KÖNIGREICH DER HIMMEL

Königreich der Himmel     (Kingdom of heaven USA/GB, 2005)

Regie: Ridley Scott. Buch: William Monahan
Mit: Orlando Bloom (Balian), Liam Neeson (Godfrey von Ibelin), Jeremy Irons (Tiberias), Eva Green (Sibylla), Brendan Gleeson (Reynald von Chatillion), Ghassan Massoud (Sultan Saladin), Edward Norton (König Baldwin) u.v.a
145 Minuten / USA: 194 min (director’s cut)     (3 von 10 Punkten)

Als ich noch ein junger Bub war – ich erinnere mich gut – da brachte mir mein Vater häufig kariertes Schreibpapier mit. Ganze Blöcke aus holzhaltigem Papier waren es, von minderer Qualität zwar, aber das störte wenig, konnte ich doch einer herrlichen Leidenschaft nacheifern, die ein jedes Kind im Vorschulalter befällt: Das Malen. Zunächst ungelenk, den Stift in der Faust, aber mit zunehmender Übung dann auch erkennbarere Dinge. Es kristallisierten sich einzelne Gegenstände inmitten undefinierbarer Kreise, Kringel, Kreuze heraus, die unmotiviert aus der Fantasie eines Kindes in die kleinen Finger geflossen schienen. Bald dann offenbarten die Bilder komplexere Sachzusammenhänge, ja ganze Ereignisse wurde nacherzählt oder erfunden.

Ein immer wiederkehrendes Motiv waren Ritterburgen. Ich habe sie gemocht und gemalt, dutzende Male. Das Papier im Querformat, die Kästchen waren wie große Quadersteine für mich, mit denen ich meine zweidimensionalen Werke errichtete. Die Bilder glichen sich: Rechts und links standen in der Regel die mächtigen Türme, eckig, massiv, die mittlere Burgmauer um ein Drittel an Höhe überragend. Die Zinnen auf den Türmen waren genau einen halben Zentimeter breit und hoch. Gebäude im Hintergrund gab es nicht, ebenso fehlten Dächer und Fenster, aber die Wehrgänge hinter den zahnartigen Mauerabschlüssen waren durch einen waagerechten Strich im Vordergrund deutlich markiert. Wegen der einfachen Form handelte es sich also eher um eine Festung denn um eine stolze Burg, aber den Unterschied kannte ich damals noch nicht.

Und das Tor war natürlich immer verschlossen. Aus gutem Grund: Die Belagerer standen vor der Burg. Sie schossen mit Pfeilen, warfen mit Speeren. Hatten ihre langen Leitern gegen die Mauern gestellt und erklommen waffenbepackt die steilen Höhen, um in das Innere zu gelangen. Was sich die Verteidiger natürlich nicht gefallen ließen. Sie schossen zurück, ließen Steine auf die Schilder der Angreifer fallen oder rüttelten an den Holzstreben. Gar manchen tapferen Ritter ließ ich wieder in die Tiefe stürzen, seinen heranrückenden Kameraden entgegen, die von unsichtbarer Stimme immer wieder gegen die Mauern befehligt wurden. Es gab keine Sieger, keine Besiegte, der Ausgang meiner Kampfgemälde blieb offen, nur der Moment zählte.

Mit den Jahren versiegte meine Begeisterung für das Malen, die Faszination der Burgen auf mich blieb. Aus der Reihe der „Was-ist-was-Bücher“ war mir das über Ritter an liebsten (neben dem über Dinosaurier natürlich), auf der Straße fochten wir mit Holzschwertern um die Ehre, und das dunkle Mittelalter erlebte seine Erweckung bei manchen Ausflügen an die Burgruinen an Rhein und Mosel.

So mag man es mir nach der Lektüre der obigen Zeilen nachsehen, wenn ich mir Königreich der Himmel angesehen habe. Nach Jahren der Auszeit hoffte ich, wieder einen visuellen und emotional beeindruckenden historischen Heldenfilm zu erleben, so wie ich es zuletzt mit Ridley Scotts Gladiator (2000) tat. Aber um es kurz zu machen: Die Helden-Epen springen durch die Jahrhunderte, die Schauplätze ändern sich, aber letztendlich gibt es wenig Erwähnenswertes von den Kreuzrittern zu berichten, was nicht auch schon filmisch bei den Griechen, Makedonier und Angelsachsen im vergangenen Jahr gezeigt wurde. Schade eigentlich, denn der Regisseur kann auf ein Oeuvre zurückblicken, das manchen Meilenstein der Filmgeschichte beinhaltet. Aber wahrscheinlich ist die Zeit für das Genre erst mal vorbei, vergleichbar mit der Renaissance für den Westernfilm Anfang der 90er Jahre, und Scott hat es noch nicht gemerkt. Zumindest wird sich – politisch korrekt – um eine Verständigung zwischen den Religionen Christentum und Islam bemüht. Und der selbstfindungs-triplerische Orlando Bloom in der Rolle des Balian ist so dermaßen herzensgut auf der Leinwand zu bewundern, dass VerehrerInnen voll auf ihre Kosten kommen.


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