REINE CHEFSACHE

*** REINE CHEFSACHE / IN GOOD COMPANY * USA 2004 * Musik: The Shins, Iron & Wine, David Byrne, Aretha Franklin, Peter Gabriel, Steely Dan, u. a. * Drehbuch und Regie: Paul Weitz * Darsteller/-innen: Dennis Quaid, Topher Grace, Scarlett Johansson, Marg Helgenberger, Selma Blair, Malcolm McDowell, Zena Grey, u. a. * 110 Minuten * (7 von 10 Punkten) ***


(Bildrechte: Tobis)

Synopsis: Dan Foreman (wunderbar verwittert: Dennis THE BIG EASY Quaid), 51 Jahre alt, Vater von zwei bezaubernden Töchtern (Scarlett Johansson und Zena Grey), ist Leiter der Anzeigenabteilung bei dem großen amerikanischen Sportmagazin „Sports America“: Ein Job, den er liebt und in dem er seit zwanzig Jahren erfolgreich arbeitet.

Dan ist der Prototyp der US-amerikanischen Mittelklasse, obwohl auch ihn Geldsorgen drücken: Denn urplötzlich gesteht seine Frau (Marg C.S.I. Helgenberger) ihm, dass sie trotz längst abgelaufener biologischer Uhr noch ein Kind von ihm erwartet, seine älteste Tochter Alex (Scarlett Johansson) will an der so renommierten wie teuren New York University (NYU) studieren und auf dem gemeinsamen schmucken Eigenheim lastet längst eine Hypothek. (Es wird nicht bei der einen bleiben …)

Und als wären all diese Veränderungen für Dan noch nicht schon zuviel des Guten, muss er am nächsten Morgen im Büro erfahren, dass „seine“ Zeitung von dem international agierenden Multi-Konzern „globecom“ aufgekauft worden ist, dessen gottgleicher Chef Teddy K. (gemimt von dem ewig diabolischen Malcolm McDowell) in der Branche für seine rigorosen Sparmaßnahmen berühmt-berüchtigt ist.

Es dauert demnach auch nur wenige Tage, bis die ersten Mitarbeiter von „Sports America“ aus ihren Jobs fliegen – Dan wird zwar nicht stante pede gefeuert, man setzt ihm aber dafür den gerade mal halb so alten Carter Duryea (brilliant: Topher Grace) vor die Nase, der zwar weder vom Anzeigengeschäft noch vom realen Leben – er ist gerade dabei von seiner Frau (Selma Blair) geschieden zu werden – auch nur den blassesten Schimmer hat. Dafür beherrscht er den Topmanager-Neusprech mit Worthülsen à la „Synergieeffekte“ zum Leidwesen von Dan, der nicht nur altershalber, sondern auch in seinem Verhandlungsgebahren mit seinen (potentiellen) Anzeigenkunden die „alte Schule“ repräsentiert, perfekt.

Ausgerechnet dieser auf den ersten Blick unsympathische Jungspund verliebt sich nun Hals über Kopf in Dans älteste Tochter Alex und sie zu allem Überfluß auch noch in ihn – während Carter auf der Arbeit nichts besseres zu tun hat, als langgediente Mitarbeiter (und somit Freunde) von Dan auf Geheiß von oben gleich reihenweise aus ihren Jobs zu kegeln. – Mit der Konsequenz, dass der gute Dan, dem plötzlich alle Felle wegzuschwimmen drohen, endgültig völlig ausflippt, was schmerzhafte Konsequenzen sowohl für Jungchef Carter als auch für das „Fossil“ Dan selbst hat.

Zumal der eigentlich herzensgute Carter und sein doppelt so alter „Juniorchef“ Dan ihre Rechnung ohne die wahnwitzigen Turbulenzen gemacht haben, die ein Angestelltendasein bei einem nur auf den kurzfristigen Profit zielenden und dabei über Leichen jedwelchen Alters gehenden Multis wie „globecom“ nun einmal zwangsläufig mit sich bringt …

Kritik: REINE CHEFSACHE aka IN GOOD COMPANY ist der neueste Film von Regisseur Paul Weitz, der bekanntlich mit der unsäglich verklemmten Teenie-Klamotte AMERICAN PIE sein Debüt gab. – REINE CHEFSACHE ist aber zum Glück ein vollkommen anderer Film geworden, sogar noch besser als seine Nick Hornby-Verfilmung ABOUT A BOY ist er geraten.

Was zunächst erstmal an den bis in die kleinsten Nebenrollen hervorragend agierenden Schauspielern liegt, allen voran der großartige Dennis Quaid, den man (zumindest hierzulande) leider viel zu selten auf der Leinwand erblicken darf. Er personifiziert hier geradezu „das Alter“ schlechthin; die Kamera frisst sich förmlich in seine Falten, ohne dabei aber auch nur irgendwie despektierlich zu sein. Es ist vielmehr geradezu ein Segen, ein vom Leben gezeichnetes Gesicht in einer Hauptrolle in einem neuen Hollywood-Streifen zu erblicken – Quaids bloße körperliche Präsenz lässt all die Babypopo-Fressen der jüngeren Hollywood-Generation, welche sonst die Leinwand bevölkern, alt aussehen.

