DIE TIEFSEETAUCHER

*** DIE TIEFSEETAUCHER / THE LIFE AQUATIC WITH STEVE ZISSOU * USA 2004 * Musik: David Bowie, Sigur Rós, Johann Sebastian Bach, u. a. * Drehbuch: Wes Anderson und Noah Baumbach * Regie: Wes Anderson * Darsteller/-innen: Bill Murray, Owen Wilson, Cate Blanchett, Anjelica Huston, Willem Dafoe, Jeff Goldblum, u. v. a. * 118 Minuten * (7 von 10 Punkten) ***

Die Tiefseetaucher
(Bildrechte: Buena Vista)

Synopsis: Steve Zissou (schon jetzt eine lebende Legende: Bill Murray), ein einstmals berühmter Meeresbiologe und Dokumentarfilmer auf absteigendem Ast, macht auf einem italienischen Filmfestival die Bekanntschaft mit Ned Plimpton (schnurrbärtig: Owen Wilson), welcher behauptet sein Sohn zu sein, ohne dies wirklich beweisen zu können. Zissou ist anfangs wenig begeistert von dieser personifizierten Neuigkeit, entdeckt dann aber doch ungeahnte Vater-Züge an sich und nimmt den Co-Piloten von „Air Kentucky“ (sic!) kurzentschlossen auf seine wahrscheinlich letzte „Forschungs“-Reise mit, die zum Ziel hat, den monströs-legendären „Jaguar-Hai“ zu finden und zu killen, der auf Zissous letzter Ozeanmission seinen langjährigen Kollegen und besten Freund Esteban du Plantier (Seymour Cassel) getötet hat.

Mit dabei sind wie immer seine rot bepudelmützte Crew (allen voran der ihm treu ergebene und auf Zissous „neuen Sohn“ zutiefst eifersüchtige Deutsche Klaus Daimler (sic!, Willem Dafoe in seiner wohl komischsten Rolle)) – Zissous von ihm entfremdete Frau Eleanor (Anjelica Huston) bleibt aber erstmals zu Hause. Für sie springt quasi die schwangere Journalistin Jane Winslett-Richardson (braungebrannt und wunderschön anzusehen: Cate „Galadriel“ Blanchett) ein, die sich schon bald den Begehrlichkeiten von Vater und „Sohn“ ausgesetzt sieht (und sich für letzteren entscheidet).

Zissous Forschungsschiff, die abgehalfterte „Belafonte“, macht sich daraufhin auf den Weg zu den Jagdgründen des „Jaguar-Hais“ und dabei Bekanntschaft mit brutalen asiatischen Piraten, fiesen Finanz-Haien und Zissous ewigem und weit erfolgreicherem Rivalen Alistair Hennessey (Jeff Goldblum).

Und am Ende erscheint tatsächlich der langgesuchte „Jaguar-Hai“ vor dem Bullauge …

Kritik: DIE TIEFSEETAUCHER / THE LIFE AQUATIC WITH STEVE ZISSOU ist meine erste Bekanntschaft mit dem – gelinde gesagt – „leicht schrägen“ Humor von Regisseur Wes Anderson (RUSHMORE, THE ROYAL TENENBAUMS). Und ich für meinen Teil habe mich köstlich amüsiert, obwohl das Drehbuch eher Fragmentcharakter aufweist und sicherlich einiges an Komik durch die deutsche Übersetzung flöten gegangen sein dürfte. (Aus der Figur des Deutschen Klaus Daimler, den Willem Dafoe im Original mit hartem deutschen Akzent spricht, ist hier beispielsweise ein schwäbelnder Süddeutscher geworden, mit fragwürdiger humoristischer Konsequenz …)

Anderson und sein gut aufgelegtes Star-Ensemble reihen somit quasi nur komische Sequenz an komische Sequenz; ein roter Faden, der durch die Story hätte leiten können, wird niemals gefunden, was aber auch wohl durchaus beabsichtigt ist. Zudem kippt der Film zum Ende hin ohne Vorwarnung ins Tragische (eine der Hauptpersonen wird auf der Strecke bleiben, und – nein! – es ist nicht der Bösewicht), was ihm mehr als gut zu Gesicht steht, denn neben einem Dauerschmunzeln auf den Lippen (die großen Lacher bleiben ausgespart) findet man sich als Zuschauer kurz vor dem Abspann plötzlich mit feuchten Augen vor der Kinoleinwand wieder und fragt sich verdutzt, wie das denn nun bitteschön hat passieren können.

