GARDEN STATE

*** GARDEN STATE * USA 2004 * Musik: Coldplay, Nick Drake, Simon & Garfunkel, Iron & Wine, The Shins, Frou Frou, Thievery Corporation, Zero 7, Colin Hay, Cary Brothers, Remy Zero, Bonnie Sommerville, u. a. * Drehbuch und Regie: Zach Braff * Darsteller/-innen: Zach Braff, Natalie Portman, Peter Sarsgaard, Ian Holm, Method Man, u. a. * 109 Minuten * (10 von 10 Punkten) ***

Garden State
(Bildrechte: Buena Vista)

„Pure Vernunft darf niemals siegen!“ (Tocotronic)

Synopsis: Andrew „Large“ Largeman (Zach Braff), 26 Jahre alt, ist ein erfolgloser Schauspieler in Hollywood. Eines Tages bekommt der völlig auf Psychopharmaka gesetzte schüchterne junge Mann einen Anruf von seinem Vater (Ian Holm) aus dem „Gartenstaat“ New Jersey, vom anderen Ende der USA. Andrews Mutter, seit einem von ihrem Sohn mitverschuldeten Unfall querschnittsgelähmt, ist in der Badewanne ertrunken. Und Andrew möge doch bitte wenigstens zur Beerdigung nach Hause kommen, obwohl er vor neun Jahren den Kontakt zu seiner Familie völlig abgebrochen hat.

Vor dem Flug an die Ostküste trifft „Large“ einen folgenschweren Entschluss: Er setzt seine Medikamente ab. Doch deren Einfluss auf seine Psyche ist mehr als nachhaltig: Die nächsten Tage, in denen er unter anderem auf seinen besten Kumpel aus Jugendttagen, Mark (Peter Sarsgaard), trifft, der ausgerechnet als Totengräber arbeitet (und nebenbei einer diebischen Elster gleich die Leichen ausplündert), erlebt er wie in Trance: Völlig abwesend, ein Fremdkörper in der heimatlichen Pseudo-Idylle, in der sich seine ehemaligen Freunde zu entweder skurrilen oder grenzdebilen Charakteren nicht gerade weiter entwickelt haben. Immer noch spielen sie die gleichen albernen Spielchen auf ihren rauschenden und dennoch wahnsinnig öden Drogen-Parties, um die Langeweile New Jerseys mehr schlecht als recht zu verdrängen.

Doch „Large“ macht auch die Bekanntschaft eines so merkwürdigen wie faszinierenden Mädchens namens Sam (Natalie Portman), einer an Epilepsie leidenden notorischen Lügnerin, die in einem chaotischen Haus mit unzähligen Hunden und Hamstern und sonstigem Getier zusammen mit ihrer Mutter und ihrem afrikanischen Adoptiv-Bruder lebt. Gleich bei seinem ersten Besuch in diesem Haus, der reichlich tragikomisch verläuft, wird Andrew wie ein verlorener Sohn aufgenommen.

Die natürliche Herzlichkeit / herzliche Natürlichkeit mit der Sam, ihre Mutter und ihr Bruder miteinander umgehen und die auch vor ihm nicht halt macht, hinterlässt bei Andrew einen tiefen, nachhaltigen Eindruck, mit der Konsequenz, dass er langsam aus seinem Wachkoma erwacht und sich zögerlich wieder im wirklichen Leben zurechtzufinden versucht. Zumal er sich – natürlich! – in Sam verliebt und die finale Konfrontation mit seinem Vater, der auch Zeit seines Lebens sein Psychiater war und ihn unter die Drogen gesetzt hat, deren Einfluss er nun endlich entkommen will, nicht ewig aufgeschoben werden kann …

„Kritik“: Schon klar, schon klar. GARDEN STATE ist mal wieder einer dieser Filme, die das „Lebensgefühl einer verlorenen Generation“ atmen und deswegen „durch und durch narzisstisch“ sind. – Da sind sie wieder, die „Freunde der Realität“ (Funny van Dannen) mit ihren neunmalklugen Phrasen: „Generation Lusche“ schreibt die Frankfurter Rundschau und ausgerechnet die staatstragende taz wittert „bürgerliche Gefühlsduselei“.

