L.A. CRASH

L.A. Crash         (Crash, USA/D/AUS, 2004)

Regie: Paul Haggis. Drehbuch: Paul Haggis, Bobby Moresco
Mit: Don Cheadle (Graham Walters), Matt Dillon (Officer Ryan), Chris ‘Ludachris’ Bridges (Anthony), Larenz Tate (Peter), Sandra Bullock (Jean Cabot), Brendan Fraser (Rick), Jennifer Esposito (Ria), William Fichtner (Flanagan), Thandie Newton (Christine), Michael Pena (Daniel), Terrence Howard (Cameron) u.v.a.
113 Minuten        (6 von 10 Punkten)

L. A. Crash
(Bildrechte: Universum)

L.A. Crash, Los Angeles, Stadt der Engel…, ich nehme mal an, hier wird ein anderes Stadtbild gezeigt als beim Wimmerfilm mit Meg Ryan und Nicolas Cage?
Irgendwo habe ich gelesen, dass Autor/Regisseur Paul Haggis die Story zum Film entwickelte, nachdem er selbst Opfer eines Überfalls in Los Angeles geworden war. Offenbar ein einschneidendes Erlebnis, da ein Bild herausgekommen ist, das eher von Furcht und Gewalt geprägt ist als von Frieden und Glück.
Tja, wer will schon zwei Stunden lang happy people sehen? Mit Friede, Freude, Eierkuchen kann man keine Kinokasse machen.
Allerdings: Nach dem Film traut sich doch kein Mensch mehr in diese Stadt. Da muss man doch ständig Angst haben, auf offener Straße überfallen zu werden.
Du übertreibst. Es gibt doch nur zwei Tote im ganzen Film.
Und drei Autodiebstähle, ein Einbruch, zwei Schießereien, von Korruption, Rassismus, Menschenschmuggel und sexueller Belästigung mal ganz zu schweigen.
Ganz normal in Großstädten. Und nicht nur in Amiland. Außerdem: Ist doch nur ein Film. Hauptsache, er unterhält. Das tut er doch, oder?
Ja, schon, aber …
Aber was?
Ich war nicht so ganz überzeugt. Da läuft doch einiges quer, um ihn als großen Film bezeichnen zu können.
Zu viel Gewalt? Hör mal, da hast du dir aber schon weitaus schlimmere Streifen reingezogen.
Na, die waren schon vorn vornherein als Fiktion eingestuft. Aber hier, wo sich verschiedene Geschichten in einen 36-Stunden-Zeitraum abspielen und die zerstückelten Episoden mit zahlreichen Bezugspunkten ineinander verschachtelt sind, da kann man glatt auf den Eindruck gewinnen, alle in L.A. sind irgendwie …, na, dass es da keine normalen Menschen gibt. Nur Opfer und Täter.
„Short cuts“ (1993) und „Magnolia“ (1999) haben dir aber gefallen, oder? Ich meine: Die sind doch nach dem gleichen Muster aufgebaut. Viele Leute, viele Schicksale, und außerdem, welch ein Zufall, spielen die auch alle in der Stadt der Engel.
Gewiss, ja, aber wollte ich Unterschiede nennen, dann, dass die beiden Filme schon Maßstäbe gesetzt haben, an die L.A. Crash nicht ganz heran kommt. „Short cuts“ und „Magnolia“ haben sich schon eine Menge Zeit gelassen, um den beteiligten Personen eine Spur mehr Charakter und Konturen zu geben. Da brauchte man schon eine Menge Sitzfleisch.
Beide waren so um die drei Stunden?
Ja. Und hier sind’s gerade mal 112 Minuten. Da muss man schon auf die Tube drücken, wenn man die Ereignisse und Verstrickungen alle unterbringen will. Dass dabei die psychologische Ausarbeitung etwas auf der Strecke bleibt, ist nicht verwunderlich. Die Ansatzpunkte sind viel versprechend, wie immer hat jeder, der auch irgendwie eine Sprechrolle bekommen hat, ein Kreuz zu tragen oder kriegt während des Films zwangsweise eins angehängt. Aber es wirkt stellenweise sehr plakativ.
Inwiefern? Ich brauche mehr Details.
Na, zum Beispiel wird eine ganze Bandbreite an ethnischen Schichten präsentiert. Die weiße Oberschicht, die Cops sind wahrscheinlich wieder Iren, der White Trash in der Autogarage, schwarze Detectives, Ostasiaten, Mexikaner, andere Latinos, die nicht Mexikaner genannt werden wollen,, Perser, die als Araber beschimpft werden. Der „Melting Pot“ USA existiert nur in einem Nebeneinander der Kulturen, die sich in der Realität misstrauisch beäugen und in der Diskriminierung und Gewaltbereitschaft gegen „die anderen“ an der Tagesordnung sind.
Ein düsteres Bild.
Was noch unfreiwillig verstärkt wird dadurch, dass die Story im Winter spielt, kalt soll’s sein in L.A., Schnee, die Leute sind trotz Weihnachten eher frostig drauf. Da überträgt sich eine befremdliche, beklemmende Atmosphäre auf das Kinopublikum.
Brrrr.
