STOLZ UND VORURTEIL

Stolz und Vorurteil      (Pride & prejudice, USA, UK, Frankreich 2005)

Regie: Joe Wright.
Drehbuch: Deborah Moggach, basierend auf dem Roman von Jane Austen
Mit: Keira Knightley (Elizabeth „Lizzy“ Bennet), Matthew Macfadyen (Mr. Darcy), Brenda Blethyn (Mrs. Bennet), Donald Sutherland (Mr. Bennet), Tom Hollander (Mr. Collins), Rosamund Pike (Jane Bennet), Jena Malone (Lydia Bennet), Judi Dench (Lady Catherine de Bourg), Kelly Reilly (Caroline Bingley), Claudie Blakley (Charlotte Lukas), Simon Woods (Mr. Bingley), Rupert Friend (Mr. Wickham), Carey Mulligan (Kitty Bennet), Talulah Riley (Mary Bennet) u. a.
127 Minuten      (8 von 10 Punkten)

Böse Zungen werden wieder spotten, STOLZ UND VORURTEIL sei doch nichts anderes als einer dieser flachen Liebesfilme, deren Inhalte nach dem Bausteinprinzip konstruiert sind und deren Ende vorhersehbar ist wie der Wechsel zwischen Ebbe und Flut. Früher oder später kriegen sich die Richtigen; die Widrigkeiten, die jene Verbindungen behindern, wirken aus heutiger Sicht marginal, ja beinahe amüsant, und die eingewobene Kritik an der damaligen britischen Gesellschaft und der Frauenrolle sei kaum wahrnehmbar, geschweige denn der dominierende Faktor des Filmes.

Es ist müßig, jene Zeitgenossen umstimmen zu wollen, denn natürlich ist STOLZ UND VORURTEIL im Grunde aus eben jenem (Weich-)Holz geschnitzt. Herz, Schmerz, Liebe und Triebe sind nun mal die zentralen Motive. Allerdings optisch, akustisch und personell meisterlich garniert, so dass wieder einer jener Kostümschinken entstanden ist, für die good old England prädestiniert ist.

Die neueste Verfilmung eines Jane Austen-Romans versteht es eindrucksvoll, die Zeit um 1790 und die Geschehnisse rund um die Familie Bennet zu einem Fest für die Sinne zu machen. Kamera-Chef Roman Osin kann aus einem reichen Fundus ehrwürdiger Herrenhäuser und zugehöriger Gärten schöpfen und tut das auch. Bei Kostümen und Dekors merkt man, dass einerseits die Opulenz und zuweilen Trägheit der Reichen eingefangen wurden, aber auch auf die bescheideneren Verhältnisse der weniger Noblen (hier: der Bennets) Augenmerk gerichtet werden sollte. Die beiden Tanzraum-/Ballhaus-Szenen verdeutlichen diese Intention in aller Perfektion. Und wer die Details nicht selbst bemerkt, der sieht sie endlich durch Lizzies Augen: Ihr fasziniertes Betrachten der Marmorstatuen in Darcys Haus steht dem von Griet in Vermeers Atelier (in DAS MÄDCHEN MIT DEM PERLENOHRRING, 2003) in nichts nach. Das Augenmerk auf große Gefühle geht so weit, dass ab und an das Märchenhafte Einzug hält und der Anspruch an Authentizität verlustig zu werden droht.

Mit Keira Knightley steht und fällt der Film, ihr Name dominiert Plakat und Titelzeile und schiebt die Oscar-/Golden-Globe-Preisträger Brenda Blethyn, Donald Sutherland und Judi Dench in die zweite Reihe. Wer Miss Knightley bislang nicht mochte oder ihre schauspielerische Leistung nur aufgrund von FLUCH DER KARIBIK (2003) einzuschätzen wusste, wird umdenken müssen, oder es nie lernen. Denn sie überzeugt in der Darstellung der selbstbewussten, aufgeweckten und scharfzüngigen Elizabeth, ihre Wortgefechte sind (in der englischen Fassung) ein Hochgenuss. Mit ihr wird jedoch nicht eine frühe Heroine der Emanzipation hochstilisiert, sondern sie erkennt am Schicksal ihrer Familie bzw. Freundin die Grenzen des Machbaren in einer Standesgesellschaft, sowie am eigenen Leibe den Schmerz früherer Fehleinschätzungen. Diese Ausrichtung ist gewiss im Sinne von Jane Austens Buch.

Bei aller Vorhersehbarkeit der Geschichte in Richtung Happy End birgt STOLZ UND VORURTEIL genügend Binnenhandlung in sich, um den zahlreichen Sprechrollen Ausdruck und bemerkenswerte Szenen einzuräumen. Matthew Macfadyens Darcy vermag der quirligen Lizzy in Rhetorik und mit stoischer Beherrschung lange Zeit Paroli zu bieten. Brenda Blethyn als umsorgliche Mutter spielt wie aus dem Lehrbuch und verbucht die Mehrzahl der komischen Momente für sich. Tom Hollander bekam eine typische Rowan Atkinson-Rolle aufgedrückt und vermag seinem Mr. Collins beim Publikum nach anfänglicher Lachnummer so etwas wie Mitgefühl zu verschaffen. Und über allem thront kaum merklich, aber immer da, die graue Eminenz Donald Sutherland als Vater der fünfköpfigen Töchterschar, und hochachtungsvoll gebührt ihm die letzte Szene mit den Worten: „If there are any more young men out there wishing to marry my daughters, send them in! I am completely at my leisure.”


About this entry