LAND OF THE DEAD

*** LAND OF THE DEAD / GEORGE A. ROMERO’S LAND OF THE DEAD * Frankreich / Kanada / USA 2005 * Drehbuch und Regie: George A. Romero * Darsteller/-innen: Simon Baker, John Leguizamo, Dennis Hopper, Asia Argento, Robert Joy, Eugene Clark, Joanne Boland, Tony Nappo, Jennifer Baxter, Boyd Banks, Jasmin Geljo, Maxwell McCabe-Locos, Tony Munch, Shawn Roberts, Pedro Miguel Arce, Sasha Roiz, Krista Bridges, Alan van Sprang, Tom Savini, u. v. a. * 93 Minuten * (7 von 10 Punkten) ***

„Whoever lives up there / please don’t let me die“ (Stars)

Synopsis: LAND OF THE DEAD ist George A. Romeros vierter und letzter Teil seiner Zombie-Reihe nach NIGHT OF THE LIVING DEAD aus den 60ern, DAWN OF THE DEAD aus den 70ern und DAY OF THE DEAD aus den 80ern.

Was 1968 auf einem Friedhof nahe Pittsburgh in Pennsylvania (Romeros Heimatstadt) mit einer einzigen wandelnden Leiche begann, hat inzwischen globale Ausmaße angenommen: Die Zombies „regieren“ den Planeten, während Pittsburgh (gedreht wurde allerdings in Toronto, Ontario, Kanada) in eine Festung umgewandelt wurde, hinter deren Mauern sich einige der letzten lebenden Menschen verschanzt haben.

Doch – wie auch schon im Klassiker NIGHT OF THE LIVING DEAD angedeutet – das Verhalten der Lebenden ihrer eigenen „Spezies“ gegenüber ist angesichts der außerhalb der Mauern wandelnden Toten mit „sozialdarwinistisch“ noch euphemistisch beschrieben: Pittsburgh wird nämlich beherrscht von einem mächtigen Turm namens „Fiddler’s Green“, einer Stadt innerhalb der Stadt, in der die Reichen und Gutsituierten unter der so korrupten wie harten Hand des Diktators Kaufman (gewohnt diabolisch: Dennis Hopper) leben. Während in dem Hochhaus überbordender Luxus vorherrscht, versinken die Außenbezirke der Stadt in bitterer Armut:

Dort wo abgerissene Gestalten, Huren, Bettler und Tagelöhner der Maxime „der Mensch ist des Menschen Wolf“ frönen, sind auch Riley (ein echter Held, weil ohne schöngefärbt-idealistische Figurenzeichnung: Simon Baker), Cholo (John Leguizamo) und Slack (SUPERSÜSS UND SUPERSEXY: Asia Argento) zuhause. Während die beiden ungleichen Freunde (Riley nimmt seinen Job ernst, Cholo ist in illegale Geschäfte mit Oberboss Kaufman verstrickt) sich in der „Armee“ Kaufmans verdingen (ihre Hauptaufgabe besteht darin, „Beutezüge“ in die dörfliche Umgebung zu unternehmen) muss Hure / Söldnerin Slack in perversen Gladiatoren-Kämpfen gegen Untote antreten, die – notdürftig domestiziert – innerhalb der Mauern der Stadt für die Belustigung und Unterhaltung der Menschen zuständig sind.

Doch die Zombies außerhalb der Mauern verhalten sich seltsam: Langsam aber sicher gewinnen sie durch Instinkthandlungen so etwas wie „Intelligenz“ – allen voran der schwarze Tankwart Big Daddy (beste Zombie-performance ever: Eugene Clark), der zu so etwas wie einem Anführer mutiert – und werden sich langsam der Existenz von „Fiddler’s Green“ und seinen Bewohnern bewusst: Während die Untoten – unerbittlich auf der Jagd nach Menschenfleisch – sich ihrerseits zu einer Art „Armee“ formieren und Richtung Stadt „marschieren“, klaut der von Kaufmans Arroganz zutiefst verletzte Cholo die Wunderwaffe der Menschen, das Panzerfahrzeug „Dead Reckoning“, eine Art Festung auf Rädern, und droht dessen Raketenwerfer auf „Fiddler’s Green“ zu richten, wenn Kaufman ihm nicht endlich seinen verdienten Lohn für seine illegalen Geschäfte bezahlt: Die Tage des status quo sind definitiv gezählt …

Kritik: Believe it or not: LAND OF THE DEAD ist ein richtig geiler Film. (Kurz-)weilig, voller !wirklich! cooler Sprüche, mit richtig guten Schauspielern (allen voran Simon Baker und die wunderschöne Asia Argento) und vor allen Dingen einem herausragenden Drehbuch: Wie Romero hier sub-plot um sub-plot aufschichtet und somit nahezu jeden Nebendarsteller seine eigene kleine Geschichte erzählen lässt, ist angesichts der Unmengen an Gehirnmasse, die im Film verspritzt werden, gelinde gesagt erstaunlich.

