KEINE LIEDER ÜBER LIEBE

*** KEINE LIEDER ÜBER LIEBE * Deutschland 2005 * Musik: Hansen Band, Tomte, Kettcar, Olli Schulz & Der Hund Marie, Home of the Lame, u. a. * „Drehbuch“ (besser: Szenario) und Regie: Lars Kraume * Darsteller/-innen: Florian Lukas, Jürgen Vogel, Heike Makatsch, Monika Hansen, Thees Uhlmann, Marcus Wiebusch, Felix Gebhard, Max Martin Schröder, Katharina Lorenz, u. a. * 98 Minuten * (8 von 10 Punkten) ***

Keine Lieder über Liebe
(Bildrechte: Alamode Film)

Synopsis: Tobias Hansen (Florian Lukas) lebt als angehender Filmemacher in Berlin und entscheidet sich, seinen ersten Dokumentarfilm über seinen großen, in Hamburg lebenden Bruder, Markus (Jürgen Vogel) und dessen Band Hansen zu machen, die gerade eine Tour durch kleine Clubs in neun deutschen Städten plant.

Der wahre Grund für die Tour-Doku ist allerdings Tobias Eifersucht, vermeint er doch, dass seine Freundin Ellen (Heike Makatsch), die er gleich auf die Reise mitnimmt, und sein Bruder bei ihrem letzten gemeinsamen Besuch bei ihm in Hamburg etwas miteinander hatten.

So kommt es, wie es unter den gegebenen Umständen kommen muss: Die Tour-Doku über eine unbekannte deutschsprachige Indie-Band wird zu einem Film über die beiden Brüder und die Frau (Ellen) zwischen ihnen, eingepfercht in engen backstage-Räumen, schäbigen Hotelzimmern und proppenvollen Indierock-Clubs: Der Eklat zwischen den Dreien vor laufender Kamera ist vorprogrammiert …

Kritik: KEINE LIEDER ÜBER LIEBE ist im Grunde genommen eine einzige große (und sehr, sehr schöne) Lüge. Was als fake documentary (Jürgen Vogel ist nunmal offensichtlich Schauspieler und eben nicht Sänger einer deutschen Indierock-Formation) über eine scheinbar nicht existente Band beginnt, bekommt durch Kommentar aus dem off und professionellen Schnitt bald Spielfilm-Charakter, nicht existentes Drehbuch hin oder her. (Genauer gesagt gab es ein Drehbuch, wie der mächtig gut aufgelegte Jürgen Vogel bei seinem Besuch an Halloween im Münsteraner „Cineplex“ erklärte; eben dieses hatte Regisseur Lars Kraume allerdings nur für sich selbst geschrieben, ohne es den hervorragend improvisierenden Schauspielern zu zeigen. Regisseure können bisweilen wirklich dämonisch sein …)

Kraume gelingt es allerdings (und dies ist ihm hoch anzurechnen, ist diese Herangehensweise doch meines Wissens nach in Deutschland bislang einmalig), aus diesem Spielfilm, der sich als fake documentary ausgibt, sozusagen ein meta fake zu machen: Der Spielfilm KEINE LIEDER ÜBER LIEBE gibt vor, ein Dokumentarfilm über eine real existierende Band namens Hansen zu sein, was aber nicht sein kann, weil hier ja eindeutig Schauspieler in Rollen agieren, zumal die geplante Band-Doku bald in ein schmerzhaft-anrührendes und in seiner Authentizität beeindruckendes Beziehungsdrama umkippt, was aber wiederum – außerhalb des eigentlichen Films angesiedelt – dadurch unterlaufen wird, dass die Band Hansen nun tatsächlich den Weg über ihre fake tour auf die Kinoleinwand und wieder zurück auf die Indie-Bühnen der Republik gefunden und eine Platte aufgenommen hat: Jürgen Vogel war zuerst Jürgen Vogel, dann für dreieinhalb Wochen Markus Hansen und ist jetzt wieder Jürgen Vogel … und war und ist immer noch Sänger der Band Hansen. Zu allem Überfluss hat Heike Makatsch jetzt auch noch das Tagebuch ihrer fiktiven Figur Ellen aufgeschrieben, als Roman-fake veröffentlicht und ist damit gerade auf Lesetour. Und: Wie heißt wohl die Schauspielerin (nicht etwa die Figur), die die Mutter von Tobias und Markus spielt? Richtig, Monika Hansen: Der Spielfilm KEINE LIEDER ÜBER LIEBE wird zum vielfach in sich gebrochenen Konzeptkonglomerat. Datt kann einem schon mal die Hirnströme durcheinander bringen …

Wem das alles zu kompliziert klingt, der kann sich aber zum Glück von KEINE LIEDER ÜBER LIEBE die Herzfrequenz durcheinander bringen lassen, denn selten zuvor wurde das ewige Lieblings- und Hassthema Liebe zumindest auf deutschem Zelluloid so real, so wahrhaftig, so wunderbar ehrlich abgebildet wie hier geschehen. Speziell Jürgen Vogel (der beste deutsche Schauspieler, wenn Ihr mich fragt) und die anbetungswürdige Heike Makatsch (das „ehemalige Viva Girlie“, jaja … Nun, Menschen haben eine Vergangenheit … Sogar Filmkritiker, die offenbar vermeinen, der grandios agierenden Schauspielerin ihre einnehmende Leinwandpräsenz dadurch absprechen zu können, dass sie mal die hiesige Jugend als quasselnder VJ verdorben hat …) improvisieren eben nicht Dialoge, sondern Gespräche zusammen, wie man sie selbst schon so oft geführt hat: Ständig fühlt man sich dabei ertappt, dass man im Kinosessel aufspringen und „Ja! Genau! Genau so ist es!“ ausrufen möchte, so dermaßen echt wird hier gestritten, gestottert, geschwiegen, geweint, gelitten, gesoffen und gelacht.