Erklärungsversuche sind schnell gefunden, ist die Antwort natürlich mal wieder beinahe nur mit einem Namen verbunden: Bill Murray, dessen glühender Verehrer ich spätestens jetzt geworden bin. Zwar kann man seine Mimik weiterhin nur mit „stoisch“ bezeichnen, doch in seinen feinen Zügen liegt vor allem folgende Erkenntnis: „Das Leben ist hart, ich bin härter und außerdem hab’ ich (im Gegensatz zu diesem Scheißleben) Humor.“ – Kein Wunder also, dass Wes Anderson die Rolle Murray auf den Leib schrieb. Der „Schauspielgigant“ (Tobias Kniebe, Süddeutsche Zeitung) dankt es seinem Regisseur mit einer ähnlich hinreißenden performance wie in LOST IN TRANSLATION. Sein zutiefst (un-)sympathischer (und selbstverständlich an die Figur des französischen Meeresbiologen und Selbstdarstellers Jacques-Yves Costeau erinnernder) Steve Zissou ist nur von Murray gespielt überhaupt denkbar.

Aber auch die anderen Stars werden einen Heidenspaß bei den Dreharbeiten zu THE LIFE AQUATIC gehabt haben, wahrscheinlich habe sie unzählige takes vermasselt, weil sie sich einfach den Bauch halten mussten vor Lachen, allen voran die damals auch im wirklichen Leben schwangere Cate Blanchett. (Muss ein humorvolles Baby sein, was sie vor kurzem auf die Welt gebracht hat …) – Blanchett, by the way, sieht hier im übrigen so toll aus wie noch in keinem Film zuvor und stiehlt nicht nur deswegen ihrem weiblichen counterpart, Anjelica Huston, mühelos die Show.

Zu der Starbesetzung in den Hauptrollen gesellen sich (Auftritt: Wes Andersons völlig einzigartiger Humor!) ein schwarzer Sänger (mit roter Pudelmütze) der ständig David Bowie auf portugiesisch covert, ein nahezu ständig oben ohne herumlaufendes script girl (ohne rote Pudelmütze), ein dreibeiniger Hund namens Cody (ebenfalls ohne rote Pudelmütze), allerlei in der freien Natur noch nicht entdeckte (und außerhalb dieses Films auch nicht existente), höchst possierliche Meeresbewohner (allesamt hinreißend animiert), einige von Zissou zu Sklaven degradierte Praktikanten (Studenten der Universität von Alaska (sic!)) und viele Absonderlichkeiten mehr. Vermutlich muss man THE LIFE AQUATIC mehrmals sehen, um alle Absurditäten zu entdecken.

Denn „absurd“ ist wohl das Wörtchen, was diesen mehr als ungewöhnlichen Film am genauesten charakterisiert, haben wir es hier doch wie gesagt nicht mit einer wirklichen Geschichte zu tun, funktionieren die zahlreichen (und im übrigen politisch nun wirklich gar nicht korrekten) Gags – wie in einem Film der Marx Brothers – doch „nur“ als Füllmittel für die haarsträubenden Löcher im Plot; die Geschichte wird durch sie nicht wirklich vorangebracht.

Mir persönlich hat das nichts ausgemacht, zumal sich weder Film noch Darsteller/-innen auch nur eine Sekunde lang selbst ernst nehmen; dass Andersons Humor allerdings mehr als gewöhnungsbedürftig ist, möchte ich hier auch nicht in Abrede stellen.

Fazit: Ähnlich den putzig-possierlichen Computer-animierten Tierchen in Wes Andersons kleinem Filmkosmos ist THE LIFE AQUATIC ein geradezu niedlicher Film geworden, der allerdings manchmal (zum Beispiel bei der allen Ernstes an die RAMBO-Filme erinnernden kurzen Action-Sequenz, in der die asiatischen Piraten, welche die Belafonte gekapert haben, von Steve Zissou gleich reihenweise niedergemäht werden) völlig aus den Fugen zu geraten droht, wobei man sich fragt – wo doch im Film selbst schon in jeder zweiten Szene ein Joint angezündet wird – was für Drogen Anderson denn nun wieder eingeschmissen hat.

Ernsthaftere Naturen werden diesen Film somit zurecht als „albern“ abtun, was er eben auch ist. Seine kindliche (nicht aber kindische) Albernheit empfinde ich persönlich allerdings als mehr als wohltuend, verglichen mit dem, was sonst aus amerikanischen Landen so alles als „Komödie“ über den großen Teich schwappt: Herkömmliche Komödien sehen im Vergleich zu THE LIFE AQUATIC nämlich reichlich überanstrengt aus.

Zu einem Klassiker des Genres (Tragik-)Komödie wird Bill Murrays neuester Film dennoch nicht werden, dafür ist und bleibt das Drehbuch wie gesagt einfach zu schwach. Zudem ist und bleibt Wes Andersons Humor alles andere als massenkompatibel.


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