THE DESCENT

The descent     (GB 2005)

Buch und Regie: Neil Marshall
Mit: Shauna Macdonald (Sarah), Natalie Jackson Mendoza (Juno), Alex Reid (Beth), Saskia Mulder (Rebecca), MyAnna Buring (Sam), Nora-Jane Noone (Holly) u.a.
99 Minuten      (7 von 10 Punkten)

The Descent
(Bildrechte: Monopole Pathé)

Zum Inhalt: Appalachian Mountains an der Ostküste der USA, Gegenwart. Sechs Frauen im Alter von um die 30 Jahre treffen sich zu einer gemeinsamen Höhlenexpedition. Juno, die Führerin, verheimlicht der Gruppe, dass es sich um unbekanntes Terrain handelt, um „den Kick zu erhöhen“. Kurz nach dem Abstieg wird der Rückweg verschüttet und ein zweiter Ausstieg kann nur vermutet werden. Und auch sonst zeigt sich das Höhlenlabyrinth bald von seiner weniger gastlichen Seite.

Einen höchst kurzweiligen und unterhaltsamen Schocker liefert Autor und Regisseur Neil Marshall da ab, obwohl er von der Grundstruktur her keine neuen Wege beschreitet: Der Mensch begibt sich in Gefahr und kommt darin um. Fortgang nach dem „10 kleine Negerlein-Prinzip“, Hilfe von außen ist nicht zu erwarten, ein Entkommen von dem begrenzten Raum scheint unmöglich und der – zunächst unsichtbare – Gegner im Terrain überlegen. Die Kunst besteht nun darin, diesem Prinzip neuen Atem einzuhauchen und die dem erfahrenen Publikum hinlänglich bekannten Details in einem frischen, erquicklichen Mix zu servieren.

Marshalls Erfolgsrezept über weite Strecken heißt Mäßigung und Achtsamkeit. Die Klettergruppe besteht nicht aus allzu bekannten Stereotypen, sondern einer durchaus so vorstellbaren Konstellation erwachsener Frauen, die nicht zum ersten Male im Gelände unterwegs sind. Allesamt (mir) unbekannte Schauspielerinnen mit unverbrauchten Gesichtern. Die Zeit vor dem Aufbruch zur Höhle wird gerade kurz genug gehalten, um den Protagonistinnen Kontur zu geben. Darüber hinausgehende Vita und schwelende Konflikte treten zurück: Nur Sarah als von familiären Verlusten Traumatisierte erhält einen Prolog, ansonsten schreitet Marshall flugs fort zum eigentlichen Ort der Handlung: Unter Tage.

Klaustrophobie und Angst vor der Dunkelheit befallen den Zuschauer, dessen Sitz spürbar enger zu werden scheint, während sich die Sechs auf der Leinwand noch unbeschwert durch das für sie faszinierende Labyrinth schlängeln. Ab und an ein Schockeffekt, wenn Krähen oder Fledermäuse unverhofft auffliegen, aber ansonsten spielt sich der Horror eher in unserem Kopf als vor den Augen ab. Die unbekannte Welt in der Tiefe wird abwechselnd von Helm- und Stablampen, von Leuchtstäben und schließlich Fackeln illuminiert, zeitweise wird ein grobkörniger Blick durch eine Digitalkamera eingestreut. Visuell bemüht sich das Filmteam um einen Ausgleich zwischen der Darstellung der Dunkelheit einerseits und der Notwendigkeit, dem Publikum überhaupt Bilder anbieten zu können. Die karge (vermeintliche) Authentizität der Lichttechnik eines BLAIR WITCH PROJECTs (1998) ist schließlich nicht das Ziel des Filmes, obwohl gefühlsmäßig manche Parallelen bestehen.

Die erste Hälfte des Films konzentriert sich auf die Gefahren der Expedition an sich (Erdrutsche, Abgründe, Irrgänge) und die Auswirkungen innerhalb der Gruppe, als bekannt wird, dass es kein Zurück gibt. Dankbarerweise erweisen sich die Frauen als homogenes Team und der Sache gewachsen, die Sympathie des Publikums für alle Sechs wird tiefer verankert. Diese Korrelation (bewusst herbeigeführt oder zufällig?) bindet beide Parteien enger aneinander und lässt den Kampf und die Verluste unmittelbarer empfinden, wenn es in der zweiten Hälfte mehr und mehr splattermäßig zur Sache geht. So fadenscheinig die Herkunft und Existenz der Predatoren auch sein mag und über deren Kampftaktik man manches Wort verlieren könnte: Das Nebeneinander von Computeranimation und schauspielerischer Darstellung zur Lebendigmachung der Wesen darf man mit leichten Abzügen in der B-Note als gelungen bezeichnen, Marshall kann es sich sogar erlauben, sie minutenlang im Bild zu halten. Freunde der subtilen Spannung werden weiterhin mit der Flucht durch immer neue Gänge und Räume in Atem gehalten, während weniger zart Besaitete ihre Freude an den in affenartigem Tempo präsentierten Kampfszenen mit gehobenem Ekelfaktor haben werden. Ob jemand den Trip überlebt und – wenn ja – ob es die Richtige ist, bleibt offen, selbst wenn ich es an dieser Stelle verraten würde.


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