SIN CITY

*** SIN CITY / FRANK MILLER’S SIN CITY * USA 2005 * Musik: Robert Rodriguez, u. a. * Drehbuch: Frank Miller, nach seiner gleichnamigen comic-Serie * Regie: Frank Miller, Robert Rodriguez, und Quentin Tarantino * Darsteller/-innen: Bruce Willis, Jessica Alba, Mickey Rourke, Clive Owen, Benicio Del Toro, Elijah Wood, Rosario Dawson, Jaime King, Nick Stahl, Carla Gugino, Devon Aoki, Brittany Murphy, Alexis Bledel, Michael Madsen, Rutger Hauer, Powers Boothe, Josh Hartnett, Frank Miller, u. v. a. * 124 Minuten * (7 von 10 Punkten) ***

Sin City
(Bildrechte: Buena Vista)

Synopsis: Okay, da ist dieser cop. Er ist good. Was automatisch bedeutet, dass es auch einen bad cop gibt. Dieser erschießt ihn. Denkt man. Ist aber nicht so. Denn der gute cop überlebt. Nächste Geschichte. Da ist dieser entstellte Typ. Er hat die Liebe seines Lebens gefunden. Denkt er. Dann wird sie ermordet. Dann findet er denn Täter. Dann ermordet er ihn. Daraufhin wird er ermordet. Nächste Geschichte. Da ist dieser Typ. Er ist eine wahre Lichtgestalt. Naja, nicht wirklich. Okay, er ist auch ein Killer. Aber er hilft auch den Nutten von SIN CITY aus ihrer kriminellen Bredouille. Was die gar nicht nötig haben, denn die können sich schließlich selbst wehren. Und dann wieder doch nicht. Also hilft er ihnen. Bad idea. Nächste Geschichte. Der gute cop aus der ersten Geschichte hat wie gesagt irgendwie überlebt. Seine Erz-Nemesis allerdings auch. Wir nähern uns dem Ende der gesamten Geschichte. Ergo: showdown. (Hey! Es ist eine Comic-Verfilmung, oder? Erwartet Ihr etwa sowas wie eine Handlung???)

Kritik: Wenn man mit très französischen Bildungsbürger-comics à la Asterix (lateinische Zitate als insider gags, wie bourgeois!) aufwuchs – und dadurch geradezu zwangsläufig auf dem Gymnasium landete (mit Latein als zweiter Fremdsprache, wie dämlich!) – konnte man sich ein dümmlich-überlegenes bis verstörtes Grinsen beim Anblick von amerikanischen Marvel-comics bei seinen Realschulfreunden (wie prollig!) nicht verkneifen: Sprechblasen? Wozu? Die Bilder erzählen doch schon die ganze Geschichte! Diese stories sind doch so dünn wie die Heftchen selbst! – Aber: Die Banalität des Ganzen hatte auch irgendwie ihren Reiz. Man konnte sich so herrlich verdorben fühlen. Und das noch vor der Pubertät! Super.

Frank Millers erst ab 18 Jahren freigegebene SIN CITY-Reihe habe ich dann zum Glück erst mit Anfang 20 in die Finger bekommen, als ich die einschlägige Abteilung des örtlichen comic-Ladens durchforstete, obwohl ich mir bis dahin (und bis heute eigentlich) den Eintritt in das Reich der „neunten Kunst“ (so übrigens auch der Name des inzwischen natürlich pleite gegangenen Münsteraner comic-Ladens) selbst versagt hatte. Comics reizen mich einfach nicht, selbst Calvin & Hobbes war nur so eine Phase, höchtens Katz & Goldt kicken mich überhaupt noch.

Auch von SIN CITY blieb nur ein Eselsohr übrig – seine in kargem Schwarzweiß gehaltene und so gewalttätig wie erbarmungslose Welt erschloss sich mir nicht im geringsten: Charles Bukowski lesen ist entweder dasselbe wie Frank Miller angucken, dachte ich mir, oder einfach besser. Wahrscheinlich letzteres. Man konnte sich so herrlich verdorben fühlen. Und das noch nach der Pubertät! Super.

Nun also die vielfach angepriesene Verfilmung von vier von Frank Millers Kultcomics. Von ihm selbst stammt das Drehbuch. Und er selbst führte auch Regie – zusammen mit den beiden üblichen Verdächtigen Robert Rodriguez und Quentin Tarantino, wem auch sonst. Und mit einer Starriege, wie sie sonst wohl nur die Altmeister Woody Allen oder Robert Altman zusammen bekommen hätten. Vorschusslorbeeren ohne Ende also – zurecht?

Ja. Und nein leider auch. Ja deswegen, weil … Nun … SIN CITY ist der visuell atemberaubendste Film, den ich je gesehen habe. HERR DER RINGE hin, STAR WARS her – die Wucht dieser Schwarzweiß-Bilder mit ihren teil-/zeitweise auftretenden Farbspritzern kann man einfach nicht mit Worten beschreiben – außer vielleicht mit KNALL!, PENG!, ZONG!, WHOOOSH!

