KING KONG

*** KING KONG * Neuseeland / USA 2005 * Musik: James Newton Howard * Visuelle Effekte: Joe Letteri * Miniaturen: Richard Taylor * Schnitt: Jamie Selkirk * Ausstattung: Grant Major * Kamera: Andrew Lesnie * Drehbuch: Fran Walsh, Philippa Boyens und Peter Jackson, nach einer Geschichte von Merian C. Cooper und Edgar Wallace * Regie: Peter Jackson * Darsteller/-innen: Naomi Watts, Jack Black, Adrien Brody, Thomas Kretschmann, Colin Hanks, Andy Serkis, Evan Parke, Jamie Bell, Lobo Chan, John Sumner, Craig Hall, Kyle Chandler, Peter Jackson, Howard Shore, u. v. a. * 187 Minuten * (10 von 10 Punkten) ***

„It wasn’t the airplanes, it was beauty killed the beast!“ (Carl Denham)

„They don’t really make movies like this anymore; I don’t know if they ever did.“
(Walter Chaw, Film Freak Central)

Synopsis: Wir schreiben das Jahr 1933 – es ist die Zeit der Weltwirtschaftskrise, eben nicht nur am Filmschauplatz New York City, und es ist auch – keinesfalls zufällig – das Jahr, in dem Merian C. Coopers Original-KING KONG als erster blockbuster der Filmgeschichte das Licht der Kinoleinwand erblickte.

Die drei Hauptfiguren der Geschichte sind zwar allesamt im vermeintlich lukrativen showbusiness tätig, unterscheiden sich aber letztlich kaum noch vom arbeitslosen Proletarier auf der Straße, denn Geld gibt es weder am Theater noch in der Filmbranche noch zu verdienen: Da ist Ann Darrow (wahrscheinlich die am besten ausgebildete scream queen der Filmgeschichte: Naomi Watts), deren Theater, in dessen Ensemble sie mitspielt, vom einen Tag auf den anderen geschlossen wird; der von ihr verehrte Vorzeige-Intellektuelle unter den Drehbuchautoren, Jack Driscoll (der vielleicht schönste Schauspieler zur Zeit: Adrien „Die Nase“ Brody), muss sich mit hastig zusammengeschusterten B-Movie-Skripten über Wasser halten; und selbst der windige Abenteuerfilm-Regisseur Carl Denham (die Idealbesetzung für diese Rolle: Grimassenschneider Jack Black) bekommt für sein neuestes Projekt keine Tantiemen mehr seitens der Filmstudios zugeschustert.

Doch Denham wäre nicht Denham, wenn er nicht einen Ausweg, besser: eine Ausfahrt wüsste. Unter falschen Versprechungen lockt er Ann Darrow (als Hauptdarstellerin) und Jack Driscoll (als Filmskript-Schreiberling) auf den abgehalfterten Frachter „Venture“ und bricht, bewaffnet mit einer geheimen Karte, zusammen mit seiner kleinen Filmcrew und einer bunt zusammengewürfelten Schiffsmannschaft unter Führung des deutschen Kapitäns Englehorn (Thomas Kretschmann) nach der sagenumwobenen und bislang unentdeckt gebliebenen Insel „Skull Island“ auf, wo nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes die Zeit stehen geblieben ist, sondern auch ein sich in einem permanenten Zustand kollektiver Massenhysterie befindlicher Eingeborenenstamm einem riesigen Affen namens KONG dann und wann Menschenopfer darreicht. Und die hübsche Blondine Ann Darrow erscheint ihnen dummerweise als die Idealbesetzung für diese normalerweise nicht unbedingt erfolgsversprechende Hauptrolle …

Kritik: Wann hat man sowas im Kino schon mal erlebt? Da kommt ein Film mit den Anspruch daher, nicht nur einer der teuersten Filme aller Zeiten (207 Millionen Dollar Produktionskosten), sondern auch noch mit den Vorschusslorbeeren ausgestattet zu sein, womöglich das dahinsiechende Massenmedium Kinematographie ein allerletztes Mal zu retten, und dann betrachtet sich dieser Streifen, während die Handlung vielleicht ein wenig zu arg gedehnt voran schreitet, fortwährend in einem imaginären Hologrammspiegel und behauptet ostentativ: „Jaja, ich bin schon ein toller Film … aber vor mehr als siebzig Jahren wurde die Originalversion dieser Geschichte gedreht, und die ist noch viel schöner als ich! Ich bin doch nur die hommage!“