So they say. Ach ja. Aber warum sich aufregen? Menschen, die mit derselben Attitüde ins Kino gehen, mit der sie allmorgendlich die Bild-Zeitung (oder welches „realitätsabbildende“ Käseblatt auch immer) aufschlagen, um sich auf ihren berechtigten Hass auf die Menschheit einen runter zu holen, sollten GARDEN STATE eh tunlichst meiden. Ist Zach Braffs (hierzulande eventuell bekannt durch die Fernsehserie SCRUBS) Spielfilm-Debüt doch nach rationellen Maßstäben bemessen dermaßen imperfekt, dass man ihren Geifer schon tropfen sehen kann, bevor das tränenerstickte Ende dieses kleinen Indie-Meisterwerks naht. Trotzig und selbstgerecht werden sie todesmutig dem rührseligen Griff von Braff und der endlich wieder hinreißenden Natalie Portman nach ihrem nicht existenten Herzen widerstehen, um sich mit bohrenden Kopfschmerzen, Nackenstarrkrampf und Magensäure-Reflux ächzend aus dem Kinosessel zu erheben. Unendlich stolz auf sich und mit der Gewissheit, es wieder einmal allen gezeigt zu haben: „Ihr kriegt mich nicht! Harhar!“ – Denn GARDEN STATE ist tatsächlich schon wieder einer dieser „gefühlsechten“ Schluffi-Filme, von Schluffis für Schluffis, die „es“ einfach nicht gebacken kriegen, natürlich völlig grundlos Psychopharmaka und allerlei (il-)legale Drogen einwerfen und die sich darauf „zurückziehen“ wollen, dass letztendlich immer „das Private politisch ist“.

Diese Vorwürfe, so berechtigt sie den cogito ergo sums dieser Welt erscheinen mögen, laufen dennoch vollends ins Leere. Denn GARDEN STATE ist nichts weiter als der Film des Jahres, jetzt schon und unwiederbringlich. Er ist bei all seiner absurden Komik tatsächlich sentimental, geradezu unverschämt uncool, schrammt haarscharf am Kitsch vorbei, findet – zurecht! – nichts schlechtes dabei, spiegelt sich in seinem eigenen Tränenschleier, tanzt und flickert und flunkert vor sich hin. Er ist die Nabelschau von Braff selbst, der hier „80 Prozent“ (O-Ton) seines eigenen Lebens und das seiner Freunde verfilmt hat. Auch Braff ist aus New Jersey wie sein Anti-Held Andrew „Large“ Largeman, auch er war (bis SCRUBS in sein Leben trat) ein erfolgloser Jungschauspieler aus der Provinz im Hollywood-Moloch Los Angeles, der in einem der dortigen Restaurants scheinbar nur kellnerte, um sich von „denen, die es geschafft haben“ demütigen zu lassen. Und auch Braff war zu lange schwer depressiv.

Verfilmt wurde GARDEN STATE daher an „Originalschauplätzen“ um und in South Orange, New Jersey, wo der Film im letzten Jahr zum ersten Mal seinen Weg in die Kinos fand. Seitdem hat er in den Staaten mehr als 25 Millionen Dollar eingespielt, das zehnfache seines bescheidenen, von außerhalb von Hollywood praktizierenden Mäzenen finanzierten Budgets. Trotz dieser eher geringen finanziellen Mittel konnte Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller Zach Braff neben dem grandiosen Peter Sarsgaard auch Ian „Bilbo“ Holm für seinen Film gewinnen, der dem Film als Andrews herzenskalter Psychiater-Vater eine bisweilen erdenschwere Melancholie verleiht. (Ferner zu sehen ist Wu Tang Clan-Rapper Method Man in einer kleinen, aber ungemein komischen Nebenrolle.)

Und auf dem völlig zurecht mit einem „Grammy“ prämierten Soundtrack, der so gut ist, dass man es zwischendurch gar nicht fassen kann, tummeln sich Coldplay, Frou Frou, Iron & Wine, The Shins und der ewige posthume Geheimtipp Nick Drake neben Künstlern aus Braffs Freundeskreis. Selten zuvor hat ein Regisseur ein derartiges Gespür für Popmusik bewiesen, die bei GARDEN STATE immer dann zum Einsatz kommt, wenn die Worte versagen. Was man sicherlich auch kritisieren kann, zumal zuweilen ein gerüttelt Maß an Pathos mitschwingt. Dennoch kann man sich schwerlich ein besseres Mixtape vorstellen, als das, was Braff hier als ausführender Produzent mit viel Liebe zusammengestellt hat. Dem wunderbaren „New slang“ der Shins beispielsweise wird explizit weitaus mehr als nur Hintergrundmusik-Charakter verliehen, wenn Sam zu Andrew sagt, dass dieses Lied sein Leben verändern wird.

Eben jene Sam wird von Natalie Portman verkörpert, von der viele nach ihren seelenlosen blue- und green screen-Auftritten in den neueren STAR WARS-Episoden schon dachten, man hätte sich in ihrem handwerklichen Können getäuscht. Mit GARDEN STATE ist sie wieder in dieser Galaxis angekommen, ist nicht mehr „weit, weit entfernt“. Mit der Konsequenz, dass man sich einfach nur rettungslos in sie verliebt: Portman spielt – mal abgesehen davon, dass sie ohnehin eine Augenweide ist – so hinreißend, so absolut bezaubernd, dass man einfach von ihrer besten Schauspielleistung seit ihrem Debüt in LÉON – DER PROFI sprechen muss.

