KRIEG DER WELTEN

*** KRIEG DER WELTEN / WAR OF THE WORLDS * USA 2005 * Drehbuch: Josh Friedman und David Koepp, nach dem gleichnamigen Roman von H. G. Wells * Regie: Steven Spielberg * Darsteller/-innen: Tom Cruise, Dakota Fanning, Justin Chatwin, Tim Robbins, Miranda Otto, u. v. a. * 116 Minuten * (4 von 10 Punkten) ***

Synopsis: Ray Ferrier (Tom Cruise), unterprivilegierter „white trash“, ist ein nicht gerade pflichtbewusster Kranführer an den Docks von New York City. Seinen Vorgesetzten, welcher Ray darum bittet, für einen Kollegen einzuspringen, lässt er mit dessen Anliegen einfach auflaufen, bevor er dann in seinen heißen Flitzer steigt, um mit quietschenden Reifen Richtung heimatliches New Jersey zu fahren.

Dort wartet seine hochschwangere Ex-Frau Mary Ann (Miranda „Eowýn“ Otto) mit ihren gemeinsamen Kindern auf Ray, um diese bei ihm übers Wochenende einzuquartieren, denn Mami und ihr neuer reicher lover aus Neuengland sind auf dem Weg zu den Schwiegereltern nach Boston. Ray kommt zu spät, mal wieder. Seine Familie kennt das schon von ihm, offenbar ist er weder als Hafenarbeiter noch als Vaterfigur zu gebrauchen. Schon das bloße Zusammensein mit seinem ewig aufmüpfigen und schwer pubertierenden Sohn Robbie (Justin Chatwin) und dessen kleiner Schwester Rachel (Hollywood-Wunderkind Dakota Fanning) bereitet Ray sichtliche Schwierigkeiten. In einer spannungsgeladenen Atmosphäre voll von unausgesprochenen Schuldzuweisungen verbringt die Rumpffamilie die nächsten Stunden, keiner der drei genießt auch nur eine Sekunde davon.

Spannungsgeladen zeigt sich auch der Himmel über New Jersey am nächsten Morgen. Ein ungeheures Gewitter entlädt sich, das gesamte Stromnetz bricht zusammen, selbst Autos bleiben unvermittelt liegen und lassen sich nicht mehr starten. Aber das ist nur ein merkwürdiger Aspekt dieser vermeintlichen Naturkatastrophe, denn kein Donnergrollen begleitet das elektrische Schauspiel.

Ray begibt sich wie viele seiner Nachbarn zum Einschlagkrater des Blitzes, welcher direkt hinter seinem Haus niedergegangen ist. Der Straßenasphalt dort ist aufgerissen, es zischt und qualmt aus der Spalte – ein kleiner Riss nur, nichts wirklich Ernstes, nicht wirklich beunruhigend, die hartgesottenen New Yorker Vorstadtbewohner scharen sich dann auch neugierig um eben jene Stelle. Bis ebendiese dann mehrere hundert Meter weit aufbricht, Menschen, Autos und ganze Wohnblocks verschluckt und sich daraus etwas erhebt, etwas alptraumhaft Großes, so hoch wie ein Wolkenkratzer, auf drei Beinen und eindeutig nicht von dieser Welt. Und eindeutig nichts Gutes im Schilde führend.

Ray flieht vor dieser unheimlichen Begegnung der dreibeinigen Art zuerst nach Hause. Und dann in einem gestohlenen Wagen, den ein befreundeter Mechaniker kurz vorher wieder fahrtüchtig gemacht hat, mitsamt seinen Kindern Richtung vermeintlich beschauliches Neuengland. Doch sie kommen nicht einmal bis zur Fähre über den Hudson River …

Denn überall auf der Erde passiert derweil das Gleiche: Die Invasion der Außerirdischen hat stattgefunden. Der KRIEG DER WELTEN hat begonnen. Und die Menschheit hat nicht den Hauch einer Chance …

Kritik: 135.000.000 Dollar kostete das neue Steven Spielberg-Epos die United International Pictures. Klar, dass man da als finanziell Verantwortlicher Muffensausen kriegt. Aber: Hey!, es ist ein neuer Spielberg, oder? Und die Drehbuchvorlage ist von H. G. Wells, das berühmt-berüchtigte Hörspiel von Orson Welles und die bislang einzige Verfilmung des Stoffes stammt aus dem Jahr 1953. Da hat man die blockbuster-Garantie doch im Paket mitgekauft, nicht?

Offenbar nicht, denn selten zuvor hat sich eine Filmproduktionsfirma aus Hollywood derartig im Vorfeld eines weltweiten Kinostarts in ihre Zelluloid-Windeln geschissen wie bei KRIEG DER WELTEN geschehen: Journalisten weltweit mussten unterschreiben, dass sie keine auch noch so positive Kritik vor dem Starttermin am 29. Juni veröffentlichen würden.

