BROKEN FLOWERS

*** BROKEN FLOWERS * Frankreich / USA 2005 * Musik: Mulatu Astatke, u. a. * Kamera: Frederick Elmes * Drehbuch und Regie: Jim Jarmusch * Darsteller/-innen: Bill Murray, Jeffrey Wright, Sharon Stone, Frances Conroy, Jessica Lange, Tilda Swinton, Julie Delpy, Chloé Sevigny, Mark Webber, Alexis Dziena, Pell James, Christopher McDonald, Homer Murray, u. a. * 106 Minuten * (9 von 10 Punkten) ***


(Bildrechte: Tobis)

Synopsis: Don Johnston (Bill Murray), ein ehemaliger Don Juan, wird von seiner letzten amourösen Errungenschaft Sherry (Julie Delpy) verlassen, was dieser scheinbar unerschütterlich hin nimmt. Doch kaum ist Sherry dahin gegangen, da flattert ein rosa Brief in sein Nobelheim – Don hat ein Vermögen „mit Computern“ gemacht, ohne selbst einen zu besitzen – doch der Inhalt dieses Briefs ist es dann, der die Existenz des ewigen Junggesellen nachhaltlich zu erschüttern vermag. Beinhaltet er doch die für Don völlig überraschende Nachricht, dass er vor neunzehn Jahren einen Sohn mit der anonymen Absenderin des Poststücks gezeugt habe – und dieser Sohn sei nun womöglich auf der Suche nach seinem ihm unbekannten Vater.

Nebenan wohnt Winston (Jeffrey Wright), ein aus Äthiopien stammender, quietschlebendiger und grundsympathischer Kerl mit drei Jobs und einer siebenköpfigen Familie, die ihn auf Trab halten. Winstons Hobby ist die Kriminologie, die er mit einer Leidenschaft betreibt, die dem „Mann ohne Eigenschaften“ Don völlig fremd ist, zieht sich Letzterer doch lieber deprimierende Opernarien und alte Schwarzweiß-Filme rein, bevor er im Trainingsanzug auf seiner überteuerten Couch einschläft. (Sein Nachbar brennt Don deshalb auch ständig CDs mit äthiopischem jazz; aus therapeutischen Gründen …)

Winston wiederum ist Feuer und Flamme wegen des Briefs und weist Don an, ihm eine Liste der möglichen Mütter seines Sohnes zu machen – er würde dann schon die Recherche besorgen, damit Don sich auf die Suche nach seiner nie gekannten Rumpffamilie machen kann, wovon der lethargische womanizer zunächst einmal überhaupt nicht begeistert ist.

Von Winstons rückhaltloser Begeisterung und selbstlosem Engagement angetrieben, setzt sich Don aber dann doch widerwillig in Bewegung und macht sich auf eine Reise quer durch die USA, die nicht nur äußerlich Spuren an ihm hinterlassen wird …

Kritik: Dass der ewige Lakoniker Jim Jarmusch und der Meister der kleinen, feinen schauspielerischen Gestik und Mimik, Bill Murray, so etwas wie ein potentielles Traumpaar in einem gemeinsamen Film abgeben würden, konnte man schon nach Murrays grandioser understatement performance in LOST IN TRANSLATION erahnen. Kaum ein Jahr später drehte Jarmusch dann auch nahezu zwangsläufig eine hinreißende Episode aus COFFEE AND CIGARETTES mit dem ehemaligen GHOSTBUSTER und SATURDAY NIGHT LIVE-Krawallhumoristen. BROKEN FLOWERS ist nun der erste gemeinsame Spielfilm der beiden – und nachdem die credits die Kinoleinwand hinunter gerollt sind und das Licht im Kinosaal wieder angegangen ist, wünscht man sich, dass Jarmusch nur noch mit Murray drehen möge, so wundertoll ist BROKEN FLOWERS geraten, Jarmuschs bester Film seit NIGHT ON EARTH aus dem Jahre 1989.

Trotzdem muss man gleichzeitig vor dem Film warnen, denn die Anzahl der Zuschauer, die nach (oder schon während) des Films entrüstet „Großer Preis der Jury in Cannes? – Könnte ich dann bitte auch den großen Preis für Sitzfleisch kriegen und zwar stante pede?“ bzw. „Dagegen ist DON’T COME KNOCKING ja SPEED!“ rufen werden, dürfte recht hoch sein. (Und man müsste ihnen unumwunden zustimmen, wobei man nicht vergessen sollte zu erwähnen, dass DON’T COME KNOCKING eher SPEED 2 ist, pun intended.)

