SILENTIUM

*** SILENTIUM * Österreich 2004 * Musik: Wolfgang Amadeus Mozart, Sofa Surfers * Drehbuch: Wolf Haas, Josef Hader, und Wolfgang Murnberger, nach dem gleichnamigen Roman von Wolf Haas * Regie: Wolfgang Murnberger * Darsteller/-innen: Josef Hader, Simon Schwarz, Joachim Król, Maria Köstlinger, Udo Samel, Jürgen Tarrach, Christoph Schlingensief, Herbert Fux, Wolf Haas, u. a. * 116 Minuten * (7 von 10 Punkten) ***

Silentium
(Bildrechte: Senator Film)

Synopsis: Der Schwiegersohn des Präsidenten der Salzburger Festspiele liegt zerschmettert am Fuße des Mönchsbergs, welcher auf österreichische Lebensmüde den gleichen Reiz ausübt, wie für französische Selbstmordkandidaten der Eiffeltum. Sein Blut regnet auf japanische Touristengruppen herunter. Kein schöner Anblick, aber der Fall scheint offenbar auf den ersten Blick geklärt. Dass der vermeintliche Selbstmörder kurz zuvor den Salzburger Erzbischof bezichtigt hat, ihn vor 25 Jahren als Ministrant sexuell missbraucht zu haben, scheint keinen zu interessieren. Außer seine Witwe, Konstanze Dornhelm, die Tochter des Festspielpräsidenten, zumal sie die einzige dem Toten nahe stehende Person zu sein scheint, die um ihn trauert.

Die Dornhelm beauftragt den ehemaligen Kaufhausdetektiv Simon Brenner (hinreißend gespielt von Österreichs Star-Kabarettist Josef Hader), seines Zeichens Ex-Polizist und Ex-Rettungssanitäter, daraufhin, den Tod ihres Mannes aufzuklären, obwohl sich Brenner und Dornhelm unter höchst unglücklichen Umständen zum ersten Mal getroffen haben: Der Noch-Kaufhausdetektiv erwischt sie beim Unterwäscheklau, sie bezichtigt ihn der sexuellen Belästigung … und schwupps sitzt der Brenner auf der Straße und ist obdachlos.

Unterschlupf findet Brenner dann auch noch ausgerechnet in dem Konvikt, in dem Dornhelms Mann angeblich vor einem Vierteljahrhundert vom jetzigen Erzbischof sexuell belästigt worden sein soll. In dem erstaunlich pompös ausgestatteten Seminar für angehende Priester, das vom katzenfreundlichen Sportpräfekten Fitz (erstaunlich diabolisch: der ansonsten so liebenswert-harmlose Joachim Król) geleitet wird, gehen merkwürdige Dinge vor: Ein asiatisches Hausmädchen verschwindet, ein Tischfußballspiel spuckt statt Spielbällen abgetrennte menschliche Hände aus und selbst Brenners alter Rettungssani-Kumpel Berti (Simon Schwarz) scheint in dubiose Machenschaften verwickelt zu sein.

Dem Brenner wird schnell klar, dass Dornhelms Mann tatsächlich nicht Selbstmord begangen haben kann. Aber das ist genauso schnell eh egal, denn einige Leichen später stehen Brenner und Berti selbst mit verbundenen Augen auf dem Mönchsberg und erwarten ihr Schicksal: „Silentium“ steht nämlich nicht nur über der Tür des Duschraums im Priesterseminar, sondern heißt vor allem: „Halt’s Maul!“ Auf lateinisch.

Kritik: „Jetzt ist schon wieder was passiert …“ Mit dieser lakonischen Einleitung beginnt jeder der sechs Kult-Krimis des österreichischen Schriftstellers Wolf Haas mit der Hauptfigur des abgehalfterten Privatdetektivs Simon Brenner, der, wie auch schon bei der erstmaligen Verfilmung eines seiner Werke, dem wunderbaren KOMM, SÜSSER TOD, zusammen mit Hauptdarsteller Josef Hader und Regisseur Wolfgang Murnberger das Drehbuch verfertigte.

SILENTIUM ist den dreien dabei ungleich härter und kompromissloser aus der Feder geglitten als sein vergleichsweise geradezu harmloser Vorgänger, das Skript schwitzt förmlich Blut aus. Der Wiener Witz von Brenner und Berti blitzt nur noch phasenweise auf (schließlich ermitteln beide diesmal in Salzburg), aber das Lachen – sofern man, des Hochdeutschen mächtig, überhaupt irgendetwas versteht, Untertitel gibt es diesmal leider nicht – bleibt einem regelmäßig im Halse stecken, denn Regisseur Wolfgang Murnberger schneidet so abrupt brutalst-eklige und dann wieder hochkomische Szenen gegeneinander, als gelte es, Quentin Tarantino zu übertreffen.

