DON’T COME KNOCKING

Don’t come knocking         (USA, Deutschland, 2005)

Regie: Wim Wenders
Drehbuch: Sam Shepard und Wim Wenders
Mit: Sam Shepard (Howard Spence), Jessica Lange (Doreen), Tim Roth (Sutter), Gabriel Mann (Earl), Sarah Polley (Sky), Fairuza Balk (Amber), Eva Marie Saint (Howard’s Mutter) u.a.
122 Minuten        (7 von 10 Punkten)

Mein erster „Wenders“. Zumindest, was das Kino betrifft. Und auch im TV, das muss ich gestehen, war nicht viel bislang. In jungen Jahren Paris, Texas gesehen, lange ist’s her, und ich kann mich nur noch an Nastassja Kinski hinter der Scheibe erinnern. Mein Freund Jürgen zuckt unwillkürlich zusammen und verzieht das Gesicht, wenn er den Namen Wim Wenders nur hört. Stellenweise war Raunen im Kino zu hören, als sich der Überraschungsfilm des Abends als Don’t come knocking entpuppte, und ein gutes Dutzend des überwiegend jugendlichen Publikums verschwand auch während der Vorstellung für den Rest des Abends. Wenders scheint zu polarisieren.
Ich war also einigermaßen gespannt.

Und wurde durchaus positiv überrascht. Die Geschichte von Howard Spence, dem alternden Western-Darsteller, der mitten im Dreh die Brocken hinschmeißt und aus den Resten seiner im Exzess gescheiterten Existenz eine Standortbestimmung und Orientierung zu bewerkstelligen hofft, sie ist rührend, fesselnd und zugleich mit einem gehörigen Schuss Humor erzählt. Bereits die ersten Einstellungen, in denen Howard durch die Moab-Wüste in Utah galoppiert, lassen keinen Zweifel daran, dass hier jemand die Zäsur sucht, am Wendepunkt seines Lebens steht und sich innerlich wie auch geographisch auf den Weg nach Irgendwo macht. Motto: Bloß weg von hier. Ein Roadmovie, ganz in der Tradition von Paris, Texas (1984) und Land of plenty (2004), und lobte Thomas Schmitz die prachtvolle bildliche Gestaltung des letzteren, so lässt Wenders auch in seinem neuen Film die Kamera die natürlichen wie auch architektonischen Eigenheiten und Glanzpunkte des US-amerikanischen Mittelwestens beleuchten. Immer wieder werden dem Publikum stille, fast bilderbuchartige Momente gewährt, in denen eine unbelebte Straßenkreuzung, eine Silhouette in der Abenddämmerung oder ein verlassener Trailerpark eingefangen und parallel zur gegenwärtigen Befindlichkeit der Protagonisten gestellt werden. In jenen Momenten durchzieht ein Hauch von Nostalgie den Film, wenngleich nicht auszuschließen ist, dass jenen Drehorten Elko/Utah und Buttle/Montana tatsächlich auch heute noch angestaubter „Retro-Charme“ zu attestieren ist. Wenders liebt eben sein Amerika und setzt ihm optisch wieder einmal ein kleines Denkmal.

Ob man den Protagonisten auch liebt, bleibt zu diskutieren. Zumindest schrieb sich Shepard selbst die vielschichtigste Rolle des Films auf den Leib. Sein Howard ist ein bärbeißiger Einzelgänger, hart gelandet und leicht reizbar wie ein verletztes Tier, das nach einem harten Kampf seine Wunden leckt. Jemand, der in letzter Minute realisiert hat, dass nur noch Vollbremsung und U-Turn helfen. Er kommt zunächst bei der Mutter unter (gespielt von Eva-Marie Saint, der man die 80 Lebensjahre nicht ansieht) und macht sich anschließend nach Montana auf, um dort die Frau zu finden, von der er nicht wusste, dass er sie vor einer Generation schwanger zurückgelassen hat. Im Buttle angekommen kumuliert die Story in einem Stelldichein der verbliebenen sechs Hauptpersonen, zu einer finalen Konfrontation mit der Vergangenheit, die manche unliebsame Überraschung bereit hält. Unterlegt mit einem wie immer vorzüglichen Soundtrack (Blues/Country/Folk-Balladen aus der Mache von T Bone Burnett) trifft Howards lakonische Art auf zum Teil heftige Gegenrede, der über Jahrzehnte selbstgefällige Westernstar muss sich mehr als einmal den Kopf waschen lassen. Ein besonderes Prädikat des Filmes ist, dass trotz der offenkundigen Überzeichnung der anderen Rollen eine feine Mixtur aus ehrlichen, nachvollziehbaren Gefühlen auf der einen Seite und andererseits herrlicher Situationskomik geschaffen wird. Man spürt, dass den Problemen um den Protagonisten und seinen „Leichen im Keller“ gebührend Gewicht in Wort und Aktion eingeräumt wird, aber hat andererseits kein schlechtes Gewissen, sich den gnadenlos komischen Auftritten von insbesondere Tim Roth (als Kopfjäger der Filmversicherung) sowie Fairuza Balk (als kauzige Freundin von Howards Sohn Earl) zu amüsieren. Auch bzw. besonders ein in der englischen OmU ans Herz zu legender Film.


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