MATCH POINT

Match point      (GB, USA, Lux, 2006)

Buch und Regie: Woody Allen
Mit: Jonathan Rhys Meyers (Chris Wilton), Scarlett Johansson (Nola Rice), Emily Mortimer (Chloe Hewett Wilton), Brian Cox (Alec Hewett), Matthew Goode (Tom Hewett) u.a.
123 Minuten     (6 von 10 Punkten)

Match Point
(Bildrechte: Polyfilm Filmverleih)

Darf man Sympathie empfinden für einen Mann, der instinktsicher die sich ihm bietenden Chancen zum eigenen Vorteil nutzt und letztlich zur Wahrung seiner Interessen über Leichen geht? Sicherlich nicht. Wäre ja auch moralisch völlig verfehlt. Und dennoch kann man sich nicht der Faszination entziehen, die von Jonathan Rhys-Meyers in der Rolle des Christopher „Chris“ Wilton ausgeht. Einem sich als Tennistrainer verdingenden Ex-Profi-Sportler, dem es gelingt, die Treppe hinauszufallen bis zum Schwiegersohn des englischen upper-class-Unternehmers Alec Hewett. Auf dem Court hat ihm, dessen Spiel sich durch Konstanz auszeichnete, das Glück gefehlt, aber nun, im eigentlichen Leben, scheinen die entscheidenden Bälle alle auf die anderen Seite des Netzes zu fallen.

Allerdings hat er es dort auch in der Mehrzahl mit Mitspielern zu tun, die seine zugrunde liegenden Absichten völlig verkennen und – schlimmer noch – ihm haufenweise Steilvorlagen auf seinem Weg ins warme Nest liefern. Die Hewetts sind bestenfalls Sparringspartner. Borniert in ihrer Haltung zu Menschen, die nicht ihren Vorstellungen entsprechen, aber dennoch leicht zu täuschen, wenn man ihnen servil um den Bart streicht. Als Chris erst einmal Verlangen in Töchterchen Chloe entflammt hat, ist der Rest der Familie ebenso leicht um den Finger zu wickeln. Das Bild, das Regisseur Woody Allen hier exemplarisch von der englischen Gesellschaftsschicht zeigt, ist wenig schmeichelhaft. Die Liste mit teuren Opern- und Restaurantbesuchen, Mohrschneehuhnschießen auf dem Landsitz und der Sorge, wer zuerst für den Stammhalter der Familie sorgt, zeugt von einer entlarvenden Sicht stereotypen Standesverhaltens, wie man sie auf französischer Filmseite von Claude Chabrol kennt.

Wen wundert es, dass sich die Kamera ganz auf Rhys-Meyers einschießt, der meines Wissens bislang noch keine so dominante Rolle vorzuweisen hatte. Kaum eine Szene findet ohne den mit karger Mimik und zurückhaltenden Gesten agierenden Mimen statt. Und man fragt sich lange Zeit, wer mehr zu bedauern ist: Die Hewetts, die sich dieses Kuckucksei ins Nest geholt haben, oder Chris, der für den schnöden Mammon ein Leben im goldenen Käfig in Kauf genommen hat?

Beschränkte sich der Film auf jenen gesellschaftskritischen Aspekt, so würde er bei aller Brillianz von Rhys-Meyers über kurz oder lang eine trockene Angelegenheit werden, bei der man sich bestenfalls noch fragt, ob nicht auch die Hewetts selbst Gefahr laufen, auf Chris‘ Weg nach oben zu einem Hindernis zu werden. Aber Allen gelingt es nicht nur, mit Nola Rice einen Charakter in die Story einzubauen, der stark genug erscheint, dem skrupellosen Emporkömmling Paroli zu bieten, sondern ihn auch noch mit der zurzeit angesagtesten Jungschauspielerin zu besetzen. Für Scarlett Johansson ist die Rolle ein weiterer Schritt, sich von den mädchenhaften Image zu befreien, das sie noch in Lost in translation (2003) und Love song for Bobby Long (2004) begleitet hat. Durch sie erfährt Match point eine Lebendigkeit, die sich nicht nur in verbaler und visueller Erotik ausdrückt, sondern auch in einem Charakter mit freiem Willen jenseits von Standesdünkel und Berechnung. Miss Johansson ist gewiss nicht die schlechteste, mit Sicherheit aber die publicityträchtigste Wahl dafür.

Bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Ring gegen das Metallgeländer prallt, vollzieht sich der Film wie aus der Schreibe einer Patricia Highsmith und hätte hier ein passendes (offenes) Ende finden können. Aber Allen setzt noch 20 Minuten drauf, die nun weitaus mehr seine Handschrift tragen und vielleicht gerade wegen der nicht einmal unspannenden (und z.T. komischen) Wendungen nicht recht zu der stringenten Erzählungweise zuvor passen. So sehr der Film auch an Detail und Tempo gewinnt, so fatal fremd wirkt sich der „Appendix“ auf die bisher konsequent verfolgte Einheit zwischen Form und Inhalt aus. Und dieser Schlussakkord – sorry – ist für mich nur die zweitbeste Lösung.


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