DON’T COME KNOCKING

*** DON’T COME KNOCKING * Deutschland / USA 2005 * Musik: T-Bone Burnett, Bono Vox, u. a. * Kamera: Franz Lustig * Drehbuch: Sam Shepard, nach einer Geschichte von Sam Shepard und Wim Wenders * Regie: Wim Wenders * Darsteller/-innen: Sam Shepard, Jessica Lange, Gabriel Mann, Sarah Polley, Fairuza Balk, Tim Roth, Eva Marie Saint, George Kennedy, u. a. * 122 Minuten * (5 von 10 Punkten) ***

Synopsis: Moab, Utah, USA, irgendwo in der Wüste: Ein Western mit dem Arbeitstitel „Phantoms of the West“ wird gedreht. Doch vor einem wichtigen take ist der Hauptdarsteller, der so berühmte wie durch seine Drogeneskapaden berüchtigte und dadurch sich scheinbar unwiederbringlich auf dem absteigenden Ast befindliche Howard Spence (spielt wie ein verwittertes Stück Holz: Sam Shepard) verschwunden. Auf seinem Filmpferd davongeritten, doch nur scheinbar einfach so ins Blaue hinein:

Er taucht bei seiner Mutter (in Würde gealtert: die großartige Eva Maria Saint) im Casino-Kaff Elko, Nevada auf, die ihn seit 30 Jahren nicht mehr gesehen hat. Doch auf die Wiedersehensfreude folgt der Schock für den cowboy: Seine Mutter erzählt ihm, dass sie vor vielen Jahren einen Anruf aus Butte, Montana erhalten habe, wo Howard mal vor Urzeiten einen seiner erfolgreichsten Western, „Just Like Jesse James“ gedreht hat. Eine Frau sei in der Leitung gewesen, die behauptet habe, sie und Howard hätten einen gemeinsamen Sohn, und dummerweise hätte sie sehr glaubwürdig geklungen.

Auf der Flucht vor dem Versicherungsagenten (angenehm subtil: Tim „Pumpkin“ Roth) der Filmproduktionsfirma, dessen set er so urplötzlich verlassen hat, führt der Weg des im wahrsten Sinne des Wortes abgehalfterten Westernhelden dann auch in den Südwesten von Montana, in eben jene Stadt Butte – eine ehemals blühende Kupferminenstadt, die wie er schon bessere Zeiten gesehen hat.

In Butte trifft er tatsächlich auf die Frau, die er damals hat sitzen lassen (Sam Shepards Ehefrau im „richtigen“ Leben: Jessica Lange), sowie auf seinen Sohn (man hat schon bessere Schauspieler auf der Leinwand erblicken dürfen: Gabriel Mann) und dessen doof-verrückte Freundin (Fairuza Balk). Keine von den dreien hat wirklich auf ihn gewartet; die Familie, die Howard nie hatte, empfängt ihn nicht gerade überschwänglich. Doch da ist auch noch ein merkwürdiges Mädchen (Sarah Polley), ständig mit der Urne ihrer jüngst verstorbenen Mutter unterwegs, die ausgerechnet in Howard ihren verschollenen Vater zu erkennen glaubt. Dessen Sinnsuche scheint somit an ihrem glücklichen Ende angekommen zu sein – da taucht der Versicherungsvertreter in Butte auf, mit Handschellen im Reisegepäck …

Kritik: Ich bin (Ost-)Westfale. Ich bin ein geduldiger Mensch. Auch einige der jüngsten, prätentiös-überambitionierten Filme des gebürtigen Rheinländers Wim Wenders habe ich mit Engelsgeduld ertragen.

