SOMMER VORM BALKON

*** SOMMER VORM BALKON * Deutschland 2005 * Musik: Nana Mouskouri, Vicky Leandros, Marianne Rosenberg, u. a. * Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase * Regie: Andreas Dresen * Darsteller/-innen: Inka Friedrich, Nadja Uhl, Andreas Schmidt, Stephanie Schönfeld, Christel Peters, Kurt Radeke, Hannes Stelzer, Vincent Redetzki, Axel Prahl, u. a. * 105 Minuten * (7 von 10 Punkten) ***

„Hinter all diesen Fenstern leben Menschen / du hast es immer geahnt / dass sie es wert sind zu bleiben“ (Tomte)

„Gib es zu, du warst beim Nana Mouskouri-Konzert / ich war auch da, und du hast geweint“ (Funny van Dannen)

Synopsis: Katrin (Inka Friedrich), alleinerziehende Mutter um die 40 eines in die Pubertät („Scheiße! Mädchen!“) kommenden Sohnes (Vincent Redetzki) ist schon seit Jahren arbeitslos. Neben ihrem einzigen Kind gibt ihr nur noch ihre beste Freundin und Nachbarin Nike (Nadja Uhl) den so bitter benötigten Halt im Leben: Im Sommer sitzen die beiden oft bis früh in den Morgen auf Nikes Balkon (Katrin wohnt Parterre) irgendwo im Prenzlauer Berg, schauen auf die Hauptstadt der Bundesrepublik hinunter und quatschen über Männer, genauer gesagt über die Unmöglichkeit, den Richtigen zu finden.

Genau den glaubt Nike allerdings bald ausgerechnet in Ronald (Andreas Schmidt), trucker und ein Macho vor dem Herrn, erblickt zu haben, was Katrin mehr als sauer aufstößt, denn die gemeinsamen Sommernächte auf Nikes Balkon finden mit dem Einzug von Ronald in Nikes Wohnung und Leben ein jähes Ende.

Katrin, schon vorher dem Alkohol nicht unbedingt abgeneigt, betrinkt sich daraufhin nur noch mehr, bis sie schließlich mit einer Alkoholvergiftung in der Psychatrie landet. – Für Nike, die patente und immer etwas zu „sommerlich“ angezogene Altenpflegerin, scheint dagegen alles bestens zu laufen, doch Ronalds Macho-Allüren kann selbst sie, die auf alles eine Antwort zu haben scheint, nicht kurieren …

Ihre Probleme drohen schließlich den beiden Frauen über den Kopf zu wachsen, bis sogar der Tag kommt, an dem selbst ihre Freundschaft zu zerbrechen droht …

Kritik: Andreas Dresen beweist mit SOMMER VORM BALKON wieder einmal, dass er längst der deutsche, wenn nicht gar der bessere Mike Leigh ist: „So ist das Leben – aber wirklich!“ lautet die Fußnote des Films, was natürlich sehr subjektiv gesprochen und daher eine Lüge bleibt. Dresen und seinem Drehbuchautor, Defa-Legende Wolfgang Kohlhaase (SOLO SUNNY), gelingt es aber dennoch – und dies auch noch auf eine angenehm leichte, schier mühelose Art und Weise – das Leben von Menschen im heutigen Berlin, die finanziell gesehen gerade noch so über die Runden kommen, nicht nur einzufangen, sondern derart zu illuminieren, dass man ihre „Wirklichkeit“ ohne Substanzverlust in die eigene hinüber retten kann, wenn das Licht im Kinosaal wieder angegangen ist.

Selbst im fernen, so undeutschen Chicago wurde SOMMER VORM BALKON dafür gelobt, genauer gesagt seine beiden hinreißenden Hauptdarstellerinnen Inka Friedrich und Nadja Uhl, die zusammen den Preis für die besten Schauspielerinnen beim dortigen Filmfestival im letzten Jahr nach Hause holen konnten. Dabei ist SOMMER VORM BALKON wirklich urdeutsch, angefangen bei den Dialekten und nicht einmal endend bei den so überaus proletarischen locations, denn selbst die Tonspur nudelt einen eigentlich fürchterlichen Schlager nach dem anderen herunter: „Guten Morgen, Sonnenschein!“ von Griechenlands schlimmstem Exportschlager Nana Mouskouri läuft sogar auf Dauerrotation!

