LOVE SONG FÜR BOBBY LONG

*** LOVE SONG FÜR BOBBY LONG / A LOVE SONG FOR BOBBY LONG * USA 2004 * Kamera: Elliot Davis * Musik: John Travolta, Nada Surf, Los Lobos, und ganz, ganz viel blues’n’jazz aus New Orleans * Drehbuch: Shainee Gabel, nach dem Roman „Off Magazine Street“ von Ronald Everett Capps * Regie: Shainee Gabel * Darsteller/-innen: John Travolta, Scarlett Johansson, Gabriel Macht, Deborah Kara Unger, u. a. * 119 Minuten * (8 von 10 Punkten) ***


(Bildrechte: Tobis)

„The heart is a lonely hunter.“ (Carson McCullers)

„Do you know what it means to miss New Orleans?“ (jazz traditional)

Synopsis: Die achtzehn Jahre alte Purslane Hominy Will (Scarlett Johansson) hat die Schule geschmissen und lebt mit ihrem white trash-Freund in einem heruntergekommenen Wohnwagen in einem trailer park irgendwo in Florida. Ihre Rabenmutter Lorraine, jazz- Sängerin im big easy New Orleans, hat Pursy beinahe seit ihrer Geburt nicht mehr gesehen. Deswegen verschweigt ihr ach so fürsorglicher Freund auch die Nachricht von ihrem Tod, fest im Glauben daran, Pursy würde das eh nicht interessieren. Aber er hat sich nicht nur diesbezüglich in ihr getäuscht: Als Pursy verspätet von der Beerdigung ihrer Mutter unten im tiefen Süden der USA erfährt, reißt sie nicht nur aus und entflieht damit ihrer kaputten Beziehung, sondern trifft auch wenig später in New Orleans ein, zumal sie dort erwartet, ihr Erbe vorzufinden: Lorraines Haus.

Dort angekommen muss sie aber feststellen, dass sie die Rechnung ohne Bobby Long (John Travolta) und Lawson Pines (Gabriel Macht) gemacht hat, wohnen die beiden versoffenen ehemaligen Literaturdozenten der Universität von Alabama doch ebendort, und dies schon seit Jahren, schließlich hätten sie unbefristetes Wohnrecht. Dies wird nicht die einzige Lüge bleiben, die sie Pursy auftischen werden, denn diese zieht nach einigem Zögern dann doch in die Bruchbude in einem der ärmsten Viertel von New Orleans (von dieser location ist nach Hurrikan „Katrina“ mit Sicherheit nichts mehr übrig …) ein: In der ungleichen Wohngemeinschaft kommt es alsbald zu Spannungen, aber man rauft sich irgendwann zusammen, denn Pursy lässt sich – im Gegensatz zu dessen Kompagnon Lawson, der nicht nur Bobbys bester Freund, sondern auch sein ihm huldigender Biograph ist – von Bobby Longs exzentrisch-vulgärem Gebaren nicht einschüchtern.

Aber die bohème-Idylle der drei ungleichen Mitbewohner bekommt mit der Zeit mehr und mehr Risse: Die gemeinsame dunkle Vergangenheit von Bobby und Lawson will an die Oberfläche, und Pursy kann dem alles überstrahlenden post mortem-Glanz ihrer Mutter einfach nicht entkommen: Langsam dämmert es ihr, dass sich unter all den Trinkern, Verlierern und heruntergekommenen jazz-Musikern und Möchtegern-Poeten in Bobbys und Lawsons Umfeld, die ihre Mutter allesamt wie eine Heilige verehren, womöglich ihr leiblicher Vater befindet …

Kritik: LOVE SONG FÜR BOBBY LONG. Wahrscheinlich gab es stundenlange Nachtsitzungen beim deutschen Filmverleih „Tobis“ über diesen Titel, der im Original bekanntlich A LOVE SONG FOR BOBBY LONG lautet. „Schrecklich, diese Anglizismen!“ wird man sich übereinstimmend / kopfnickend beim x-ten nach deutschem Reinheitsgebot gebrauten Pils zugeraunt haben, „wir können den Film nicht mit diesem unmöglich langen englischen Originaltitel ins deutsche Kino bringen.“ – „Nein, bitte nicht noch ein Baustein für den Minderwertigkeitskomplex namens Deutschland!“ – „Das können wir unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern nun wirklich nicht zumuten, neinneinneinnein, wo kämen wir denn da hin …“ – „Wir könnten den Film auch KATRINA & THE WAVES – wegen dem New Orleans-Bezug, ne? – nennen, da sind zwar auch Anglizismen drin, aber wenigstens könnten wir unserem Anti-Amerikanismus frönen!“ – „Och, nee! Jetzt machen Sie aber mal halblang, Paschulke!“