Ästhetisch gesehen ist SIN CITY definitiv ein Meisterwerk und steht noch dazu völlig alleine da: SIN CITY ist nämlich keine herkömmliche Comic-Verfilmung (geradezu putzig nehmen sich BATMAN, SPIDER-MAN, HULK & Co. gegenüber diesem Bastard aus), SIN CITY ist genau genommen sogar nicht einmal mehr ein Film im klassischen Sinne, sondern vielmehr ein direkt auf der Leinwand zum Leben erweckter comic strip. Aus der bluttriefenden Taufe gehoben von drei einfach nicht erwachsen werden wollenden ewigen Jungs namens Miller, Rodriguez und Tarantino, die besonders in den so zahlreichen wie kreativen Mordszenen (grob geschätzt werden an die 100 Charaktere – auch die good guys’n’girls – auf immer bestialischere Weise ins Schwarzweiß-Jenseits befördert …) eine perfide Lust am Detail entwickelt haben, die sich einfach nur sehen lassen kann. (Ja, SIN CITY ist wirklich pervers. Wohl noch nie war Hollywood brutaler und gnadenloser als in diesem Streifen, wobei die comic-Ästhetik aber immer wieder elegant eingesetzt wird, um den sagenhaft abstoßenden Gesamteindruck SIN CITYs gerade noch einigermaßen verdaulich zu gestalten.)

Schwer verdaulich ist allerdings die Geschichte (die Geschichten) an sich, besser gesagt: Es gibt da im Grunde genommen nichts zu verdauen. SIN CITY fährt optisch eine Schlachtplatte auf – wo man aber (inhaltlich) hinein beißt, man trifft auf Knochen, noch dazu auf die dünnen, spitzen und im Mund krachend zersplitternden Knochen eines monatelang in einer Legebatterie gefolterten armseligen Hühnchens – nicht mal nagen kann man daran, so wenig Fleisch ist an dieser story. Was schon erstaunlich ist, schließlich gibt es neben einer Rahmenhandlung (deren Protagonist der smarte Josh Hartnett ist) auch noch einen PULP FICTION-Drehbuch-Kniff zu Beginn der vierten und letzten Geschichte.

Dummerweise bleiben die Charaktere des Films eben nichts weiter als comic-Charaktere, erschreckend schwach, erschreckend hohl, und wenn sie mal den Mund aufmachen, kommen halt nur Sprechblasen mit dem dazugehörigen höchst banalen Inhalt heraus. Selbst der ständig quasselnde Hintergrundkommentar der jeweiligen Protagonisten der einzelnen Episoden unterfüttert hier gar nichts, die Bilder sprechen in all ihrer Pracht nun wirklich für sich (keine jemals auf Zelluloid gebannte Frau wird jemals schöner sein als in diesem Film – nur so zum Beispiel). Höchstens die zweite Episode – deren Held der entstellte Marv (mit !Abstand! der beste Darsteller des Films: der wie Phönix aus der Asche spielende Mickey Rourke – was für ein herzzerreißendes comeback! Herausragend!) ist, kann dank seiner tragischen Hauptfigur so etwas wie kurzzeitige inhaltliche Tiefe vermitteln, danach fällt SIN CITY allerdings spürbar in ein erzählerisches Loch, und auch Mickey Rourkes erneutes Auftreten in Episode 4 kann da nichts mehr heraus reißen. Selbst Bruce Willis nicht, der gleich in zwei Episoden den Hauptcharakter mimen darf. (Bruce Willis ist im übrigen wie immer Bruce Willis. Er kann nicht anders. Geht wohl auch nicht, denn seit STIRB LANGSAM hat er bekanntlich Glassplitter in den Fußsohlen. Daher zieht er auch seit zwanzig Jahren sein „Hey, Mann! Ich hab’ Glassplitter in den Fußsohlen!“-Gesicht, und alle finden’s toll. Ich auch. Aber irgendwann bald sollte mal schon jemand mit ’ner Zange vorbei schauen, sonst … Gähn!)

Dennoch bleibt SIN CITY für mich die beste comic-Verfilmung aller Zeiten, zum Beispiel eben auch aufgrund der oben genannten Mängel. Denn SIN CITY will nichts mehr sein als eine comic-Verfilmung. Es gibt keine hingeklotzte Metaphysik, kein „Ach, es ist so schwierig ein (Super-)Held zu sein, ich bin doch nur ein armseliger teenager mit Pickeln, und ich habe Probleme, Herrgott nochmal!“-Pathos à la SPIDER-MAN: SIN CITY ist und bleibt ein reiner comic strip: Nichts als auf den ersten Blick ersichtliche Oberfläche. Null Tiefgang. Kein ironischer Winkelzug, keine Selbstironie. Genauer gesagt, so gut wie gar kein Humor (Menschen, die während Tarantinos RESERVOIR DOGS allerdings bei der Ohrabschnitt-Szene Tränen gelacht haben, würden dieser Feststellung wohl eher nicht zustimmen …).

Dafür schimmert diese Oberfläche allerdings derart verführerisch (in gerade einmal zwei Farben), dass man SIN CITY nicht einmal trotz seines völligen Mangels an Spannung (ehrlich: kein suspense, nirgends …) wirklich auf Dauer böse sein kann. – Auch wenn der Vergleich hinkt: Ähnlich wie bei manchen Filmen von Wim Wenders (BIS ANS ENDE DER WELT beispielsweise), die nur auf der optischen Ebene funktionieren, während sich dahinter arg betulich-prätentiöses Nichtstun abspielt, hält SIN CITY den angewidert-faszinierten Betrachter nur durch seine Ästhetik in seinem Banne. Das durchaus hinreißende Spiel sämtlicher Darsteller (außer vielleicht der wie immer überforderten Jessica Alba) reduziert sich beim Betrachter daher auch auf den Wiedererkennungseffekt („Hey! Das ist doch … Frodo?“) der jeweiligen Stars, mit denen SIN CITY nun einmal nicht geizt.

Dennoch gilt: Nach SIN CITY muss die bislang gängige Farbenlehre ad acta gelegt werden: Schwarz ist von nun an eine Farbe. Und zwar die schönste. Weiß ist von nun an eine Farbe. Und zwar die schönste. Und Schwarzweiß ist eine Farbkombination, für die ein Superlativ noch erfunden werden muss.


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