BIN-JIP – LEERE HÄUSER

Bin-Jip – Leere Häuser     (Südkorea/Japan, 2004)

Buch und Regie: Kim Ki-duk
Mit: Lee Seung-yeon (Tae-suk), Jae Hee (Sun-hwa), Lee Hyun-kyoon, Kwon Hyuk-ho u.a.
88 Minuten      (7 von 10 Punkten)

Bin Jip - Leere Häuser
(Bildrechte: Pandora)

Südkorea in der Gegenwart. Tae-suk , ein junger Mann Mitte 20, hält tagsüber nach Wohnungen Ausschau, deren Bewohner offenbar verreist sind, und quartiert sich anschließend kurz dort ein. Kein Dieb oder Vandale, denn die Zimmer sehen oft aufgeräumter, die Wäsche gewaschener und die Pflanzen gepflegter aus als am Vortag. In einem der Häuser trifft er unerwartet auf das Fotomodell Sun-hwa, das von ihrem Ehemann wie ein kostbares Beutestück festgehalten wird. Als sie überrascht werden, gelingt ihnen gemeinsam die Flucht, von Polizei und unbeherrschten Ehemann gesucht.

Ein merkwürdiger Film fürwahr. Auch nach mehrmaliger innerer Betrachtung und Beurteilung komme ich nicht recht hinter das Geheimnis, das diese Geschichte umgibt. Damit übertrifft er noch die Wirkung, die vor einigen Monaten der von der Atmosphäre her ähnliche Film Tony Takitani auf mich gehabt hat. Versteht mich nicht falsch: Der Reiz ist durchaus spürbar, aber schwierig zu begründen und in Worte zu fassen. Oder sind es gerade die fehlenden Worte, um die es Kim Ki-duk geht?

Eine wesentliche Charakteristik Bin-Jips liegt darin, dass er vom Handlungsablauf recht simpel gestrickt ist und Kinogänger vom Typ „unbedarfter Entspannungsseher“ weite Strecken als schlichtweg langweilig und ermüdend empfinden werden. Allein schon die Tatsache, dass die beiden Hauptpersonen während des ganzen Films zusammen nur drei (!) Worte sagen, wirkt befremdlich. Hat aber die Folge, dass sich vornehmlich das Auge des Publikums während der Szenen, in denen eine oder beide Hauptfiguren alleine im Raum sind, auf die sehr überschaubare Handlung und innerhalb derer auf die Orte und Requisiten konzentrieren kann. Oder besser: Auf sich wirken lassen kann. Worte stören da nur und wirken später umso bedrohlicher, da sie vornehmlich von Sun-hwas gefühlskalten Ehemann oder der Polizei benutzt werden. Jeder Einstieg in eine neue Wohnung bietet auch einen kurzen Einblick in das Leben der dort Beheimateten, und für Vielfalt ist gesorgt. Nebenbei wird dem Zuschauer das symbiotische Zusammenspiel von westlichem Einfluss und ostasiatischer Abkunft, von Moderne und Tradition in der unbenannten Großstadt dargebracht.

Bin-Jip ist zweifellos ein Liebesfilm. Die zärtliche Version einer „Amour fou“, die mit einer Umarmung, zwei Küssen und drei Worten von Tae-suk und Sun-hwa auskommt. Der Intensität tut diese Reduktion keinen Abbruch. Es bedarf keiner dramatischen Regievorgabe, keines erdrückenden Soundtracks: Wenn beide bald gemeinsam durch die Straßen ziehen und in fremden Wohnungen übernachten, spürt auch der Unsensibelste, dass die Chemie stimmt, die Kamera fängt unaufdringlich und doch aufmerksam das Wesentliche ein.

Das hat Stil, das hat Niveau, aber hätte es für einen 90-Minuten-Film ausgereicht? Diese Frage mag sich Kim Ki-duk vielleicht auch gestellt haben und entschied sich, nach der Hälfte die Gangart zu verschärfen. Die beiden werden entdeckt und mit der Polizei hält die Gewalt Einzug die Idylle, in deren Schoß wir Zuschauer uns so wohlig eingekuschelt hatten. Die Schläge ins Gesicht von Tae-suk rütteln auch uns wach, der dunkle Verhörraum und die karge Zelle bringen uns in die Realität zurück wie eine kalte Dusche nach träumerischer Nacht. Ich empfand die dargebrachte Brutalität zeitweise als Stilbruch, wenngleich Ki-duk auch in der ersten Hälfte mit dem verirrten Golfball gezeigt hat, dass er derjenige ist, der die Fäden hält und nicht unser Wunschdenken.

Nach der Zäsur in der Mitte des Films und der unverhältnismäßigen Prügel (die Tae-suks Körper verdächtig spurlos einsteckt) kehrt die Geschichte quasi auf ihren Fußstapfen zu den Ursprüngen zurück, dorthin, wo die beiden Liebenden einst aufeinander getroffen sind. Die räumliche Trennung konnte ihrer gemeinsamen Bestimmung nichts anhaben, ihr Denken und Fühlen überschreiten alle realen Barrieren. War es in der ersten Hälfte noch so, als wandelten Tae-suk und Sun-hwa als sanfte Eindringlinge im Leben der anderen, so ist die Wirklichkeit nunmehr Kulisse für ihre eigene Daseinsform geworden. Das Schlussbild ist Programm: „It’s hard to tell if the world we live in is rather a dream or reality”.


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