DIE GEISHA

Die Geisha      (Memoirs of a geisha, USA 2005)

Regie: Rob Marshall. Drehbuch: Robin Swicord, nach dem Roman von Arthur Golden
Mit: Zhang Ziyi (Sayuri), Michelle Yeoh (Mameha), Ken Watanabe (Direktor Iwamura), Gong Li (Hatsumono), Koji Yakusho (Nobu), Suzuka Ohgo (Chiyo = die junge Sayuri) u.v.a.
145 Minuten    (4 von 10 Punkten)

Inhalt: Kyoto, Japan zu Beginn der 30er Jahre. Nur ihre außergewöhnlichen grauen Augen bewahren die neunjährige Chiyo davor, im Armen- oder Freudenhaus zu landen. Stattdessen eröffnen die Launen des Schicksals ihr die Ausbildung zur und die Karriere als gefeierte Geisha Sayuri.

Kommentar: Das Problem mit Epen ist, dass Masse noch lange nicht Klasse ist. Für den einen ist das „Genug!“ nach neunzig Minuten erreicht, für den anderen hätte der Wohlgenuss noch einige Stunden weitergehen können. Rob Marshall, der Arthur Goldens Roman beinahe vollständig verfilmt hat und somit mehr als zwanzig Jahre des Lebens von Chiyo bzw. Sayuri auf die Leinwand bannt, bedient mit seinem Werk eher ein Publikum, dass sich auf große Gefühle, opulente Ausstattung, dramatische Musik und wunderschöne Menschen freut. Und wirklich nur jenes.
Die Bilder sind ein Fest für das Auge. Es wird nicht gekleckert. Das wieder auferstandene Gion, der traditionelle Geisha-Stadtteil von Kyoto, erstrahlt in einer Exotik, Lebendigkeit und vor allem Makellosigkeit, dass man sich kaum vorstellen kann, dass die alte Kaiserstadt in ihren besten Tagen so ausgesehen hat. Aber mit der 70-Millionen-Produktion, in der ganze Straßenzüge im Studio nachgebaut wurden, macht Hollywood seinem Ruf als Traumfabrik alle Ehre.

Anders als in der Romanvorlage, deren Erzählstil eher behäbig ist und sich über Passagen hinweg in winzige Details verschließt, reiht Marshall in seinem Film die visuellen und akustischen Attraktionen wie ein Perlenkette aneinander und lässt den Zuschauer kaum zur Ruhe kommen. Er reißt uns mit, während wir noch gerne verweilen und das soeben Entdeckte verinnerlichen wollen. So bestaunen wir quasi im Schnelldurchlauf die Pracht eines Kimonos, die Makellosigkeit der geschminkten Gesichter oder auch nur den Anreiz einer Nackenlinie, sehen aber nur das perfekte Ergebnis, wo doch der Weg von der normalen Frau zur Gei-Sha („Kunst-Person“) der eigentlich reizvolle Part ist. Wie sehr hätte ich mir die Langsamkeit, aber auch Intensität von Das Mädchen mit dem Perlenohrring (2004) gewünscht, wo die Macht der Farben und Materialen im Atelier, gepaart mit der Könnerschaft des Künstlers, zu einer Einheit wird. Dieser Zauber fehlt in Die Geisha völlig.

Nun würde man kunstvolle Langsamkeit kaum vermissen, wäre die Handlung spannend und/oder tiefgründig. Sie leider keines von beiden. Die Geschehnisse, aus dem Off von Sayuri kommentiert, erscheinen wie durch einen Schleier der Gutherzigkeit und Verharmlosung.So, als habe die Zeit alle Wunden geheilt. Schon das Buch ist beileibe keine beherzte Anklage der damaligen Verhältnisse, lässt aber viel Raum für Imagination. Der Film präsentiert sich hingegen als dermaßen sättigend, dass man erst im Nachhinein merkt, wie wenig nachhaltig der Inhalt war. Die Irrungen und Wirrungen bis hin zum unweigerlichen Happyend unterscheiden sich nur durch die fernöstlichen Locations von der prinzipiellen Vorhersehbarkeit der meisten Seifenopern.

Suzuka Ohgo kann als die kleine Chiyo im ersten Drittel noch in einigen anrührigen Szenen („Kinderbonus“) glänzen. Das darüber hinaus dominierende Gefühl Mitleid gilt dann aber weniger den Charakteren als den Schauspielern/innen, die nachweislich mehr können, als ihnen in Die Geisha abverlangt wird. Ausnahmslos jede Figur ist dermaßen eindimensional und seicht, dass ich meine Aufmerksamkeit getrost zwischendurch den teuren Dekors widmen konnte. Nicht einmal Gong Li als böse Hatsumomo erhält vom Drehbuch genug Raum, um Akzente zu setzen, zu dominant ist die Welt der gut situierten Herren und gleichförmig ergebenen Frauen.
Da nimmt es nicht wunder, dass brisante Themen wie z.B. die buchstäbliche Leibeigenschaft der jungen Frauen vom Geisha-Haus oder die verzweifelte Suche nach einem reichen Gönner weitgehend ausgespart werden. Aber wenn der Film bei einigen der einfacheren Übungen hinter den Erwartungen zurück bleibt, wer will über ihn dann noch in jenen heiklen Fragen den Stab brechen?


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