Topher Grace gehört auf den ersten Blick zwar auch dieser Generation an, doch was er hier abliefert, ist fast schon grandios zu nennen. Er stiehlt nämlich sowohl Quaid als auch der – wie immer – hinreißenden Scarlett Johansson die Show und macht aus der mehr als zerrissenen Figur des Jung-Yuppies Carter, der auf dem besten Wege ist, der aus Douglas Couplands Kultroman „Generation X“ stammenden Yuppie-Maxime „mit 30 gestorben, mit 70 begraben“ vollends Genüge zu tun, einen Zeitgeist-Leinwandhelden.

Wobei wir es hier wirklich nicht mit „Helden“ zu tun haben. Ferner erstaunlich (und absolut positiv) an REINE CHEFSACHE ist nämlich das konsequente understatement des Films. Drehbuchautor und Regisseur Paul Weitz zeigt sein großes Können gerade dadurch, dass er scheinbar ständig auf die Bremse drückt: REINE CHEFSACHE hätte angesichts der zahlreich dargebotenen Probleme in der Familie und am Arbeitsplatz größtes Potential für ein echtes Melodram gehabt, doch Weitz macht daraus lieber eine angenehm unterhaltende Komödie mit einem sich stetig durchziehenden melancholischen Unterton: Es liegt ihm offenbar fern, seine Kritik am derzeit leider vorherrschenden Turbokapitalismus à la Mike Leigh ins Überdeutliche zu überzeichnen, obwohl es eine Stelle gibt, in der Weitz plötzlich zum „Attac“-Redenschreiber mutiert, ohne dabei allerdings auch nur ansatzweise polemisch zu werden. Er betont lieber die menschliche Komponente am Arbeitsplatz – das so häufig gebrauchte Wörtchen „Geschäfts-Partner“ wird von ihm personell aufgeladen und gegen den Größenwahn eines multinational agierenden Konzerns, dessen eigene Mitarbeiter ihm völlig egal sind, ins Feld geführt. Dabei geraten Weitz „seine“ menschlichen Figuren aber nicht etwa zu Reinkarnationen von Sisyphos, sondern sie bleiben einfach, was sie sind: Menschen mit einem Arbeits-und Familienleben, denen einfach der Sinn danach steht, ein „gutes“ Leben führen zu wollen – etwas, dass der karrieregeile Carter auf dem besten Weg ist für immer zu verlernen, trotz seiner gerade einmal 26 Jahre.

Fazit: REINE CHEFSACHE / IN GOOD COMPANY ist eine echte Wohltat, ein bewusst auf Sparflamme gehaltener und somit „kleiner“ Hollywood-Streifen, der so und nicht anders auch schon vor fünfzig Jahren funktioniert hat und auch noch in fünfzig Jahren funktionieren wird, weil er einfach (und dabei) unterhaltsam ist. Er verweigert sich sowohl dem großen Drama als auch dem schnellen Lacher und erzählt eine Alltagsgeschichte ohne großes Hollywood-Brimborium mit niemals „menschelndem“, sondern vielmehr menschlichen Humor.

Unterstützt wird der sympathische Gesamteindruck, den REINE CHEFSACHE beim geneigten Betrachter hinterlässt, durch den wunderbaren Soundtrack, welcher nahezu ausschließlich von Amerikas neuen Indie-Pop-Helden Iron & Wine und The Shins stammt – Bands, die sich auch für den jetzt schon legendären Soundtrack für den im Mai bei uns startenden Film GARDEN STATE (von und mit Zach Braff (SCRUBS) und mit Natalie Portman in der weiblichen Hauptrolle) hauptsächlich verantwortlich zeichnen.

Ich bin von REINE CHEFSACHE mehr als positiv überrascht worden, ja ich bin geradezu begeistert. Der Film ist dabei natürlich alles andere als ein Meisterwerk – das Interessante daran ist allerdings, dass er niemals den Anspruch erhebt, eins sein zu wollen. REINE CHEFSACHE ist und bleibt einfach gute Kino-Unterhaltung. Sehr amerikanische Kino-Unterhaltung allerdings, denn was „wir“ Deutschen vermutlich zu einem zähen Sozialdrama umfunktioniert hätten und die Franzosen zu einem dialoglastigen Pseudointellektuellen-Pamphlet gegen den ach so bösen Kapitalismus, bleibt hier in jeder Sekunde leicht verdaulich und swingt beschwingt wie easy listening jazz.

Danke, Hollywood!


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