ICH UND DU UND ALLE, DIE WIR KENNEN

*** ICH UND DU UND ALLE, DIE WIR KENNEN / ME AND YOU AND EVERYONE WE KNOW * Großbritannien / USA 2005 * Drehbuch und Regie: Miranda July * Darsteller/-innen: John Hawkes, Miranda July, Miles Thompson, Brandon Ratcliff, Carlie Westerman, Hector Elias, Brad William Henke, Natasha Slayton, Najarra Townsend, Tracy Wright, u. a. * 91 Minuten * (7 von 10 Punkten) ***

Ich und du alle, die wir kennen
(Bildrechte: Alamode Film)

Synopsis: Schuhverkäufer Richard Swersey, als Ehemann und Vater scheinbar gescheitert, muss miterleben, wie seine Familie auseinander bricht. Seine Frau hat sich wegen eines Anderen von ihm scheiden lassen, seine zwei Söhne reden kaum noch mit ihm und packen bereits ihre Sachen, um zu ihrer Mutter zu ziehen.

Da trifft Richard auf die etwas neurotische Christine Jesperson, ihres Zeichens Videokünstlerin, die ansonsten ein Rentner-Taxi betreibt, und welche sich stante pede in ihn verliebt.

Während Richard die etwas ungewöhnlichen Avancen von Christine zunächst einmal etwas zu weit gehen, zumal er sich vor einer neuen Bindung fürchtet, machen seine Söhne ihre ersten sexuellen Erfahrungen, woran zwei unbekümmerte und mehr als neugierige teenager-Mädchen nicht eben unschuldig sind …

Die Probleme, die die „Erwachsenen“ derweil haben, lassen sich allerdings scheinbar nicht so einfach lösen …

Kritik: „Rated R for disturbing sexual content involving children“, meint die amerikanische MPAA, welche die Altersbegrenzung für Filme in den USA festlegt. (Hierzulande ist der Film im übrigen ab 12 Jahren frei gegeben, im katholischen Irland dagegen bezeichnenderweise erst ab 18.)

Okay, ICH UND DU … handelt unter anderem von einem blowjob contest zwischen Vierzehnjährigen und einem internet sex chat eines Siebenjährigen. Aber bevor jetzt irgendwer „Pädophilie“ schreit …: ICH UND DU … ist das Gegenteil von einem Skandal, nämlich vollkommen harmlos; ein so naiv-unschuldiger, wie ungeheuer ernsthafter kleiner independent-Film, gedreht von der auch im wirklichen Leben an Videoinstallationen arbeitenden Konzeptkünstlerin Miranda July, die ebenfalls die weibliche Hauptrolle in ihrem Drehbuch- und Regie-Debüt spielt, welches u. a. in Cannes und beim Sundance hochdekoriert wurde.

Aber die Herangehensweise der 32jährigen an das ach so heikle Thema Sexualität ist tatsächlich ungewöhnlich: Während die allesamt minderjährigen Kinder und teenager in ihrem Film völlig selbstverständlich und ohne Hemmungen ihre Sexualität, oder das, was sie dafür halten, ausprobieren, sind ihre erwachsenen Figuren ausnahmslos am Leben scheiternde, neurotische, aber dennoch höchst liebenswerte Menschen. Vom Alltag verhärmt, sehnen sie sich nach ein wenig mehr menschlicher Nähe und Wärme.

Liebenswert ist dann auch der gesamte Film, der mit seinen gerade einmal 91 Minuten noch dazu höchst kurzweilig daher kommt. Wunderbar poetische Stillleben und ernsthafte Reflexionen über das ewige Liebesleid wechseln sich mit brüllend komischen Stellen ab: So ist der anonyme internet sex chat des siebenjährigen Robby mit einer ihm zunächst noch unbekannten Frau an Komik nicht mehr zu überbieten; hier wird die Angst erwachsener Menschen vor Sexualität und ihre völlig neurotische Suche nach ein wenig mehr Liebe in ihrem tristen Vorstadt-Leben auf solch wunderbar unschuldige Weise auf die Schippe genommen, dass man seinen Augen und Ohren kaum traut. Ich kann das hier mit Worten nicht beschreiben, das muss man einfach gesehen haben!: „))<>(( forever!“ (Die SAW-Filme sind eventuell „pervers“ zu nennen, dieser hier nicht, ganz im Gegenteil!)

Ärgerlich an ICH UND DU … ist allerdings die Tatsache, dass aus all diesen menschlichen Schicksalen und kleinen Geschichten, die Miranda July mit leichter Hand entwirft, sich einfach kein stimmiges Bild ergeben will: ICH UND DU … ist kein Film, sondern ein Sammelsurium aus scheinbar wahllos aneinander gereihten Szenen und Sequenzen, und plötzlich fangen die credits an zu rollen und man fragt sich baff: „Was? Das war’s jetzt schon?“

Auch empfinde ich es als merkwürdig, dass Miranda July die von ihr selbst verkörperte Filmfigur so neurotisch darstellt, „annoying as hell“, wie ein Kritiker schreibt. So weit würde ich zwar nicht gehen, aber sie nervt leider manchmal schon. Deswegen hat mich Miranda Julys Debüt dann auch nicht restlos überzeugt, obwohl die Underground-Ikone vor allem zum Ende hin Bilder erzeugt, die von beinahe transzendentaler Schönheit sind.

P.S.: In der Sitzreihe im Kino hinter mir fiel übrigens während des Films irgendwann der Satz: „Ist das krank!“

Nein, eben nicht. Krank ist vielmehr, wer ICH UND DU UND ALLE, DIE WIR KENNEN vorwirft, der Film sei krank. Da ich meinen eigenen Worten diesmal ausnahmsweise nicht traue, würde ich gerne ein Zitat aus dem „film-dienst“ anfügen, um nochmals klar zu stellen, dass dieser Film eben nicht bedenklich, geschweige denn pervers, sondern ungeheuer mutig ist:

„July gelingt eine ungeheure Gratwanderung: Sie behandelt kindliche und jugendliche Sexualität mit größtmöglichem Takt, ohne peinliche Verschämtheit oder gar Hysterie. Dabei ignoriert sie keineswegs reale Gefahren; pädophile Szenarien werden jedoch abgewendet, beziehungsweise entpuppen sich als kurioses Missverständnis. Während sich die Kinder heimlich mit unschuldigen Sex-Fantasien beschäftigen, hoffen die Erwachsenen, dass die Liebe sie aus ihrem Alltag reißen möge.“


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