CORPSE BRIDE

Corpse bride        (Tim Burton’s Corpse bride, USA, 2005)

Regie: Tim Burton und Mike Johnson. Buch: John August und Pamela Pettler
Mit den Stimmen von: Johnny Depp (Victor VanDort), Helena Bonham Carter (Emily, the Corpse bride), Emily Watson (Victoria Everglot), Tracy Ullman (Nelly VanDort/Hildegard), Paul Whitehouse (William VanDort), Richard E. Grant (Barkis Bittern), Joanna Lumley, Albert Finney, Christopher Lee u.a.
76 Minuten        (9 von 10 Punkten)

Corpse Bride ist einer jener Sorte Film, die man (leider) allzu selten auf der großen Leinwand bewundern kann. Grund dafür ist allein schon die aufwändige und zeitintensive Inszenierung mittels der „Stop-Motion-Technik“, die in einer Kinowelt der allmächtigen Digitalisierung wie ein Anachronismus anmutet. Aber es gibt sie noch, die Regisseure und Produzenten, die sich nicht scheuen, einen Abend füllenden Film zu drehen, und das Publikum darf ihnen dankbar sein. Steve Box und Nick Park gehören in diese Gruppe (ihr Wallace and Gromit: The curse of the were-rabbit steht in den Staaten in den Startlöchern), und auch Tim Burton hat bereits 1993 mit Nightmare before Christmas gezeigt, dass er sein Handwerk versteht.

War Nightmare … vom Plot her gelinde gesagt gewöhnungsbedürftig und die Gesangseinlagen (für mich) meist ein störendes Element, so präsentiert sich der von der Struktur her ähnliche Corpse bride wesentlich gaumenfreundlicher. Den Kultstatus hat sich Burton bereits hinlänglich verdient, nun legt er ein kleines, 76 Filmminuten währendes Gourmetstück nach, das auch für die Mehrzahl des Publikums zum Leckerbissen werden dürfte.

Mit welch’ filigraner Hand und detailverliebtem Auge zu Werke gegangen wurde, offenbart sich bereits in den ersten Minuten, wenn ein blassblauer Schmetterling aus Victors Zimmer entweicht und durch die winterlichen (!) Gassen eines namenlosen spätvictorianischen Städtchens flattert. Von zarter Orchestermusik aus der Schreibe von Danny Elfman begleitet, schwingt seinem Flug etwas Märchenhaft-Anheimelndes, aber auch Mysteriöses mit, so dass man sich gleich in die Zeit zurück versetzt fühlt und meint, gleich müsse Ebeneezer Scrooge um die Ecke spazieren. Den Figuren gemein sind die spindeldürren und oft unnatürlichen langen (oder auch viel zu kurzen) Arme und Beine, während Körper, Köpfe und Frisuren dermaßen überzeichnet sind, dass man den innewohnenden Charakter sofort erkennt und am liebsten gleich loslachen möchte.
Oder angesichts tragischen Liebreizes dahinschmelzen. Denn natürlich sind Victor (vom Gesicht ganz Johnny Depp, vom Auftreten Hugh Grant) und seine Verlobte Victoria innerlich und äußerlich makellos reine und unschuldige Wesen, und als Freund klassisch-romantischer Liebesgeschichten wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass das Schicksal sie zusammenführt.

Aber Tim Burton wäre nicht der, den wir kennen, würde er dieser Grundrezeptur nicht eine schaurig-gruselige Würze verabreichen. Nicht nur, dass die Hochzeit nur arrangiert ist, um die marode Haushaltskasse der vermeintlich reichen Brauteltern zu sanieren, nein, der übernervöse Victor verpatzt die Generalprobe der Zeremonie und geht im dämmernden Wald die Worte und Handgriffe noch einmal durch. Der knorrige Ast, dem er dabei den Ring überstreift, entpuppt sich allerdings als Finger der schönen, aber toten Emily, die einstmals in kalter Nacht auf jener Lichtung vergeblich auf ihren Bräutigam wartete. Durch Victor zu neuer Existenz erweckt, nimmt sie ihren frisch angetrauten Ehemann erst einmal mit nach Hause, in das Reich der Toten …

Ab sofort verfolgt der Zuschauer mit wachsender Aufregung und Amüsement die Geschehnisse in der Menschen- und Totenwelt, wobei die Akteure durchaus auch mal ihre angestammten Plätze verlassen und Burton seiner dunklen Seite freien Lauf lässt.
Dabei fallen besonders zwei Dinge auf:

Während die Szenen der Menschenwelt in blassen Farbtönen gehalten sind und die bedrückend-bornierte viktorianische Zeit fast schon wie ein Schwarzweißfilm anmutet, geht es „unter Tage“ weitaus tabuloser zu und bei den eingestreuten Swing- und Jazz-Einlagen fühlt man sich Schwindel erregend bewegt. Zunächst ist das verwirrend, bald aber mehr als willkommen. Lasst euch überraschen.

Nobel ist auch, dass Victoria und Emily de jure Rivalinnen sind (und letztere einige wahrlich gruselige Auftritte hat), aber beide Damen doch mit innerer Güte und Fairness beseelt sind, dass man als Zuschauer schwerlich geneigt sein dürfte, Victor die Wahl abnehmen zu wollen.

Corpse bride basiert auf einer russischen (jiddischen) Legende*, Tim Burton und sein Team haben in dreijähriger Arbeit daraus einen schaurig-schönen Liebesfilm gemacht, der auch mit Massenszenen und einer handfesten Gabel- und Degenszene aufwartet. Herausgekommen ist dabei ein in jeglicher Hinsicht empfehlenswerter Streifen, dem zu wünschen ist, dass Wortwitz und Stimmlichkeit auch in der deutschen Synchronisation erhalten bleiben.

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*) The legend of the corpse bride began as a Russian folktale in the 19th century when anti-Semitism was rampant and Jewish brides would often be ambushed and murdered on their way to the chapel. (Tribute Magazine, vol. 22 (2005) 6, S. 16)


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