BIN-JIP – LEERE HÄUSER

*** BIN-JIP – LEERE HÄUSER / 3-IRON / BIN-JIB / BIN-JIP * Japan / Südkorea 2004 * Drehbuch und Regie: Kim Ki-Duk * Darsteller/-innen: Lee Seung-Yeon, Lee Hyun-Kyoon, Kwon Hyuk-Ho, Ju Jin-Mo, Choi Cheong-Ho, u. a. * 88 Minuten * (7 von 10 Punkten) ***

Bin-Jip - Leere Häuser
(Bildrechte: Pandora Film)

Synopsis: Sun-Hwa (Lee Seung-Yeon) bricht in vorübergehend unbewohnte Häuser und Wohnungen ein. Doch er stiehlt nichts. Er wohnt dort nur und repariert sogar Teile der jeweiligen Inneneinrichtung (Uhren, Waagen, Stereoanlagen …). Und wenn er geht, hinterlässt er die Behausungen ihren Eigentümern oder Mietern immer in einem tadellosen Zustand.

Eines Tages bricht er in ein Haus ein, welches er ebenfalls für kurzzeitig nicht bewohnt wähnt. Doch Sun-Hwa täuscht sich, bemerkt er doch anfangs nicht Tae-Suk (Lee Hyun-Kyoon), eine zutiefst unglückliche junge Ehefrau, die von ihrem kalten Yuppie-Ehemann (Kwon Hyuk-Ho) nicht nur nicht verstanden, sondern auch immer wieder misshandelt wird. Sun-Hwa verliebt sich augenblicklich in sie und sie in ihn.

Tae-Suk verlässt ihren gewalttätigen Ehemann und schwingt sich zu Sun-Hwa auf sein Hightech-Motorrad. Von nun an brechen sie gemeinsam in diverse Wohnungen ein – zusammen richten sie noch weniger Schaden an als Sun-Hwa alleine, doch das so junge wie ungewöhnliche Liebespaar, welches während ihrer Abenteuer kein Wort miteinander wechselt bzw. an die Umwelt richtet, fordert das Glück hinaus: Sie werden mit der Zeit immer sorgloser und unvorsichtiger: Bis sie in die Wohnung eines alten Mannes einbrechen, den sie tot vorfinden und sogleich ehrenvoll beerdigen.

Doch die Familie des alten Mannes hat einen Zweitschlüssel … und ertappt Sun-Hwa und Tae-Suk „in flagranti“ in dessen Wohnung. Sun-Hwa wird des Mordes angeklagt …

Kritik: Klassische Gruselfilme (mein persönlicher Liebling: DAS GRAUEN / THE CHANGELING aus dem Jahre 1980) gehen bekanntlich ziemlich oft von der sehr reizvollen Prämisse aus, dass es in diversen Häusern spukt, weil dort schon vorher Leben existierte, was inzwischen verwelkt ist, aber nicht wirklich sterben will: Irgendwas ist immer. Irgendwas setzt sich in menschlichen Behausungen ab. Irgendeine Patina, die man nicht wahr-nehmen, sondern höchstens spüren kann.

Auch BIN-JIP (nein, definitiv kein Gruselfilm, aber …) geht von dieser Prämisse aus, obwohl das neueste (Meister?-)Werk von Südkoreas Kult-Regisseur Kim Ki-Duk (FRÜHLING,SOMMER, HERBST, WINTER … UND FRÜHLING) anfangs eher wirkt wie ein Spielfilm mit dem sujet Innenarchitektur (Rockt das? Kann das rocken? Es rockt! Wie? Keine Ahnung!):

Der junge Koreaner Sun-Hwa bricht also in Wohnungen ein, stiehlt dort aber nix. Kennt man schon aus DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI. Nur bleibt hier die Politik außen vor. Es bleibt sogar jegliche etwaige Erklärungsgrundlage für Sun-Hwas merkwürdiges „Hobby“ außen vor, denn erstens spricht der Typ kein Wort und zweitens wird eh nie nix aufgeklärt: Nahezu wortlos und bar jeder Begründung für den wohl nicht nur für westliche Augen höchst merkwürdigen Verlauf der Handlung, tastet sich der Film langsam und vorsichtig und zärtlich seinem berückenden Ende entgegen: BIN-JIP ist zwar kein Stummfilm, aber die Deskription „Tonfilm“ passt nun auch wieder nicht. Vielleicht ein Geräuschfilm?

