KALTES LAND

Kaltes Land     (North Country, USA 2005)

Regie: Niki Caro
Drehbuch: Michael Seitzman, nach dem Buch Class Action von Clara Bingham & Laura Leedy
Kamera: Chris Menges. Musik: Gustavo Santaolalla
Mit: Chalize Theron (Josey Aimes), Frances McDormand (Glory), Sean Bean (Kyle), Woody Harrelson (Bill White), Richard Jenkins und Sissy Spacek (Joseys Eltern) u.a.
126 Minuten   (8 von 10 Punkten)

Inhalt: USA, Mittlerer Westen, 1979. Josey Aimes hat das Joch der kaputten Ehe satt und zieht mit ihren zwei Kindern zurück in die Heimat nach Minnesota. In dem Kaff ist man wenig erfreut über die Rückkehr der missratenen Tochter, die nicht einmal zu wissen scheint, wer der Erzeuger ihres Sohnes ist. Als Josey der Existenzsicherung wegen beim größten Arbeitgeber vor Ort – einem Erzbergwerk – anheuert und damit zu den wenigen Frauen überhaupt gehört, die in dieser Männerdomäne arbeiten, kommt alles noch schlimmer. Die täglichen verbalen und bald auch physischen Diskriminierungen, der die Frauen dort ausgesetzt sind, lassen sich von Josey nicht mehr mit dem angeratenem Fatalismus aushalten, zumal ihre Anstrengungen um gerechte Behandlung sie auch im Privatleben immer mehr isolieren. Der Gang vor Gericht scheint die letzte Hoffnung zu sein.

Wer sich für Erin Brockovich (2000) begeistern konnte, wird definitiv auch an Kaltes Land Gefallen finden, sind sich doch beide Filme von der Grundhandlung ähnlich. Eine nordamerikanische Underdog erträgt Unrecht nicht länger, lehnt sich gegen Missstände und scheinbar übermächtige Gegner auf und reüssiert am Ende. Leider wird Chalize Theron, obwohl souverän agierend und nominiert, nicht den Oscar bekommen: Zu frisch ist noch die Erinnerung an die Darstellung der allein erziehenden Mutter und Amateur-Anwaltsgehilfin aus Los Angeles. Dabei ist Kaltes Land meiner Meinung nach der bessere, weil ausgewogenere und auch gefühlsbetontere Film, der weitaus tiefer unter die Haut geht als die im Grunde One-Woman-Show von Julia Roberts anno 2000.

Bei Kaltes Land ist der Name Programm. Minnesota, Fargo-Land, da liegt praktisch immer Schnee. Das ändert sich auch während des gesamten Filmes nicht. Es fröstelt in der us-amerikanischen Provinz, will sagen: Harte Naturen sind gefragt, um den Widrigkeiten zu wehren. Josey versucht ihr Bestes, aber der Film ist keine Minute alt, da liegt sie schon am Boden, das Gesicht geschwollen und blutig geschlagen von ihrem brutalen Ehemann. Weil der keine Arbeit findet, wie sie ihr Vater später lakonisch belehrt. Sie flieht. Zurück ins ungeliebte Elternhaus, aber mit der Hoffnung auf einen Neuanfang.
Eine ähnliche Konstellation wie vor drei Jahren, als Miss Theron als Aileen Wuornos in Monster (2003) den Gespenstern ihrer Vergangenheit zu entfliehen suchte und ihr Publikum in ein Wechselspiel von Sympathie und Abscheu katapultierte. Diesmal verfolgen wir Joseys Lebens- und Leidensweg mit uneingeschränktem Mitgefühl. Ihre Rolle lässt im Prinzip auch keine andere Emotion zu, eine Eindimensionalität in der Wirkung ist nicht zu bestreiten, obwohl die Ursache ganz einfach die ist, dass jene Josey nichts Besonderes ist und auch nicht sein will. Ihre Ziele unterscheiden sich in nichts von denen vieler anderer Bewohner in der Bergwerksstadt: Eigenes Geld verdienen, das dann für die Erziehung der Kinder und möglicherweise ein kleines Häuschen reicht. Sie ist ein Herdentier, das in der Gemeinschaft Schutz findet und außerhalb leicht zum Opfer wird (wie es Woody Harrelson als ihr Anwalt Bill White später konstatiert).

Die Welt, in die sich Josey begibt, wird denn auch immer wieder in eindringlichen Bildern eingefangen: Lange Kamerafahrten über die vergewaltigte Landschaft, über die Dächer der Industrieanlagen, weißer Rauch dringt aus den Schloten, schwer beladene Güterzüge ziehen ihre Bahn. Die Menschen bewegen sich wie Ameisen zwischen den riesigen Aufbauten, sie sitzen eingepfercht in den haushohen Baggern und LKW. In den Produktionsstätten herrschen Lärm, Hitze, Gestank, es ist eine Welt aus Stahl, Stein und Beton. Wer das nicht verträgt, der hat hier auch nichts zu suchen, und Frauen, die überhaupt erst seit 1975 von Rechts wegen einen Anspruch auf einen solchen Arbeitsplatz haben, nehmen gemeinhin nur den wirklich Tauglichen (den Männern) die Stellen weg.