Soviel Geld ist wohl noch nie für bodenloses understatement ausgegeben, keinesfalls aber verschwendet worden, denn Peter Jacksons hommage an den … äh … Sodomie-Klassiker aus dem Jahre 1933, ist zum Glück nicht nur tricktechnisch eine noch nie dagewesene Wucht geworden (angesichts der wahnwitzig-überkandidelten Spezialeffekte wirken die HERR DER RINGE-Verfilmungen nun nur noch wie eine Fingerübung für KING KONG), sondern besitzt tatsächlich auch noch Seele, Tiefe und eine bisweilen schier abgrundtiefe Schönheit: Peter Jacksons KING KONG ist dem Original tatsächlich ebenbürtig, wenn nicht gar letzten Endes überlegen, was vor allem an der viel komplexeren, und zuweilen gar menschlich anmutenden Charakterisierung und Darstellung des Riesenaffen liegt, beauftragte Jackson doch wiederum den englischen Schauspieler Andy Serkis, der bereits der ersten „schauspielernden“ CGI-Kreatur der Filmgeschichte, Gollum, Leben einhauchte, diesmal, um für die Gestik und Mimik des auf Blondinen abfahrenden Urwaldungeheuers zu sorgen.

Und? Naja. Serkis hat sich und „seinem“ Gorilla hiermit nichts weiter als ein Denkmal gesetzt, dummerweise existiert bloß die Oscar-Kategorie für solch eine Darstellung (best human performance as a cgi character?) (noch) nicht, sonst hätte Serkis sich gleich einen Preis für sein Lebenswerk verdient: Die 2005er-Ausgabe von KONG ist best of both worlds – state of the art-Tricktechnik aus dem Hochleistungscomputer, kongenial vermischt mit der atemberaubenden Schauspielleistung eines Menschen, der sich zum Affen macht.

In positiver Hinsicht zum Affen macht sich auch die Charakterdarstellerin Naomi Watts, die man so gar nicht auf die Rolle einer bloßen scream queen reduzieren kann: Sie ist keine zweite Fay Wray, obwohl auch Watts so richtig schön markerschütternd schreien kann, dass einem fast die Bierflasche im Kinosessel zerspringt. Apropos schön … ja, dat isse auch. Aber vor allem ist Naomi Watts als bettelarme Broadway-actrice, die die vermeintliche Chance ihres Lebens erhält, als sie den ersten Schritt auf den abgehalfterten Kahn „Venture“ wagt, eins: Ungeheuer glaubwürdig, hatte sie es doch bei den Dreharbeiten mit einem blue screen-Gorilla zu tun, dessen wahres Gesicht sie nie zu sehen bekam. Dass man ihr all ihre Emotionen, ständig changierend zwischen Todesangst und vorsichtiger Zuneigung, bishin zu grenzenlosem Mitleid mit der so furchterregenden wie (nicht nur) von bitterer Einsamkeit gepeinigten Kreatur KONG vorbehaltlos abnimmt, ist eine Meisterleistung der Schauspielkunst, ferner aber auch (nur) eines der vielen Zeichen dafür, dass Peter Jackson tatsächlich das Regiegenie ist, das alle Welt in ihm nach dem HERRN DER RINGE zurecht sieht. Vor allem wenn man bedenkt, wie internationale Top-Mimen wie Ewan McGregor, Samuel L. Jackson und Natalie Portman zu dekorativen Schaufensterpuppen mutierten, als George Lucas sie für seine seelenlose neue STAR WARS-Trilogie zwischen blue screens einzwängte und ihnen damit sämtliches schauspielerisches Können rauben konnte.

Auch sonst ist Jacksons hommage (remake ist einfach nicht das passende Wort) hochkarätig und passend besetzt: Jack Black als ebenso draufgängerischer wie skrupelloser Regisseur Carl Denham schneidet zwar wie eh und je nur Grimassen, das aber wahrhaft teuflisch gut (nicht von ungefähr fühlt man sich an Orson Welles erinnert), und Deutschlands einziger zukünftiger Stern auf dem Sunset Boulevard, Thomas Kretschmann als „Venture“-Kapitän Englehorn, erinnert trotz seines nicht nur für deutsche Ohren sehr germanischen (und somit vielleicht unfreiwillig komischen) „Denglish“-Akzents an Jürgen Prochnow als U-Boot-Kommandant in Wolfgang Petersens DAS BOOT.