Trotzdem hat man sich im Heimatland der halbgaren Kompromisse bei dem gar nicht so abwegigen Vorschlag EIN LIEBESLIED FÜR ROBERT LANG (okay …) sicherlich in die schwarzrotgoldenen Windeln geschissen. Heraus kam die – ächz! – „Große-Koalitions- Lösung“, also known as „Pyrrhus-Sieg“: LOVE SONG FÜR BOBBY LONG. Hier füge ich kein „Wow!“ ein. (Der amerikanische Film über die deutschen Gebrüder Grimm wird übrigens hierzulande BROTHERS GRIMM heißen. Manchmal möchte man einfach einen Vorschlaghammer in der Hand haben, aber nicht etwa um Wände einzureißen …)

Genug der Vorrede. A LOVE SONG FOR BOBBY LONG ist schon wieder einer dieser Filme, die nahezu ausschließlich auf der Gefühlsebene funktionieren und erfolgreich um sie buhlen, während das Köpfchen ständig weiter denkt und haltlose Einwände erhebt: „Ey, Herz! Mach’ ma’ nich’ so’n Wind! Die Szene war jetzt aber dramaturgisch schon etwas daneben, oder?“ – (Herz:) „Ja, schon (snief!) … Aber diese Bilder! Diese Musik! Travolta! Macht! Johansson! Und sie heißt auch noch Scarlett! Und das in den Südstaaten!: VOM STURM ZERSTÖRT equals VOM WINDE VERWEHT, weeste?“ (snief! Taschentuch rauskram’, Heulkrampf krieg’). – Kopf schweigt pietätsvoll. Was anderes bleibt ihm bei diesem Film auch nicht übrig, Herz- statt Kopfschuß der er nunmal ist.

Aber es ist wirklich schon erstaunlich, dass auch der imperfekte A LOVE SONG FOR BOBBY LONG ebenso wie der imperfekte GARDEN STATE dazu in der Lage ist, das Hirn irgendwann auszuschalten. Ist der beste Film mit John Travolta nach (und vor) PULP FICTION doch recht altmodisch geraten. Nicht nur gibt es einen Off-Erzähler, sondern auch eine Handlung, die sich (im Gegensatz zum Beispiel zu dem noch tolleren BROKEN FLOWERS) ständig bemüßigt fühlt, sich selbst zu erklären. Keine Fragen sollen zum Ende offen bleiben, die Charaktere agieren im überschaubaren Rahmen, fast jede Szene lässt sich aus der vorhergehenden schließen, Überraschungen finden wenn überhaupt nur in genau kalkuliertem Maße statt: A LOVE SONG FOR BOBBY LONG ist von der Erzählstruktur und der generellen Machart her tatsächlich ein konservatives, nahezu altmodisches Werk. Man verzeiht es ihm gern. Zufürderst (yes! geiles Wort!) wegen der immer wieder schlaglichtartig aufblitzenden Situationskomik. LOVE SONG ist bisweilen zwerchfellerschütternd witzig, was vor allen Dingen an dem herrlich komischen John Travolta liegt, dem aber auch tragische Szenen wunderbar gelingen: Sein Weinkrampf /Zusammenbruch im Bad „seines“ Hauses schwemmt einem die letzten sommerlichen Gräserpollen aus den Äuglein: Travolta läuft als weißhaariger Alkoholiker/Literaturprofessor ähnlich wie Bill Murray in BROKEN FLOWERS zu fast noch nie dagewesener Hochform auf: EIN AUFSTAND ALTER MÄNNER gegen das Bubi- Hollywood.