Jene Erkenntnis ihrer Rolle bzw. Position in der Bergarbeiter-Welt lässt Josey auch über weite Strecken die häufigen und vielfältigen Anzüglichkeiten der überwiegend männlichen Belegschaft ertragen. Diskriminierungen, die dem deutschen Zuschauer von Anfang an einen Schlag in den Bauch, wenn nicht gar eine Etage tiefer verpassen. Und heutzutage umso absurder anmuten angesichts der weit verbreiteten (und belegten) Ansicht, dass man in Ami-Land jedes Wort auf die Goldwaage legen muss, um nicht einen Prozess wegen sexueller Belästigung an den Hals zu kriegen. So ist denn, obwohl die wahren Geschehnisse kaum 17 Jahre zurückliegen, der Film nur aus sozio-historischer Sicht begreiflich. Damals galt die Devise: Nimm die vorherrschenden Verhältnisse – Frau als Freiwild ungeahnter (sic!) Demütigungen – wie ein Mann. „Hier in der Mine bist du ein Cowboy, nicht ein Cowgirl“, gibt die taffe Glory der Neuen gleich mit auf den Weg.

Neben der fehlenden Rechtslage sind es einfach die überkommenen Verhältnisse, die jene ange-prangerten Verhältnisse möglich machten. Auch in den Köpfen der meisten Frauen „in der Provinz“ herrschte das Bild der Aufgabenteilung „Mann = Fabrik, Frau = Haus und Familie“ vor, und jene, die sich daran nicht halten, stören das Gefüge, ja provozieren in der Mine gar die hart arbeitenden Ehemänner. Wer sich in Gefahr begibt … Unterschreiben würde ich auch die Vermutung, dass die Sitten in den Produktionsstätten in Bergbau und Industrie auch heute noch etwas derber sind als z.B. in Verwaltung oder Dienstleistung.
Der Film zeigt in seinen Kernszenen die Spitzen dessen, was sich die Männer als „Spaß“ ausgedacht haben, im Geiste ist dazuzurechnen der ständige Überlebenskampf als Minderheit in einer feindlichen Arbeitsumgebung und die wachsende Aversion, jeden Morgen von neuem in diese Welt aufzubrechen. Wer das einmal durchgemacht hat, weiß, wovon ich rede. Aber warum wegen dem bisschen Ärger einen Job riskieren, der sechsmal so viel einbringt wird die Plackerei als Friseurin oder Kellnerin?

Als seien die Konflikte (um das mal harmlos auszudrücken) an Joseys Arbeitsplatz nicht Stoff genug, beinhaltet das Drehbuch von Michael Seitzman noch Rückgriffe auf ihre Zeit als Teenager, bringt familiäre Ressentiments in Interaktion und mündet schließlich in der für solche Sujets beinahe typischen Gerichtsverhandlung.

Doch Josey ist – wie gesagt – keine geborene Heldin, sondern entspricht eher dem gern gezeigten Bild eines Vertreters der „kleinen Leute“, der versucht, seinen Kopf über Wasser zu halten und sich trotz aller Konventionen das Gespür für Ungerechtigkeit bewahrt hat. Um dieses Bild glaubhaft zu verkaufen, bedient sich Regisseurin Niki Caro zweier Vorgehensweisen: Zum einen ist die Handlungsstruktur nicht linear aufgebaut, sondern Joseys Weg wird durch einige Rückblenden in die Schulzeit und „Live-Schaltungen“ in den Gerichtssaal unterbrochen. Eine zu rasche Beschleunigung Eskalation wird dadurch vermieden. Zum anderen gibt es eine stattliche Anzahl von Nebenrollen, die die Verhältnisse in einer Arbeits- und Lebenswelt voller überkommener Ordnungen, Zwänge und Hoffnungen beleuchten. Richard Jenkins, Frances McDormand, Sean Bean, sie haben alle ihre exquisiten Szenen im Solidargeflecht der Geknechteten, und Woody Harrelson bekam praktisch die einzige lustige (Kneipen-) Szene ins Drehbuch geschrieben. Sie geben der Geschichte zusätzliche menschliche Facetten.
Denn natürlich ist der gewöhnliche männliche Mining-Worker im Grunde kein schlechter Mensch, so mag das Credo des Films lauten, sondern gleicht den oben beschriebenen Schafen, die gegen Verände-rungen allergisch reagieren. Borniert, bockig, aber unschuldig. So bleiben am Ende nur die Firmen-bosse und deren Anwältin als die wirklich Fiesen zurück, die Herde wurde durch eine Aufrechte aus ihrer Kaste aufgeweckt und letztlich auch geläutert. So mag man es im Ami-Land, und Kaltes Land basiert immerhin auch auf dem wahren Fall: Lois Jenson brachte die erste gerichtliche Sammelklage aufgrund von sexueller Belästigung vor Gericht.

Niki Caro hat es vorzüglich geschafft, den persönlichen Kampf einer Frau um ein bescheidenes Leben in Gerechtigkeit mit der Schilderung sozialer Verhältnisse in der Arbeitswelt zu verquicken und konnte dem schon leidlich beackerten Thema David gegen Goliath ein paar neue Impulse hinzufügen. Aber Achtung: Wer nahe am Wasser gebaut ist, sollte vorsorglich ein paar Taschentücher mitbringen. Mich hat es bei der Gewerkschaftsversammlungs-Szene beinahe weggeschwemmt. Und das will wirklich was heißen.


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