Auch bei LAND OF THE DEAD gilt also wieder die Romero-typische Maxime, dass wer einen gesunden Magen mitbringt, dafür auch belohnt wird. Der letzte Teil der Zombie-Saga ist spannend, beklemmend, düster, übertrieben gewalttätig, wenn nicht gar -verherrlichend, und voll von aberdunkelstem „Humor“. Hinzu kommt eine angenehme lo-fi-Ästhetik, die den Film eher aus den 70er oder 80er Jahren kommen lässt, aktuelle Hollywood-Horror-Produktionen (darunter eben auch das ziemlich fürchterliche remake von Romeros DAWN OF THE DEAD aus dem letzten Jahr) sehen deutlich gelackter aus, was sie aber eben auch sein müssen, schließlich funktionieren diese Streifen im Gegensatz zu Romeros gritty’n’gruesome Sozialdarwinismus-Groteske allein auf ihrer Oberfläche, zumal sie regelmäßig action mit Spannung gleichsetzen und somit verwechseln.

Anders Romero: Ferner bemerkenswert an LAND OF THE DEAD ist der hohe allegorische Charakter des Ganzen, Begriffe wie „Marxismus“, „Klassenkampf“, „Fremdenhass“, „Arbeiterbewegung“, „Krieg gegen was-auch-immer“ spuken einem zwangsläufig im Kopf herum, wenn man mit ansehen muss, wie der Kult-Regisseur die Grenzen zwischen den zwar grauenerregenden aber eben auch gequälten Zombies und den grausamen Abkömmlingen der Spezies „Mensch“ immer mehr verwischt und der Film somit quasi zwangsläufig Realitätsbezug bekommt, fühlten sich einige Kommentatoren doch angesichts der Bilder aus dem Superdome in New Orleans und den dort von den Behörden vergessenen Lumpengestalten unweigerlich an LAND OF THE DEAD erinnert. Aber auch ohne den aktuellen Hurrikan-Bezug bleibt Romeros neuester Geniestreich in erster Linie ein hochpolitischer Film: Die Bedrohung der Menschheit durch die Zombies ist spätestens jetzt nur noch zweitrangig, das Sozialverhalten der vermeintlich höher gestellten „Rasse“ Mensch ihrer eigenen Spezies gegenüber ist Dreh- und Angelpunkt des Films.

Und wenn dann alle Handlungsstränge sich zum Ende hin mehr und mehr verweben und in einem grandiosen Finale kulminieren, wartet Romero auch noch mit einer nahezu weisen Schlussbotschaft auf: Wer Romero und „seine“ Zombies bisher nur unter dem Begriff „splatter movies“ unterzubringen hatte, dem könnte LAND OF THE DEAD die Äuglein öffnen. Könnte. Muss aber nicht zwangsläufig. Denn „natürlich“ ist auch LAND OF THE DEAD wieder ziemlich „matschig“ geraten: Kaum eine special, besser: gruesome effects-Abteilung zuvor musste wohl derartig viel Kunst-Darm, -Gehirn und -Blut bereit stellen und möglichst ekelerregend in Szene setzen wie hier geschehen. BRAINDEAD-Ausmaße werden dennoch nicht erreicht, Peter Jackson wird auch von Romero nicht vom Ekel-Thron gestoßen.

Das ist aber auch wirklich nicht (mehr) nötig. Denn Zombies dürfen weiterhin nur von einem Regisseur in Szene gesetzt werden: George A. Romero. Niemand liebt seine untoten Schützlinge so wie er, niemand erreicht seine Klasse. Das zugehörige Genre dürfte somit nach Romeros Tod – zumindest in dieser Güteklasse – dann auch wohl das Zeitliche segnen. Es sei denn, Romero tut uns allen den Gefallen und kehrt höchstselbst als Untoter auf die Erde zurück, mit Heißhunger auf Zelluloid allerdings, nicht etwa auf Menschenfleisch: Der erste Zombie-Regisseur, der selber einer ist. Es wäre einfach die logische Konsequenz seines Lebens und Schaffens als Filmemacher.


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