

Dem Zuschauer wird diese Enttäuschung fast beiläufig mitgeteilt, er bekommt sie allerdings kaum zu spüren; was man allerdings zu spüren beginnt, ist eine sich subtil einschleichende Eiseskälte, ein Gefühl der absoluten Hoffnungslosigkeit … und die langsam aufkeimende Gewissheit, dass Meisterregisseur Ang Lee die ganze Zeit geblufft und dass BROKEBACK MOUNTAIN seine Karten längst noch nicht ausgespielt hat … und dass dieser letzten Endes dann tatsächlich grandiose Film mit einem Finale aufwartet, das es gar nicht nötig hat, Filmgeschichte zu schreiben, weil es jetzt schon Filmgeschichte ist:

Die letzten fünfzehn Minuten sind das Bewegendste, was ich jemals im Kino gesehen habe!
Die letzten dreißig Sekunden vor dem Abspann tun körperlich weh!

BROKEBACK MOUNTAIN endet derart furios, schrecklich, furchtbar, herzzerreißend, wahrhaft Rückgrat-brechend, dass man sich plötzlich in einem Kinosaal wiederfindet, in welchem während des Abspanns kollektiv hemmungslos, laut und langanhaltend geweint wird. Gespenstisch, echt.

Der Schmerz wird hoffentlich irgendwann vergehen; dieser Film aber wird als eines der ganz großen Hollywood-Melodramen die Zeit überdauern.


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