Portman ist der in allen Farben schimmernde Karfunkelstern eines Films, dem weder brüllende Komik, noch tiefe Trauer und deren tränenreiche Verarbeitung fern liegen, der aber dank Braffs sympathischem Hang zur Lakonie, die er nicht nur seiner Hauptperson Andrew Largeman, sondern gleich dem ganzen Film in großen Dosen verabreicht, niemals aus der Kurve fliegt. (Nebenbei wird übrigens auch noch herzhaft und oft aufs Allerschönste geflucht, dass sich die Balken biegen, was in der deutschen Synchronisation allerdings ein wenig verloren gegangen ist.)

Es mag vielleicht ein schwaches Argument sein, wenn man behauptet, dass die offensichtlichen Fehler des Films, die selbst dem völlig verblendeten Verfasser dieser Zeilen nicht verborgen geblieben sind, dem grundsympathischen Charakter von GARDEN STATE eher zuträglich sind, als dass sie ihm zuwiderlaufen; aber festzuhalten bleibt nunmal, dass dieser indie darling nicht gerade den Geist der Perfektion atmet. Beispielsweise treten die skurrilen Nebenpersonen immer nur dann und deswegen auf, um dem ruhigen Erzählfluss des Films ein wenig mehr Tempo zu verleihen. Ist das geschehen, verschwinden sie schon wieder von der Leinwand, und Braff und der Zuschauer können sich wieder auf die zarte Liebesgeschichte zwischen Andrew und Sam einlassen, die zum Ende hin allerdings leider ein wenig von ihrem anfänglichen Charme einbüßt, denn irgendwann beginnen sich die beiden in ein wenig arg plakativen Diskussionen über den Sinn des Lebens zu verlieren. Die finalen fünf Minuten sind hier dann auch das schwächste Glied in der Kette – der Kritiker der Berliner Morgenpost hat schon recht, wenn er sie als eine „einzige dramaturgische Notlösung“ beschreibt, die den positiven Gesamteindruck trübt. – Der Ärger darüber hält sich allerdings in Grenzen, bleibt einem im besten Fall doch selbst nichts anderes übrig, als sich gleichfalls zu verlieben: Nicht nur in Natalie Portman, sondern auch in diesen Film.

Zumal es – neben all den anderen hochkomischen und / oder tieftraurigen Dialogen und Szenen – eine bestimmte Stelle gibt, die den geneigten Betrachter mit ihrer schieren Wucht in den Kinosessel presst. Man könnte sie die „Stepptanz-Szene“ nennen: Sam tanzt vor einem Kamin, welcher die einzige Lichtquelle abgibt, vor dem völlig von ihr verzauberten Andrew. Für höchstens zehn Sekunden läuft dazu der Song „Fair“ von der inzwischen aufgelösten Band Remy Zero, während sich die Kamera in die Totale zurückzieht. Und etwas geschieht dabei, man kann es gar nicht beschreiben. Die Kino-Leinwand scheint sich nach außen wölben zu wollen und erzittert in ihren Grundfesten: Das hier ist pure Transzendenz, Baby! – Einfach unfassbar. Unfassbar schön.

Ziemlich unfassbar ist auch die Geschichte des Erfolgs von GARDEN STATE, der im Juli letzten Jahres auf gerade einmal acht (!!!) Kinoleinwänden in den USA startete, nur um sich danach wie ein Lauffeuer über den gesamten Planeten herzumachen. Durch den stimmungsvollen Trailer, den Zach Braff mit ein paar Freunden in seinem Wohnzimmer produzierte und einen außergewöhnlichen blog (http://gardenstate.typepad.com), mit dessen Hilfe er mit seinen immer zahlreicher werdenden Fans Kontakt aufnahm, die dort zu Abertausenden auf die postings des Regisseurs antworteten, geriet GARDEN STATE schon vor seinem Erscheinen auf der Leinwand zu einem außergewöhnlichen Phänomen, wurde zum Kult. Braff führt sein Internet-Tagebuch im übrigen heute noch weiter, und – das ist jetzt kein Witz! – liest sich tatsächlich nahezu jeden Kommentar durch, den man ihm zuschickt. Nachdem man seinen Film gesehen hat, dürfte dieser Umstand allerdings niemanden mehr verwundern.

GARDEN STATE macht so glücklich, dass er auf Rezept verschrieben werden sollte. Das Kino wird zur Apotheke, wo man den Film zusammen mit den stärksten Antidepressiva im Medikamenten-Regal stehen sehen kann: „Einmal GARDEN STATE, bitte! Die größte Packung, die sie vorrätig haben!“


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