Denn auf BROKEN FLOWERS muss man sich wirklich einlassen, zumal der Film keinerlei Versuche unternimmt, sich dem geneigten Betrachter intersubjektiv zu vermitteln. Er hat sowas wie einen Anfang, überhaupt keine story und schon gar kein Ende und ist noch dazu höchst schematisch aufgebaut: Es gibt eine Art Prolog (Sherry geht, Brief kommt, Winston bringt Don dazu, sich auf die Suche zu machen), dann die Besuche bei den vier Frauen aus Dons Vergangenheit (die allesamt nach dem Schema Don im Flugzeug / Don im Mietwagen / Don zu Besuch / Don wieder im Mietwagen / Don wieder im Flugzeug / Don schon wieder im Mietwagen / Don bei der nächsten Frau usw. usf. ablaufen) und zu guter Letzt ein Ende, welches nicht nur sämtliche Fragen offen lässt, sondern auch ebenso viele neue aufwirft: Große Drehbuchkunst sieht anders aus.

Hinzu kommt noch, dass Jarmusch sich zum ersten Mal in seiner mit Meisterwerken meiner Meinung nach geradezu gespickten Karriere nicht einmal mehr auf besonders ästhetische Bilder verlässt, ganz im Gegensatz zu seinem Ziehvater Wim Wenders in DON’T COME KNOCKING, der ja bekanntlich mit fast derselben Geschichte aufwartet. Selbst der road trip, durchsetzt mit Inlandsflügen quer durch die USA, ist ein fake, drehte Jarmusch auf Wunsch des bodenständigen Murray doch ausschließlich in dessen häuslicher Umgebung, in den Bundesstaaten New Jersey und New York. Und auch der soundtrack gibt sich diesmal betont unspektakulär – es sei denn, man ist fan von äthiopischem jazz (!!!): Oberflächlich und storywise ist BROKEN FLOWERS somit auf kleinster Flamme gekochtes understatement – ein Affront gegenüber jedem Zuschauer, der so etwas wie (Ent-)Spannung, action und schenkelklopfende Belustigung erwartet, zumindest aber – ein naheliegender cinéastischer Wunsch – „was für die Augen“ haben möchte.

Wer sich aber auf BROKEN FLOWERS einlässt, wird mit einem Film belohnt, wie sie heutzutage und noch dazu aus den USA kommend, höchst selten geworden sind. BROKEN FLOWERS ist nämlich das nuancierteste, subtilste, vorsichtigste und zärtlichste Stück Zelluloid, das ich jemals im Kino gesehen zu haben vermeine. Und das Erstaunliche daran ist, dass Drehbuch und Regieführung völlig hinter Murrays Schauspielkunst verschwinden: BROKEN FLOWERS ist ein höchst untypischer Film für und von Jarmusch. Auch deswegen, weil es ihm endlich gelungen ist, berückende weibliche Fabelwesen namens Sharon Stone, Frances Conroy, Jessica Lange (siehe auch DON’T COME KNOCKING), Tilda Swinton, Julie Delpy, Chloé Sevigny, Alexis Dziena und Pell James auf Film einzufangen und für immer festzuhalten, galt Jarmusch doch bislang als reiner „Jungs-Filmer“. (Die illustre Schauspieler/-innen-Riege macht BROKEN FLOWERS dennoch nicht, wie derzeit so ostentativ behauptet wird, zu Jarmuschs zugänglichstem Werk.)

Aber selbst die allesamt herrlich geratenen Frauenfiguren stehen hinter der des Don Johnston zurück, denn dieser wird nun einmal von Bill Murray gespielt (den ich für den größten lebenden Filmschauspieler halte). Seine performance ist noch minimalistischer, noch nuancierter und noch um ein vielfaches besser als in LOST IN TRANSLATION geraten, was gelinde gesagt kaum zu glauben (aber wahr) ist. Was Murray hier abliefert, habe ich so noch nicht gesehen. Jedes Blinzeln. Jedes Hochziehen der Augenbrauen. Jede noch so kleine Handbewegung. Alles ist stimmig, perfekt gespielt … erleuchtet. (Dass ausgerechnet das US-amerikanische Kino seinen solchen Schauspielgiganten hervorgebracht hat, ist nebenbei bemerkt, nur noch umso erstaunlicher.) – Allein die „Friedhofsszene“: Wenn Murray nass vom strömenden Regen, an einen Baum gelehnt, am Grab einer verstorbenen Geliebten sitzt, ist es völlig egal, ob das, was sich da in seinen riesengroßen Hundeaugen sammelt, Tränen oder Regenwasser ist: Sein Gesichtsausdruck füllt in diesem Moment sämtliche Seiten sämtlicher jemals erschienener Bücher über das Kino und darüber hinaus aus, und in seinem Blick scheint alles menschliche Leiden vereint. Es bricht einem das Herz.

Bill Murray bricht einem das Herz. BROKEN FLOWERS bricht einem das Herz.

Der beste und schönste Film des Jahres neben GARDEN STATE.

Ein subtiles Meisterwerk.


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