Ja, so richtig warm ums Herz wird’s einem bei dem Film nicht. Obwohl Paul Haggis ab und an durchblicken lässt, dass er auch ein Händchen für die hoffnungsvollen Momente hat.
Ach wirklich?
Echt. Die Geschichte vom schützenden unsichtbaren Mantel, die Daniel seiner 5-jährigen Tochter erzählt, wird alle jungen Eltern zu Tränen rühren. Oder der persische Ladenbesitzer, der gerade noch einmal durch puren Zufall an der Katastrophe seines Lebens vorbeigeschrammt ist. Sandra Bullock als hysterische Upper-Class-Tussi erkennt unter Tränen ihre private Isolation …
Die berühmten kontemplativen Szenen, die Ruhe, bevor der Sturm wieder losbricht…
Im Prinzip ist dagegen ja nichts einzuwenden. Man soll ja nicht alles schlecht machen. Und im Grunde bin ich ja auch ein sentimentaler Typ mit einem Faible für so etwas. Das Dumme ist nur, dass Haggis inmitten seines Szenarios jene Momente so berechenbar platziert. Ich will nicht von Seifenoper sprechen, wenn gegen Mitte des Films ein paar Hauptakteure geographisch getrennt, aber dennoch zeitgleich in der Ecke sitzen und am Boden zerstört ihre Lage nicht fassen können. Aber die Gefühlsübermannung sieht schon schwer nach Reißbrett aus. Und was ich nicht verzeihen kann, das ist die genau dann einsetzende wimmernde Musikuntermalung. Typ: Lamentierender Gesang einer einzelnen Frauenstimme.
Kenn’ ich. So viel zu den Softies. Und kommen die Hardliner auch auf ihre Kosten?
Nun, brutal würde ich den Film nicht nennen. FSK: Ab 12 Jahre. Haggis bleibt insofern auf dem Boden der Tatsachen, dass er nicht explizit Gewaltszenen auch noch genüsslich in Zeitlupe und Einsatz digitaler Mittel aufbläht, um eine bestimmte Zuschauerschicht zu bedienen. Anfangs hat es sogar den Anschein, als würde das übliche hektische Großstadtchaos wird gezeigt, ganz nach dem Muster der Krimiserien, die auf den Privaten zwischen 20 und 22 Uhr laufen. Aber bald beherrscht jene Allgegenwärtigkeit von Vorurteil, Misstrauen und Bedrohung den Film. Als sei ein lebenswertes Dasein dort nicht möglich und es nur eine Frage der Zeit ist, bis es auch dich trifft.
Hoher Spannungslevel ohne Peaks also?
Es gibt schon ein paar Szenen, wo einem richtig der Atem stockt. Sowohl in der Weise, als dass man von der einem Moment auf den anderen geschockt wird, als auch, dass man das Unglück kommen sieht und dann hilflos die Fingernägel in den Kinosessel krallt. Da verstehen Crew und Cast ihr Handwerk. Aber – wie gesagt – es ist kein Action-Film, sondern eher einer, der vielerlei Arten von Gewalt und Unrecht in ihrer Ausgestaltung zeigt und exemplarisch die Gründe und Auswirkungen zu beleuchten sucht. Es sind ja nicht nur Neid, Gier und Paranoia, die die Menschen dazu führen, zur Waffe zu greifen. Haggis streift auch solche Themen wie das amerikanische Gesundheitssystem, die Zahlungspraxis von Versicherungen oder den Verhaltenscodex im Polizeiapparat. Dieses Bemühen ist schon einer Würdigung wert.
Aber …?
Das große Ziel kann in der zur Verfügung stehenden Zeit und mit der Vielzahl von Episoden nicht bewerkstelligt werden. Es bleibt zumindest bei mir der Wunsch zurück, mehr über die Protagonisten gewusst zu haben, als es in die entscheidenden 36 Stunden ging, und anschließend noch einen Ausblick geliefert zu bekommen. Aber das erste kann ohnehin niemand schaffen, und letzteres birgt die Gefahr, die Nachdenklichkeit des Publikums nach dem finalen Cut zu verspielen. Wenn es um die Erzeugung von beklemmenden Unwohlsein geht, dann kann man L.A. Crash durchaus als gelungen bezeichnen.
Fazit?
Gute Mittelklasse. Wer „Short cuts“ und Co noch nicht kennt, wird beeindruckt sein, obwohl L.A. Crash nicht an die Klasse, na, du weißt schon, ich wiederhole mich. Aber nach 1993 und 1999 kann man ruhig wieder einen Film dieser Art auf den Markt bringen und auch ansehen. Ich jedenfalls verspreche mir in Zukunft mehr von Filmen, die zwar auch verschiedene Schicksale miteinander verweben, sich aber für die psychologische Ausgestaltung der Personen mehr Zeit lassen. „Amores perros“ (2000) von Alejandro Gonzáles Inárritu ist ein Beispiel dafür oder auch „Lichter“ (2003) von Hans-Christian Schmid.


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