HALLESCHE KOMETEN

Hallesche Kometen (Deutschland, 2004)

Regie: Susanne Irina Zacharias. Drehbuch: Ivan Dimov u. Sarah Esser
Mit: Hanno Koffler (Ben), Peter Kurth (Karl), Marie Rönnebeck (Jana), Max Riemelt (Ingo) u.a.
78 Minuten      (5 von 10 Punkten)


(Bildrechte: Zauberland Film)

Halle an der Saale, Gegenwart. Karl, um die Fünfzig, ist arbeitslos und chronisch lethargisch, seit seine Frau vor zweieinhalb Jahren bei einem Autounfall starb. Sein Sohn Ben, Anfang 20, trägt mit seinem Botenjob zum Überleben der beiden bei, was aber unverhofft schwieriger wird, als dem Vater für 3 Monate die Stütze gestrichen wird. Dies wird zur zusätzlichen Belastung der Beziehung, zumal die neue Freundin Jana Bens alte Träume vom Reisejournalismus neu aufleben lässt.

Große Dinge werden in Hallesche Kometen auf kleiner Flamme gekocht. Er liefert Zeugnis vom Schicksal der kleinen Leute, die namentlich keiner kennt. Der Film spielt in einer Stadt, von der man gemeinhin nichts weiß. Die Schauspieler sind überwiegend neue Gesichter für die Leinwand. Und dramatische Lösungen werden auch nicht verheißen. Am Ende hat sich für die Charaktere objektiv kaum etwas geändert, allenfalls die unbestimmte Hoffnung hat nach einigen reinigenden Gewittern neue Nahrung bekommen. Ein klein wenig, aber immerhin.

Es ist der Abschlussfilm der 32-jährigen Susanne Irina Zacharias an der Film-Hochschule Potsdam-Babelsberg. Ein 78-minütiger Blick auf das Schicksal zweier Menschen im Osten Deutschlands, eingebettet in die wenig anheimelnde Plattenbau-Architektur von Halle an der Saale. Ursprünglich sollte Leipzig der Ort der Handlung sein, aber letztendlich ist’s ohnehin gleich, in welcher Tristesse sich das Ringen um das Überlegen jetzt und einer erträumten Zukunft abspielt. Nur die Affinität zum Osten Deutschlands musste gegeben sein, was besonders in der Person von Bens Vater deutlich wird.

Karl war in DDR-Zeiten Brigadier (Vorarbeiter) im Hochbau, nun gehört er zu den vielen Verlierern der Wiedervereinigung und kriegt nach dem Tod seiner Frau (dem energischeren Part der Ehe) nichts mehr geregelt. Ohne Motivation vegetiert er dahin, Familiendias und alte Möbel halten sehnsuchtsvolle Erinnerungen an bessere Zeiten wach. Für die Arbeitsagentur ist er ein Eintrag in der Datei. Die ganze Plattenbausiedlung ist zum Abriss bestimmt. Ein Leben auf dem Abstellgleis.

Die wirtschaftlichen Aspekte bilden den allgegenwärtigen Rahmen der Geschichte, die sich indes auf das Zwischenmenschliche konzentriert. Hauptperson ist nämlich nicht Karl, sondern sein Sohn Ben mit seinem von stoischer, beinahe unglaublicher Unermüdlichkeit geprägten Ringen um das Auskommen der Restfamilie, hinter dem er seine eigenen Ambitionen vollkommen zurücksteckt. Es ist ein Vater-Sohn-Konflikt auf die andere Art: Nicht aktiv wird vom Vater dem Sohn der Weg in die eigenen Existenz versperrt, sondern dadurch, dass Ben schon früh Verantwortung für ein anderes Leben übernimmt, ohne ein eigenes gehabt zu haben. Eine interessante Konstellation, die mit ganz wenigen Akteuren auskommt, und der ganze Film ist quasi eine Aneinanderreihung von Zweiergesprächen: Ben und sein Freund Ingo, Ben und Jana und schließlich natürlich Vater und Sohn. Die Szenen der beiden in der engen und schmuddeligen Wohnung sind besonders intensiv, obwohl von beiden Akteuren mimisch und gestisch nur wenig geboten wird: Karl, weil es die Rolle so gebietet, Ben, weil er’s vielleicht nicht besser kann.

Letztendlich ist Hallesche Kometen ein Gut-Film, der – wenn überhaupt – nur ganz verhalten den mahnenden Zeigefinger hebt. Er polarisiert nicht, weil er keine Extreme zeigt. Er beschreibt ein Einzelschicksal, das in seinem Mikrokosmos von der Problematik durchaus bewegt, aber immer gerade noch einen Ausweg findet, bevor es ganz schlimm für die Akteure kommt. Passend dazu das besänftigende Ende: Das zwischendurch leck geschlagene Schiff ist wieder fit für die ungewisse Fahrt Richtung ziellose Weiten.

P.S.: Erinnert sich noch jemand an die 11’09’’01-Episode von Sean Penn mit Ernest Borgnine, als beim Fall des WTC das Licht durch sein Fenster dringt? An jene habe ich mich auch beim Halleschen Komenten erinnert gefühlt.


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