Allein Adrien Brody, dessen schöngeistiges Gesicht, gekrönt übrigens von dem unglaublichsten Riechkolben der Filmgeschichte seit PINOCCHIO, anfangs noch gleichberechtigt neben dem von Naomi Watts illuminiert wird, hat nichts mehr zu melden, als sein Rivale um die Gunst der schönen Ann, natürlich KONG alias Andy Serkis, auftaucht: Es ist schon erstaunlich, wie hier ein CGI-Geschöpf einem gestandenen Charakterdarsteller, dessen Vorzüge eben nicht nur äußerlicher Natur sind, je länger der mit über drei Stunden Handlung tatsächlich ein wenig zu lang geratene Film voran schreitet, mehr und mehr die show stiehlt: Spätestens wenn die berühmte Schlusssequenz auf dem Empire State Building, im übrigen stark an das Original angelehnt, beginnt und das traurige Ende des affigen Helden seinen Anfang nimmt, hat Peter Jacksons KING KONG längst das Format einer griechischen Tragödie angenommen (Katharsis durch Mitleid … oder war es umgekehrt?). Das … äh … Liebesdrama zwischen Blondine und 10-Meter-Gorilla konkurriert zu diesem Zeitpunkt längst mit zeitlosen Schmachtfetzen à la CASABLANCA an der Taschentücher-Front (irgendwann hat man zwei Filme vor Augen, der eine aus Zelluloid, der andere aus Tränen) … und Adrien Brody alias Jack Driscoll ist einem irgendwann einfach nur noch egal, weil man wie ein kleiner Junge wider besseren Wissens wegen eines Pixel-Gorillas weint, der zwei Stunden lang eine Spur aus Dinosaurier- und Menschenblut (Und !hey!: Kleine Jungen lieben Dinosaurier!) hinterlassen hat und sich trotzdem überhaupt keiner Schuld bewusst ist. (Dieser späte Nachfahre der Pixel-Legende DONKEY KONG legt dann aber auch mit Naomi Watts einen „Eistanz“ im / auf Central Park-(ett) hin, der nicht von dieser Welt sein kann und der Kinogeschichte schreiben wird, die letzten Zeilen womöglich …)

Dieser KING KONG zum Jahreswechsel 2005 / 2006 ist großes, ja gigantisches Kino. Peter Jackson hat mit seiner mit Zitaten und Querverweisen auf das 1933er Original nur so gespickten und bis ins kleinste Detail ungeheuer liebevoll verfilmten hommage nichts weiter als ein kinematographisches Wunderwerk geschaffen, dessen platonisch-sodomitisches Liebesdrama letztendlich mehr Spuren beim im besten Fall völlig überwältigten Betrachter hinterlässt, als die so noch nie dagewesenen special effects und action-Szenen, bei denen einem wahrlich die Augen übergehen können. (Allein die Brontosaurier-Stampede ist das Eintrittsgeld wert!) In etwa so muss sich der achtjährige Junge Peter Jackson gefühlt haben, als er zum ersten Mal den Original-KONG über die Leinwand hat flimmern sehen, seitdem sein absoluter Lieblingsfilm. Jackson wird mit seiner Neuverfilmung somit quasi zum Anti-CITIZEN KANE, denn hier setzt endlich mal jemand seinem Kindheitstraum ein so monumentales wie notwendiges Denkmal, anstatt auf dem Sterbebett mit einem wehmütig-bedauerndem „Rosebud!“ / „King Kong!“ aus einem zwar erfolgreichen, letzten Endes aber sinnlosen Leben zu scheiden.

KING KONG dürfte aber auch zugleich, genau wie sein heroisch scheiternder Protagonist, das letzte Exemplar einer aussterbenden Spezies sein, nämlich der des klassischen Hollywood-Unterhaltungskinos, also known as blockbuster: Ein ganzes Genre stirbt zusammen mit dem Riesengorilla womöglich für immer aus, zumindest wenn man dem immer schwächer werdenden Klingeln der Kinokassen glauben schenken darf.

Demnach / Dennoch gilt, frei nach Tocotronic und mit kindlichem Trotz heraus gebrüllt: „Herrgott nochmal! Nur noch drei Stunden! Nur noch einen Tag! Let there be KONG! Let there be KONG! Let there be KONG!“


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