DAS WANDELNDE SCHLOSS

Das wandelnde Schloss      (Hauru no ugoku shiro, Japan 2004)

Drehbuch und Regie: Hayao Miyazaki, nach dem Roman Sophie im Schloss des Zauberers von Diana Wynne Jones. Musik: Joe Hisaishi
Deutsche Stimmen: Robert Stadlober (Hauro), Sunnyi Melles (Sophie) u.a.
119 Minuten     (4 von 10 Punkten)

Zwei Jahre und zwei Monate nach Chihiros Reise ins Zauberland (entstanden 2001, im Sommer 2003 in den deutschen Kinos) lud ich mich wieder bei Mastermind Hayao Miyazaki ein, um zu schauen, was es Neues gibt. Aber, ach, es war nichts da. Ich fand die Wohnung, das Mobiliar, die Accessoires, einfach alles, was ich einst so faszinierend und wundersam entdeckt hatte, unverändert und seltsam uninspiriert vor. Farbenfroh wie immer zwar und mit Detailversessenheit ausgestattet, aber die Sicht auf die Dinge und der Anblick, der sich mir bot, sie wollten nicht zusammenpassen, nicht so harmonieren, wie sie es über weite Strecken bei Chihiro getan hatten. „The thrill had gone“. Und auch die Geschichte, die der 64-jährige Regisseur zu erzählen hatte, kam mir bedauernswert bekannt vor. Mädchen bzw. junge Frau begibt sich allein auf unbekanntes Terrain, wird schicksalhaft getrieben, um gegen böse Flüche und um die Liebe eines schönen Mannes/Zauberers zu kämpfen. An ihrer Seite kleine lustige Helfer, um sie herum ein verschachteltes Gebäude, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute glücklich bis an ihr Ende.
Natürlich werden klügere Köpfe als ich nun erkannt haben, dass hinter der simplen Geschichte weitaus mehr an Symbolik und tieferer Thematik steckt und Miyazaki es wie kein zweiter versteht, im Zeitalter der Digitalisierung einen Zeichentrickfilm „für die ganze Familie“ zu kreieren, der auch die Kritiker zu Lobeshymnen veranlasst und sowohl das Publikum in Japan wie auch das in der westlichen Welt anspricht. Mag ja alles stimmen. Und die Zutaten sind zugegebenermaßen alle vorhanden, er hat im Grunde das gleiche „winning team“ wieder aufs Spielfeld geschickt.
Und trotzdem läuft es diesmal nicht rund.

Erstens funktioniert einfach nicht, einen anime’ischen fernöstlichen Zauberer in eine Welt zu stecken, die verdächtig dem Bühnenbild einer Operettenstadt aus dem 19. Jahrhundert ähnelt, Kostüme und Uniformen eingeschlossen. Überschattet wird die heile Welt von einem drohenden Kriegsszenario, in dem bald Luft- und Wasserfahrzeuge H. G. Wells’scher Prägung das Bild bestimmen. Dann wiederum breitet Miyazaki einen idyllischen Teppich aus Berg, See und Wiese aus, der Erinnerungen an die Heidi-Filme wach werden lässt (bei jener Serie hatte M. übrigens auch seine Hände im Spiel). Heillos.

Zweitens haben wir es mit einer ziemlich konfusen und auf tönernen Begründungsfüßen stehenden Story zu tun. Ein tieferer Sinn, falls er denn vorhanden ist, verlangt bei diesem Film eine erhöhte Aufmerksamkeitsstufe und fantasievolle Kombinationsgabe. Jene Grundhaltung beißt sich dann allerdings mit dem unbefangenen Blick für die putzigen Bildchen, mit denen Miyazaki so spielerisch seine Märchenwelt ausstattet. Ich kann mir jedenfalls nicht recht vorstellen, wie Kinder unter 10 Jahren erfassen sollen, was sich da vor ihren Augen abspielt. Die Generation darüber wird sich – heutigen Gepflogenheiten folgend – in Punkto Zauberei und Aktion mehr in Richtung Fantastic Four (2005) oder Krieg der Welten (2005) orientieren, die beide übrigens ab 12 Jahren freigegeben sind. Bleiben die Erwachsenen, die im Geiste noch irgendwo Kind geblieben sind. Jene werden ausschalten müssen, dass der Grund für den Krieg über weite Strecken nicht geklärt wird, dass es verwirrende Zeitsprünge gibt, Traum- und Realsequenzen nicht auseinanderzuhalten sind und im Laufe des Filmes die allgegenwärtige Orchestermusik doch um einige Takte und Dezibel zu pompös wird.

Last but not least sind es einige Figuren (zu viel), die nicht überzeugen. Sophie vermag zwar als 90-jährige Frau anfangs die Bürden des Alters angemessen wiederzugeben, dieser Aspekt verliert sich indes bald in den Wirren um ihre wechselhafte Existenz. Zauberer Hauru selbst ist erschreckend blass, absolut unterbesetzt in der Rolle als Sympathieträger, der er zweifellos sein soll. Und sein Lehrling Markl ist dem Ziegenpeter von der Alm wie aus dem Gesicht geschnitten. Die Gegenseite hat eigentlich überhaupt keinen Vertreter ins Feld zu führen, die bösen Hexen sind bald irgendwie doch nett und harmlos und der Krieg löst sich am Ende schlagartig in Wohlgefallen auf. Eigentlich bringen nur Calcifer (Feuergott) und Rübe (Vogelscheuche) eine ansprechende Leistung; leider nicht genug, um das Spiel entscheidend zu wenden.


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