Nun aber DON’T COME KNOCKING … nee. Irgendwie, irgendwo, irgendwann ist meine Geduld am Ende. Und zwar spätestens dann, wenn es unfreiwillig komisch wird. „Uncool“ war Herr Wenders ja schon immer, damit habe ich leben können, habe ihn sogar wortreich zu verteidigen gewusst. Aber DON’T COME KOCKING, der in Cannes mit 35minütigen standing ovations gefeiert wurde (Ey, Franzosen! Aufwachen! PARIS, TEXAS war vor zwanzig Jahren!), lässt keinerlei Ausreden mehr zu. Der Film war mir stellenweise einfach nur noch peinlich, obwohl Wim Wenders persönlich im „Cineplex“ zu Münster anwesend war und sich als der schüchterne, und intelligent-freundliche Mann heraus gestellt hat, den man erwartet hatte. Außerdem kann Wim wunderbar Dönekes erzählen. Nicht nur mir hat sein „Auftritt“ daher sehr gefallen, er hat den Film aber auch nicht mehr rausreißen können.

Der Reihe nach: Die Schauspieler. Sam Shepard, Drehbuchautor des Films und ebenfalls von Wenders genialem Meisterwerk PARIS, TEXAS, spielt … nun ja …: Hätte man ihn während der Western-Dreharbeiten an einen Marterpfahl gebunden, letzterer hätte geradezu charismatisch neben, pardon, hinter ihm ausgesehen. Nahezu keine Sekunde nimmt man Shepard den gefallenen Westernhelden Howard Spence ab; er wirkt so unglaubwürdig in seiner Rolle, dass er dadurch Situationen auf der Leinwand herauf beschwört, bei denen man sich zwangsläufig peinlich berührt im Kinosessel windet.

Die Frauenfiguren sind Herrn Wenders mehr geglückt; Jessica Lange, Sarah Polley, Eva Marie Saint und die etwas überkandidelt auftretende Fairuza Balk spielen im Rahmen ihrer hohen Möglichkeiten. Der zweite männliche Hauptdarsteller dagegen, Gabriel Mann, als Howards verlorener Sohn und Buttes Rock’n’Roll-Hoffnung, ist dagegen entweder völlig fehlbesetzt, oder er hat einfach null Talent. Hinzu kommt eine besonders in seinem Fall grausame deutsche Synchronisation, die sogar vor einem seiner Songs nicht halt macht. (Auf die vorsichtig formulierte Frage eines Zuschauers, ob er denn auch die volle Kontrolle über die deutsche Fassung gehabt hätte, bejahte Herr Wenders diese Frage nicht nur, sondern zeigte sich auch sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Puh …)

Spätestens also wenn Sohnemann Spence auf der Bildfläche erscheint, könnte man den Film getrost vergessen (ab dann wird’s nämlich fast jede Sekunde peinlich …), wenn da nicht … Ja, wenn da nicht … die übliche Machart wäre, wenn Wim Wenders einen Film dreht: Diese Bilder! Herrgott nochmal! Wenders und sein Kameramann Franz Lustig, der sich auch schon für die wunderschönen Zelluloidgemälde von LAND OF PLENTY verantwortlich zeigte, haben mal wieder ein Panorama des amerikanischen Westens zusammengefilmt, dass einem einfach nur die Augen übergehen. Ich will ja unbedingt wieder in die USA reisen, doch nach Montana, dachte ich vor DON’T COME KNOCKING, kriegen mich keine zehn … naja, Pferde, was auch sonst. Jetzt würde ich am liebsten nonstop in die verfallende Bergwerkstadt Butte (sprich: Bjut) fliegen, ein wahrer Un-Ort im „realen“ Leben, ist die Umgebung des 30.000 Einwohner zählenden Städtchens doch durch die Jahrzehnte lang rücksichtslos betriebene Kupfergewinnung so verseucht wie deutsches Musikfernsehen durch Klingeltonwerbung. In Butte konnte man während der 90er Jahre sogar nicht einmal mehr Wasser aus der Leitung trinken, ohne stante pede danach tot umzufallen, God bless America.