Wenn man sich nun Spielbergs Version (sie ist und bleibt ein remake eben jenes Klassikers aus dem Jahre 1953) von H. G. Wells klassischem Science Fiction-Roman ansieht, dann wird die Befürchtung zur Gewissheit: Nicht etwa die taufrische liaison von KRIEG DER WELTEN-Star Tom Cruise mit Katie Holmes sollte mit Hilfe dieses kollektiven Maulkorbs vor hämischen yellow press-Gerüchten geschützt werden, sondern der erschreckend schwache, ja letztendlich sogar vollends überflüssige Film vor den völlig berechtigten Verrissen der internationalen Filmpresse.

Dabei macht Spielberg die erste halbe Stunde lang so ziemlich alles richtig, auch wenn schon hier die Dialogregie gehörig nervt. Spielberg ist und bleibt aber ein Meister des Spannungsaufbaus, da macht auch KRIEG DER WELTEN keine Ausnahme: Was als Familiendrama beginnt, kippt so urplötzlich in das globale Schreckensszenario eines unbarmherzigen und mit sagenhaft brutalen Bildern umgesetzten Frontalangriffs einer außerirdischen Hochintelligenz auf die Bewohner des Planeten Erde, dass einem kaum Platz zum Atmen bleibt. Das „Gewitter“, das Sich-über-alles-von-Menschenhand-geschaffene Erheben des ersten tripods, die panische Flucht der Familie Ferrier von New Jersey zur Hudson Ferry, inmitten einer selbst vor Mord nicht zurückschreckenden völlig paranoiden Masse von Flüchtlingen, für die nur das eigene Überleben zählt, und sei es auch nur für die nächsten fünf Minuten: Das ist wirklich atemberaubend inszeniert, zumal die special effects ein noch nie dagewesenes Szenario von absoluter Zerstörung kreieren: KRIEG DER WELTEN macht tatsächlich eine halbe Stunde lang richtiggehend Angst.

Dann aber verliert Spielberg völlig den Faden, unendlich zäh zieht sich der Film in die Länge und seinem der Romanvorlage getreuen Ende entgegen. Nur noch das zeitweilige Auftauchen der dreibeinigen Kampfmaschinen und ihrer Piloten sorgt noch für einen klitzekleinen Nervenkitzel, denn immer mehr bekommt das Ganze Kammerspielcharakter: Die endlosen Familienstreitereien der Ferriers, selbst in Augenblicken höchster Gefahr, sind irgendwann nur noch lächerlich, und das Auftreten des eigenbrötlerischen Einsiedlers Ogilvy (ein erschreckend schwacher Kurzauftritt von Tim Robbins), in dessen Keller sich die Familie Ferrier flüchtet, verspricht nur kurzzeitig Erlösung, entpuppt sich diese Figur doch bald als eine der überflüssigsten Filmcharaktere aller Zeiten. So verheißungsfroh eingeführt und dann nach wenigen Minuten wieder stante pede in den Drehbuch-Orkus geschmissen: Tim Robbins wird nach dieser Erfahrung wohl keinen einzigen Film mehr mit Spielberg machen wollen.

Dieser dreht derweil nach und nach den Bluthahn auf: Es ist schon bemerkenswert, wie kolossal ernst sich KRIEG DER WELTEN gebärdet. Während der body count schwindelerregende Höhen annimmt und nicht ein gag, nicht ein cinéastisches Augenzwinkern den Blutschleier zerreißen will, werden Menschen verbrannt, zerstampft, ertränkt, lebendig begraben, von Schiffsschrauben zerschnitten, ausgesaugt und zu guter Letzt auch noch als Dünger verwendet. Irgendwann regnet es nur noch Blut.

Tom Cruise stapft wie ein Ziehaufmännchen durch dieses Alptraumszenario, weder in guter noch in schlechter Form, immerhin aber gutaussehend wie eh und je. Hollywoods neues Wunderkind, Dakota Fanning, stiehlt ihm dann auch in jeder gemeinsamen Szene mühelos die Show – ihr Gesicht strahlt eine merkwürdige Reife aus, sie wirkt im positiven Sinne frühzeitig gealtert, gleicht einer feinen alten lady, gefangen in Körper eines Kindes: Fanning ist der einzige personelle Lichtblick in diesem enttäuschenden Vertreter des Genres Brachial-Kino.

Wie dem auch sei: KRIEG DER WELTEN wird sein budget schon irgendwie einspielen. Und in absehbarer Zeit wird dann wieder „Europas härteste Filmredaktion“ (selten so gelacht), die von „TV Movie“ nämlich, den Film für die Fernsehverwertung als „Tipp des Tages“ mit den Worten „Spielbergs jüngstes Meisterwerk“ anpreisen. Wenigstens darauf ist Verlass – auf Hollywood selbst allerdings nicht. Dafür ist KRIEG DER WELTEN einfach zu weit von dem entfernt, was einmal den Mythos der „Traumfabrik“ ausgemacht hat.


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