Dann ist da noch die Musik (Hey! Wir reden hier von New Orleans!), von der ich hier gar nicht erst anfangen werde zu schwärmen (Kauft den soundtrack! Blind! Taub!), nebst einer schönen Kameraführung, die vor allem was die interieurs von Bobby Longs (anfangs) verkommener Behausung angeht, in ihrer Erlesenheit an die Stilleben von I WAS A TEENAGE WEREWOLF – Quatsch! – GIRL WITH A PEARL EARRING erinnern. Und es gibt ein hervorragend (inter-)agierendes Schauspieler/-innen-Triumvirat aus Travolta, Johansson und Macht, das JULES ET JIM-Qualitäten aufweist. Schlichtweg wunderbar ist jede gemeinsame Szene der drei geraten – auf der DVD sollte jedes Gespräch der Protagonisten ein eigenes Kapitel bekommen, damit man die repeat-Funktion überstrapazieren kann.

Ach ja. Talkin’ ’bout Überstrapazierung: Scarlett Johansson, mal wieder. Die Frau wird mir echt langsam unheimlich. Wie alt ist die? 20? – Nun gut, jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, aber das Feuer, dass diese Schauspielerin jedes verdammte Mal auf der Leinwand entwickelt, einfach nur durch bloße Anwesenheit ebendort, ist mir schlichtweg schleierhaft. Ich kann immer noch nicht wirklich beurteilen, ob sie eine herausragende Schauspielerin ist, oder ob die Esoteriker mit ihrem ganzen Gequatsche von der „Aura“ eines jeden Menschen Recht haben. Falls letzteres sich bewahrheiten sollte, bringt Scarlett Johansson jedes „Aura“- Messgerät zum data overload, obwohl sie als trailer park girl anfangs eher fehlbesetzt wirkt: Die Frau allein ist mal wieder jedes Eintrittsgeld wert.

Es ist einfach nur rundherum schade, dass dieser kleine feine Film (zweifelsohne eher dem „Drama“ als dem „Komödien“-Genre zuzuordnen) so nahezu vollends mit Missachtung gestraft worden ist. In den USA (LOVE SONG bekam gerade einmal eine „Golden Globe“-Nominierung für Miss Scarlett) könnte dies daran liegen, dass LOVE SONG ein ungemein sinnlicher Film ist, New Orleans eben: Hot blues’n’jazz, polterndes Rumgefluche, Kraftausdrücke und fast schon Bukowskische Verbalerotik wohin das Ohr hört; exzessiver, genüsslicher und beinahe Werbespot-mäßig vollzogener Alkohol- und Zigarettenkonsum (allerdings einhergehend mit den ebenfalls nicht verheimlichten gesundheitlichen Konsequenzen): LOVE SONG pisst wie Bobby Long Blut in die water closets der scheinheiligen Moralapostel der christlichen Rechten; dafür kann es natürlich keinen wichtigen Filmpreis geben.

A LOVE SONG FOR BOBBY LONG ist trotz trauriger Grundstimmung ein feel good movie der alten Schule, der bisweilen derbe auf die Kacke hauen kann, um dann wieder anrührend und sentimental LA VIE DE BOHÈME von drei Außenseitern der Gesellschaft im big easy zu feiern, dabei immer ehrlich und direkt treffsichere Pfeile ins jeweilige Zuschauerherz abfeuernd. Die dargestellte Idylle ist bisweilen zu idyllisch, die Tristesse manchmal zu trist, die Waage bleibt ständig in Bewegung, das Pendel pendelt nie aus – vieles ist einfach nicht stimmig, der Film findet keinen Ruhepol in sich selbst. Doch er rührt, rührt, rührt und kann gar nicht aufhören zu rühren – einer der Filme, bei denen man so etwas wie Erhabenheit verspürt, wenn das Licht im Kinosaal wieder angeht: Dankbarkeit darüber, Mensch sein zu dürfen. The great big feeling. Sowas halt. Nicht viele Streifen schaffen das. A LOVE SONG FOR BOBBY LONG ist der drittbeste Spielfilm, den ich dieses Jahr gesehen habe. Und die Anschaffung von (bereits erschienenem) soundtrack und (noch nicht erschienener) DVD die zwangsläufig folgende Pflichtübung. Die Kür war einfach zu hinreißend, als dass ich werde widerstehen können.


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