Doch dann kommt Onkel Wim vorbei, nimmt einen an der Cinéasten-Hand und man traut seinen Augen nicht: Butte, Montana, dieser armselige Schlackehaufen des American dream, er-scheint, er-strahlt, er-was-auch-immert unter Zuhilfenahme von Franz Lustigs Kameraführung wie ein Meisterwerk des Malers Edward Hopper, an dessen Gemälde nahezu jede Einstellung erinnert, so meisterhaft wurde hier 35mm-Film belichtet. (Wenders filmt dummerweise allerdings auch seine Figuren so ab, als seien sie Landschaften, nur bringt er letzteren weitaus mehr Aufmerksamkeit entgegen. Mit Menschen arbeitet Wim wohl nicht so gerne („Huch, wieso bewegen die sich denn jetzt?“), was man leider auch nur allzu deutlich spürt: Nur bedeutungsschwanger in der malerischen Gegend herumstehen reicht für eine mit kräftigen Farben dahingepinselte Charakterzeichnung nun einmal nicht aus.)

DON’T COME KNOCKING ist somit ein weiterer typischer Fehlgriff von Wim Wenders geworden, er scheitert allerdings auf dem optisch gewohnt herausragenden Niveau: Ehrfurcht einflößende Bilder versuchen über eine erschreckend dünne story mit unrealistisch übersteigerten bzw. unfreiwillig komischen Charakteren und Situationen hinwegzutäuschen, und der soundtrack ist natürlich mal wieder klasse geworden. Und Lakonie, Witz, understatement und Ironie bleiben erneut Fremdworte im Wendersschem Universum – Jim Jarmusch, dessen neuer Film BROKEN FLOWERS nächste Woche mit fast derselben story (Vater auf der Suche nach nie gekanntem Sohn und dessen Mutter) in den deutschen Kinos startet, wird es allein schon deswegen besser machen, weil der so geniale wie nuancierte Bill Murray als dessen Hauptdarsteller all diese Charaktereigenschaften mühelos in seiner Person vereint, die Totempfahl Shepard und seinem verquasten Schnitzer Wenders offenbar abgehen.

Aber dann ertappt man sich schließlich dann doch wieder dabei, dass man sich vor dem Wegdämmern (nach, nicht während des Films, so endlos lang ist DON’T COME KNOCKING zum Glück gar nicht) bis ins kleinste Detail wortreiche Verteidigungsreden für Wenders erneut verpatzten Geniestreich-Versuch überlegt, weil man dem guten Wim einfach nicht böse sein kann, dafür hat er einfach schon zu viele cinéastische Wunderwerke erschaffen. Darüber kommt man dann auch zu dem Schluss, dass man sich auch Wenders nächstes Werk einfach auch wieder ansehen muss, „schon wegen dieser Bilder“, hach!

Man nimmt also seufzend die zerfetzt daliegenden Enden des eigenen Geduldsfadens, fängt stundenlang an zu frickeln (wobei der Geduldsfaden sich selbstverständlich tierisch aufregt: „Boah, ey! Wenders? Vergisses! Hömma, ich kann nich’ mehr! Siehste doch!“), und siehe da: Der hält noch ’ne Weile, ist aber überdehnt bis dort hinaus …: Noch so ein Streifen wie DON’T COME KNOCKING von Düsseldorf’s ’n’ Germany’s finest director allerdings und … auch (Ost-)Westfalen können grausam sein:

* Palim-palim! *
-„Tach, Wenders mein Name! Ich würde Ihnen gerne meinen neuesten Film möglichst opulent bebildert verkaufen. Ich habe diesmal mit Robby Müller und Franz Lustig zusammen gearbeitet und das Liebesleben der aserbaidschanischen Amöbe verfilmt. Das Drehbuch stammt im übrigen von Bono Vox … – Äh, was wollen Sie denn jetzt mit der Kettensäge?“
– „Wissen Sie, Wim? Ich weiß auch nicht, wie es gekommen ist, aber neuerdings verehre ich George A. Romero … Und übrigens: DON’T COME KNOCKING here again!“


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