TONY TAKITANI

Tony Takitani         (Japan, 2004)

Buch und Regie: Jun Ichikawa, nach der gleichnamigen Kurzgeschichte von Haruki Murakami. Musik: Ryuichi Sakamoto. Kamera: Taishi Hirokawa
Mit: Issei Ogata (Toni & Shozaburo Takitani), Rie Miyazawa (Eiko & Hisako) u.a.
75 Minuten        (7 von 10 Punkten)

Tony Takitani
(Bildrechte: Alamode)

Tony Takitani basiert auf einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami, die – kaum 42 Seiten Text umfassend* – die entscheidenden Episoden im Leben des Titelhelden in 75 spärlich bebilderten Filmminuten wiedergibt. Ein Leben, bei dessen Betrachtung das Publikum eine unfreiwillige Beklemmung befällt. Es ist gerade so, als würden wir fasziniert jemandem lauschen, dessen Bekanntschaft wir nie aktiv gesucht hätten und bei dessen melancholischer und tragischer Geschichte wir uns beglückwünschen, dass uns ein ebensolches Schicksal doch bitte erspart geblieben ist.

Es ist die Geschichte eines Mannes, dessen Leben darin besteht, sich allein und unscheinbar durch den Alltag zu bewegen. Seine Arbeit als Graphiker und Illustrator vollzieht er mit peinlicher Akkuratesse, sein Privatleben besticht durch monotone Gleichheit. Im reifen Alter von 37 Jahren heiratet er die 15 Jahre jüngere Eiko, die ihm die schon nicht mehr erhoffte Abkehr von der Einsamkeit beschert. Aber das Glück ist nur von kurzer Dauer …

Was den Film so beklemmend und unbequem für den Betrachter macht, ist seine ungewöhnliche gestalterische Darstellung, und tatsächlich bin ich in den letzten Jahren nichts Vergleichbarem begegnet, bei dem die äußere Form so dermaßen prägnant und beherrschend war. Sicherlich sind die Themen Einsamkeit und Obsession nicht diejenigen, die einem für einen entspannten Kinoabend in erster Linie in den Sinn kommen. Was aber Tony Takitani einen gewissen Ausnahmestatus verleiht, ist die durchgängige Reduzierung sämtlicher Ausdrucksformen auf das Notwendigste. So, wie die Hauptperson „komplizierte Maschinen und Architektur so detailgenau nachzeichnen konnte“ (a.a.O., S. 15) , so vermag es der Film, die immerhin über 50 Jahre Handlungsspanne in kurze, entscheidende Szenen zu konzentrieren, die dann stringent von Anfang bis Ende, aber lakonisch in Wort und Bildaufbau nacherzählt werden. Von Farbgebung kann keine Rede sein, blasse, matte Bilder lassen eher an einen weichgezeichneten Schwarzweißfilm denken. Die Kamera hält beflissentlich Abstand von den Akteuren, befindet sich oftmals unterhalb der üblichen Bildmitte. Die einzelnen Szenen folgen einander nicht mit sauberen Schnitten, sondern eine schwarzgraue Wand schiebt sich durch das Bild, um dann von rechts den Blick auf das folgende freizugeben. Ein nüchterner, emotionsloser Erzähler verbindet Zeiten, Orte und Personen, sein Text ist um ein Vielfaches ausführlicher als die gesprochenen Worte der Darsteller. Insofern erinnert Tony Takitani vom Aufbau sehr an eine Moritatentafel aus einem mittelalterlichen Jahrmarkt.

Es gibt kurze Momente des inneren Friedens, etwa wenn Tonys Vater Shozaburo Jazzposaune spielt oder seine Mutter im Kimono in der Ferne unter Zedernbäumen wandelt. Als Tonys Frau Eiko in der Mitte des Films ihm zulächelt, durchbricht ein einzelner segensreicher, aber leider zu vergänglicher Sonnenstrahl die bleierne Schwere, die sonst auf allen Szenen von und mit der Hauptperson lastet. Eikos Faible für Designerkleidung bringt die Kamera mit ästhetisch ausgefeilten Bildern und unterschwelliger Erotik auf die Leinwand. Die Dynamik stirbt in der nächsten Szene, wenn die aufgereihten Kleider und Schuhe unter den minimalistischen Tönen von Sakamotos Klavier wie ein Menetekel im Schrank/Zimmer hängen bzw. stehen. Den ganzen Film über spüren wir die selbst gewählten Fesseln des Protagonisten, die Kargheit seines Hauses und die Überfülle des Kleiderzimmers beinhaltet etwas Klaustrophobisches, die wir als Zuschauer betroffen, aber doch zunehmend paralysiert zur Kenntnis nehmen. Ein Gefühl (und ein Filmkunstwerk), das – gelinde gesagt – gewöhnungsbedürftig ist. Aber immerhin nimmt sich Regisseur Ichikawa die Freiheit, den Film geringfügig hoffnungsvoller enden zu lassen, als es die Buchvorlage vorsieht.

* Murakami, Haruki: Tony Takitani / aus dem Japan. von Ursula Gräfe. – Köln : DuMont, 2005. – ISBN 3-8321-7935-6


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