Nun, was das große Trara um Regisseur Kim Ki-Duk anbelangt, so ist BIN-JIP tatsächlich ein Geräuschfilm: Die silberne Palme in Cannes dieses Jahr, für die beste Regie, war zwar der wichtigste aber eben nur einer von vielen international renommierten Filmpreisen, den sich BIN-JIP an den Golfschläger heften kann (Golfschläger? – Nun, in diesem Film wird halt viel Golf „gespielt“. Besser gesagt, es wird Golf „gefoltert“.): Während der Stern des großen Wong Kar Wai trotz seines guten, aber eben nicht wirklich hervorstechenden 2046 langsam zu sinken scheint, hat die internationale Filmkritikermafia Kim Ki-Duk zu ihrem neuen asiatischen Liebling auserkoren.

Zu Unrecht, wie ich finde. Nicht etwa, weil Ki-Duk schlechte Filme machen würde, ganz im Gegenteil: Auch BIN-JIP ist ein weiterer hole in one, völlig faszinierend und nicht von dieser Welt, aber eben auch genauso unverständlich wie der Vorgänger FRÜHLING …. Deswegen kann ich diesem hype um Ki-Duk und seine Filme auch irgendwie nicht trauen. Natürlich ist meiner einer nicht so schlau und belesen wie die Damen und Herren Starkritiker, aber .. Hey! Was zum Teufel? Was ist dieser Regisseur für ein Typ? Was will er sagen? Hat er überhaupt irgendein Anliegen? Warum macht er überhaupt Filme? – Jetzt mal, bei aller Faszination: Was soll das? (Versteht irgendjemand auch nur irgendwas von dem, was der Typ vorhat?) BIN-JIP ist dabei gar nicht mal so verstörend wie sein Vorgänger. Doch auch hier wieder: Gewalt, Misshandlung, Mord und Totschlag. Nicht immer explizit sichtbar, aber dennoch. Wobei man es hier doch wohl in erster Linie mit einem ebenso leisen wie gefühlvollen Liebesdrama zu tun hat. Oder?

Eben. Oder? – Worum geht es zum Teufel nochmal in BIN-JIP? Wieso kippt dieser Film plötzlich zur Mitte hin in ein brutales Gefängnisdrama um – nur um wenige Minuten später zu einer so situationskomischen wie unsagbar romantischen Gespenstergeschichte (korean gothic?) wieder aufzuerstehen? War also schon vorher gar nichts so real wie es anfangs schien? Stirbt der Held? Und: War die Heldin nicht eh schon tot?

Ich bin ehrlich gesagt mal wieder extremst verwirrt, was ich auch schon bei FRÜHLING … so genossen habe. Kim Ki-Duk scheint derzeit der zumindest für mich einzige Regisseur zu sein, der wirklich so etwas wie einen Bildersturm auslösen kann: Meinen Seh- und (in diesem Fall insbesondere:) Hör-Gewohnheiten begegnet BIN-JIP mit geradezu kalter Verachtung. Er erklärt sich überhaupt nicht aus sich selbst heraus, verklärt sich aber eben auch nicht (einer der Fehler von Wong Kar Wais 2046). BIN-JIP ist dagegen einfach da – als erratischer „2001-Monolith“ oder meinetwegen auch als ein Film, der der Inhalt des leuchtenden Koffers aus PULP FICTION sein könnte. Ein einziges wunderschönes, aber schwer fassbares Mysterium.

Oberflächlich betrachtet bleibt BIN-JIP dabei „einfach nur“ ein Liebesfilm, so wie GARDEN STATE. Das schweigende Einverständnis der beiden ineinander verliebten Protagonisten gewinnt auf höchst idealistische Art und Weise den eigentlich ungleichen Kampf gegen die so geschwätzige wie kaltherzige Umwelt, die unseren beiden Helden an den Kragen will. Aber das ist eben nur die Oberfläche. Dahinter macht sich allerdings etwas breit, das definitiv nur dem Gehirn eines gottverdammten Genies (hier: Kim Ki-Duk) entsprungen sein kann. Und ich habe (mal wieder) leider nicht genügend Gehirn meinerseits vorrätig, um die Untiefen dieses Gehirns auch nur annähernd verstehen zu können.

Gott sei Dank hat sich BIN-JIP mir auf der rein emotionalen Ebene geöffnet: Ich fand’ den Film und seine eigentlich herzzerreißende, aber auf der Leinwand so ostentativ auf Sparflamme gekochte und als selbstverständlich und „normal“ hergezeigte höchst ungewöhnliche Liebesgeschichte einfach nur rundum sympathisch.

Dummerweise ist Sympathie aber nun einmal definitiv eben nicht das Gefühl, das man BIN-JIP entgegen bringen sollte. Der Film verlangt viel zu viel mehr von seinem Betrachter, als dass dieser sich einfach mit einem schnöden „Hat mir gut gefallen!“-Gefühl aus dem Kinosessel erheben darf.

Aber eben genau das ist geschehen. Was hätte ich denn sonst tun sollen?


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