Wobei Dämon / Regisseur Lars Kraume dieses Echtheitsprinzip wiederum unterlief, indem er manchmal Schauspieler/-innen auftreten ließ, von denen Lukas, Vogel und Makatsch dachten, die Personen seien „real“: Das wiederum führt zu unvergesslichen Szenen, etwa wenn sich Florian Lukas / Tobias Hansen in die hübsche Katharina verguckt, die Regisseur Kraume allerdings als Schauspielerin auf ihn angesetzt hatte: Sie sollte ihn anmachen, das Techtelmechtel der beiden war im Voraus geplant. Jürgen Vogel (und das Kinopublikum im ausverkauften Saal 2 des „Cineplex“ zu Münster) amüsierte sich köstlich darüber, wie enttäuscht Florian Lukas nachher war.

Oder: Ein ehemaliger Seemann erzählt der Hansen Band (Gitarre: Thees Uhlmann / Tomte, Gitarre: Marcus Wiebusch / Kettcar, Bass: Felix Gebhard / Home of the Lame, Schlagzeug: Max Martin Schröder / Olli Schulz & Der Hund Marie) und ihrem unfreiwilligen „groupie“ Ellen seine enttäuschende Lebensgeschichte und dass ihn seine Frau aufgrund seines Seefahrerdaseins (ergo: nie @ home) verlassen habe – Heike Makatsch / Ellen verlässt daraufhin den backstage-Bereich, sichtlich berührt und den Tränen nahe: Der Seemann war ein Schauspieler und seine Geschichte frei erfunden, echt aber waren Heike Makatschs / Ellens Tränen.

Echt sind auch die Konzert locations und das zugehörige Publikum (mit dem die fiktive Figur des Tobias Hansen echte interviews führt), das man mit einem „allstar“-Abend des „Grand Hotel van Cleef“-label-Kollektivs um die Bands Kettcar und Tomte geködert hatte; als headliner sollte die noch unbekannte Band Hansen auftreten: Jürgen Vogels „Sangeskünste“ stießen somit von vorne herein nicht auf taube Ohren, obwohl dem Publikum bisweilen sichtliches Erstaunen ins Gesicht geschrieben steht: Ey! Was macht denn der (komische) Vogel da auf der Bühne?

Wie gesagt: Es ist großartig mitanzusehen, wie Kraume seine Darsteller in ein Wechselbad der Gefühle wirft, die echten Bandmitglieder von Tomte, Kettcar & Co. zu Nebendarstellern macht, „geheimen“ Schauspielern die Komparsen-Maske aufsetzt und dazu 160 Stunden (!!!) lang drei (angenehm wenig verwackelte) Videokameras laufen lässt, wie er Sein und Schein vermischt und daraus den besten deutschen Film des Jahres kreiert. Und einen der ungewöhnlichsten der Filmgeschichte noch dazu.

Dummerweise missrät ihm das traurig-pessimistische (und dennoch nicht völlig ohne Hoffnung auskommende) Ende von KEINE LIEDER ÜBER LIEBE, das sich bereits eine halbe Stunde vorher abzeichnet: Der Film läuft aus wie eine Sanduhr, während der Sand immer zäher rinnt – gleichzeitig muss quasi zwangsläufig das Interesse der Zuschauer an den Figuren nachlassen. Das Gesamtkunstwerk / Konzeptkonglomerat KEINE LIEDER ÜBER LIEBE hat lange bevor der Abspann läuft seine Schuldigkeit getan, die Idee wirkt irgendwann ausgereizt / überreizt.

Zudem habe zumindest ich den road movie-Aspekt der Geschichte vermisst, schließlich befindet sich hier eine Band mit ihrem Tourbus auf Tournee durch die unterschiedlichsten deutschen Städte und Landschaften; die (Video-)Kamera interessiert sich allerdings ausschließlich für die agierenden Personen (und das sind leider eben nur Lukas, Vogel und Makatsch, während Tomte-und Kettcar-fans wenig von Uhlmann, Wiebusch & Co. zu sehen und zu hören bekommen). Vielleicht ist Video aber auch das falsche Format für introspektive Stilleben.

Dennoch überzeugt Kraumes neuestes Werk (zuletzt: KISMET – WÜRFEL DEIN LEBEN) als mutiges, ungeheuer authentisches Konstrukt aus (sehr schöner) Rockmusik (die allerdings deutlich nach einer Mischung aus Kettcar und Tomte klingt, was aber mehr als okay ist, zumal wenn man wie ich beide Bands mag) und angenehm undeutschen Beziehungsdrama (es wird vergleichsweise wenig herum gezetert): KEINE LIEDER ÜBER LIEBE ist die deutsche Indie-Antwort auf Eric Rohmer, Jacques Rivette & Co. mit einer gehörigen Portion Rock’n’Roll.

Ich freue mich schon auf den 160 Stunden-director’s „cut“.


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