In jedem Fall gilt dennoch: Wenn ein Krimi bereits in der Anfangssequenz die Auflösung des ureigentlich wichtigen, weil ersten Mordfalls preisgibt und somit dem Zuschauer von Beginn an mehr Wissen über die Tat zueignet als den ermittelnden Fahndern, dann ist das Werk entweder gnadenlos schlecht, oder die sich von da an entwickelnde Geschichte hat noch einen Trumpf in der Hinterhand. Im Falle von SILENTIUM sind es Trümpfe und es sind derer viele, denn natürlich wird es nicht bei dem einen (Selbst-)Mord bleiben, wobei die Hintermänner der Untaten bis zum grausamen Ende geheim gehalten werden. – Salzburg kann sehr kalt sein, und der Film SILENTIUM ist es dann auch. Gnadenlos kalt.

In Österreich, wo SILENTIUM mit weit über 200.000 Zuschauern zu einem weiteren blockbuster des Erfolgstrios Haas, Hader und Murnberger geriet, verpasste man dem Film völlig zu recht ein „Ab 18 Jahren freigegeben“; wir Deutschen sind offenbar hartgesottener und dürfen der kauzig-humoresken Blutbad-Groteske bereits mit 16 Lenzen beiwohnen. Ziemlich erstaunlich, ist SILENTIUM doch nichts weiter als Österreichs verspätete Antwort auf Quentin Tarantinos Frühwerk (Stichwort: RESERVOIR DOGS) – der Film ist echter „pulp fiction“: Es gibt wahrhaft Szenen in SILENTIUM, die einem das Blut gefrieren lassen, beziehungsweise so wahnwitzig eklig-abgründig sind, als gelte es, Österreichs durch unzählige „Sissi“-Schachtfetzen und debile Heimatfilmchen geprägtes Film-Image mit einem einzigen Machwerk ein für allemal ad acta zu legen. Speziell die deutschen Starschauspieler Joachim Król und Jürgen Tarrach spielen sich in SILENTIUM mit schauspielerisch grandioser Lust und Wucht in den Ekel-Olymp der Filmmonster.

SILENTIUM gleicht zeitweise einem Horrorfilm: Menschen werden bei lebendigem Leibe gekocht, man wohnt alptraumhaft lange einer schier endlosen Erstickungstod-Sequenz bei, und eine Kettensäge kommt zu allem blutigen Überfluss auch noch zum Einsatz. Selbst Jesus Christus ist hier nicht der Einzige, der sein Kreuz – im wahrsten Sinne des Wortes – zu tragen hat. Es gibt ferner ein Tischfußballspiel mit echten Menschen als Kickerfiguren, Drogenexzesse bis zum Abwinken, einen zum Marxisten konvertierten Ex-Neonazi, der rituell gefoltert und ermordert wird, einen Priester mit abgeschnittener Zunge, der dennoch lauthals und wie von Sinnen zur Jungfrau Maria betet … und man erfährt etwas – weitaus mehr als man wissen möchte – über die therapeutische Wirkung von Jungfrauen-Urin auf die Stimmbänder von mädchenschändenden Opernsängern.

Dass SILENTIUM dabei dennoch alles andere als misslingt, obwohl man über einige drastische Sequenzen sicherlich geteilter Meinung sein kann, liegt vor allem an der durch die Bank hervorragend agierenden Schauspielerriege. Speziell Josef Hader als Reinkarnation von Philip Marlowe namens Simon Brenner ist mal wieder nicht mit Mozartkugeln aufzuwiegen. Die Figur des Brenner ist es dann wohl auch – trotz seiner Drogensucht, seiner Obdachlosigkeit, seiner Migräne-Anfälle und seines fast schon übertrieben ungesunden Aussehens – der mit seinem gesunden Menschenverstand und (Un-)Rechtsempfinden dem, angesichts der dargestellten schwindelerregenden menschlichen Abgründe und Perversionen, phasenweise haarsträubenden Geschehen gerade noch so etwas wie Halt gibt.

Ansonsten wäre SILENTIUM kaum zu ertragen. Ein bisschen mehr Humor hätte dem Film sicher gut getan, hätte die Waage wieder ein wenig mehr ins Lot gebracht. So aber bleibt es allein dem Zuschauer überlassen, ob er SILENTIUM moralisch ertragen kann oder nicht. Wirklich genießen können die zweite Wolf Haas-Verfilmung allerdings wahrscheinlich eh nur Menschen, die täglich ihren Thomas Bernhard-Schrein anbeten: Echte Misanthropen. – Jedes Land erzeugt die Filme, die es verdient. Wenn dieser Satz stimmt, dann ist einiges faul im Staate Österreich …

Gläubige Katholiken und glühende Anhänger von Wolfgang Amadeus Mozart, speziell seiner Opern, sollten SILENTIUM unbedingt meiden. Alle anderen sollten einen Hang zu pechschwarzem Humor (und nein, PULP FICTION gut zu finden, reicht hier ausnahmsweise mal nicht aus …) und sowohl einen gefestigten Charakter (whatever that means …) als auch Magen in den Kinosessel mitbringen.


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