Dass man dies dem Film nicht übel nimmt, ist eine bodenlose Untertreibung, denn irgendwann möchte man einfach mitsummen, trotz des menschlichen Dramas auf der Kinoleinwand vor einem, das zwar nicht durchgehend die Geschichte bestimmt, bisweilen aber derartig plötzlich und erbarmungslos auf den Zuschauer einprasselt, dass einem manchmal fast die Luft wegbleibt. Vor allem Katrin kriegt während der 105 dennoch mehr als unterhaltsamen Minuten mächtig was ab. So viel, dass es nicht nur für sie beinahe kaum noch zu ertragen ist – Dresen und Kohlhaase sei Dank, wird das Ganze mit so viel Wärme und Witz vorgetragen, dass man zwar mitbangt und -leidet, nicht aber abgestoßen wird von ihrem unverdienten menschlichen Schicksal.

Überhaupt ist erstaunlich, wie die beiden Männer hinter der Kamera die beiden Frauenfiguren davor zeichnen – Doris Dörrie würde sich wahrscheinlich freiwillig entleiben, könnte sie doch nur zumindest eine der beiden Hauptpersonen auch nur annähernd so darstellen, denn Katrin und Nike geraten bald zu so etwas wie der deutschen Antwort auf THELMA & LOUISE, so ungeheuer ist ihre Präsenz und Strahlkraft; man darf von Heldinnen, nicht bloß des Alltags, sprechen.

Kohlhaase und Dresen ist ferner hoch anzurechnen, dass sie keine ihrer Figuren auch nur für eine Sekunde lang lächerlich erscheinen lassen, nicht einmal den tumben Vorzeige-Macho Ronald, den andere Regisseure, beziehungsweise Drehbuchautoren, sicherlich zu einer Karikatur überzeichnet hätten, weil dies so nahe liegt. Kohlhaase und Dresen liegt sowas fern, ihre rückhalt-und rücksichtslose Liebe gilt wahrhaft allen Personen: Da darf selbst die Kamera einmal zu oft in Nadja Uhls üppiges decolleté fallen – es wirkt nie auch nur annähernd voyeuristisch oder gar sexistisch.

Schwierig, beziehungsweise problematisch, wird es höchstens beim Erzähltempo von SOMMER VORM BALKON, beziehungsweise dem, was die Geschichte abgeben soll. Denn zum einen ist SOMMER VORM BALKON etwas, was man in der Popmusik einen „mid tempo rocker“ nennen würde: Das Tempo wird nie angezogen / verlangsamt, der Film ist ein langer, ruhiger (Erzähl-)Fluss und beginnt genauso unvermittelt wie er endet. Gerade anfangs macht diese kompromisslose Erzählweise es dem Zuschauer nicht gerade leicht, in den Film einzusteigen, er wirkt daher in den ersten Minuten zäh und wenig inspiriert. Zum anderen gibt es immer wieder Drehbuchschlaglöcher, denn Kohlhaase ist zwar ein genialer Dialoge-Schreiber – eine echte, in sich stimmige und somit abgerundete Geschichte erzählt SOMMER VORM BALKON allerdings in keinster Weise, will es offenbar aber auch gar nicht.

Zum Glück sind aber auch genügend Stoßdämpfer eingebaut, um die Schlaglöcher im Drehbuch zu überstehen: Für Münsteraner reicht es zum Beispiel schon, wenn man in einer der zahlreichen Kneipenszenen Münster-Tatort-Kommissar und Dresen-Intimus Axel Prahl mit seinem ewigen „Ich-hab’-jetzt-/ Wann-ist-bald- Feierabend!?“-Gesicht am Tresen Bierchen schlürfen sieht … Das ausverkaufte Münsteraner „Schloßtheater“ fand es zumindest sehr komisch …

Schlaglöcher hin, Stoßdämpfer her: Andreas Dresens neuestes und wieder einmal auf Sparflamme gekochtes, kleines independent-Meisterwerk lebt fast ausschließlich von der Dialogregie und seinen beiden nicht nur wunderschönen, sondern auch alles und jeden an die Wand spielenden Hauptdarstellerinnen Inka Friedrich und Nadja Uhl, neben denen mal eben ganz female Hollywood verblasst. Und das reicht allemal für einen mehr als sehenswerten, überaus sensiblen und bisweilen dann doch glücklicherweise – trotz all der Tragik – zwerchfellerschütternd witzigen Film, dessen soundtrack ich allerdings nicht einmal geschenkt haben möchte, funktioniert dieser doch ausschließlich in Verbindung mit der Bildspur. Aber dass der soundtrack überhaupt funktioniert … nicht nur das ist ein Wunder.


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