MILLION DOLLAR BABY

Million Dollar Baby         (USA 2004)

Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: Paul Haggis, nach den Kurzgeschichten von F. X. Toole
Mit: Clint Eastwood (Frankie Dunn), Hilary Swank (Maggie Fitzgerald), Morgan Freeman (Eddie Scrap-Iron Dupris), Brian F. O’Byrne (Father Horvak) u.a.
132 Minuten        (7 von 10 Punkten)

Million Dollar Baby
(Bildrechte: Kinowelt)

Eine sehr erstaunliche Karriere, die Hilary Swank in den letzten Jahren hingelegt hat, seit mir ihr Gesicht zum ersten Mal in dem bahnbrechenden Action-Highlight Karate Kid IV – Die nächste Generation (1994) auffiel. Und schon damals konnte sie gut austeilen, nachdem sie von einem alten weisen Lehrmeister sorgfältig und mit der notwendigen inneren Vertiefung in die Kunst des Kampfes eingewiesen wurde. Nun übernimmt Clint Eastwood diesen Part, der schon vor einer Dekade fällig gewesene Oscar für die beste weibliche Hauptrolle wird quasi mit Verspätung nachgeliefert und es wäre eine Verschwendung, würde ich den Vergleich zwischen den beiden Filmen nicht gebracht haben.

Aber bei allem Respekt vor der Leistung von Altmeister Eastwood und seinem Ensemble: Die Handlung ist so neu nicht, es ist das gerne bemühte Thema vom Underdog mit unbeugsamem Willen, der trotz aller Widerstände seinen Weg an die Spitze geht. Oder – um es mit amerikanischem Pathos zu sagen – seine Chance nutzt, als das Schicksal sie ihm bot. Für den Boxfilm wurde dies publikums-wirksam spätestens durch den ersten Rocky-Film auf die Leinwand gebracht, und auch die Frauen hatten mit Girlfight (2000) bereits einen Vertreter dieser Zunft. Hier wie da gab es den schon etwas abgehalfterten Trainer, der nur widerwillig die Betreuung übernimmt, der Boxkeller hatte schon bessere Tage und – leider immer knapp verlorene – Titelkämpfe erlebt und natürlich hielten auch dritte Personen (Familie, Freunde, die Boxer im Stall) nichts von den Träumen der Neueinsteiger/in.
Aber Fleiß, Entbehrungen und Vertrauen werden belohnt. Nach Monaten, gar Jahren der Quälerei wird eine Gegnerin nach der anderen von Maggies unbändigen Entschlossenheit in der Regel gleich in der ersten Runde auf die Bretter gelegt, ein unverhofftes Füllhorn scheint sich endlich auch auf die Tugendhaften auszugießen. Und natürlich werden die Versuchungen und Gefahren größer, wenn man plötzlich als ebenfalls dicker Fisch im Haifischbecken mitschwimmt.

So weit, so gut. Aber obwohl dem erfahrenen Kinogänger über lange Zeit nur Altbekanntes auf der Karte findet, mundet ihm das Menü dennoch. Genau darin ist die hohe Kunst von „Chefkoch“ Eastwood zu sehen.

Schon beim ersten Anblick von Hilary Swank, als sie – respektive Maggie Fitzgerald – von der Tribüne aus einen Kampf verfolgt, spüren wir, wie in jeder Pore ihres Körpers die Entschlossenheit brennt und jeder Gedanke in ihrem Kopf sich nur darum dreht, eine versierte Kämpferin unter den Fittichen von Frankie Dunn zu werden. Sie übernimmt den dynamischen Part im Triumvirat Eastwood, Freeman und Swank, um deren Handeln und Denken der Film sich dreht. Sie wird zur Personifizierung des amerikanischen Traums, der vom Aufstieg des Tellerwäschers (Pardon: der Kellnerin) an die Spitze der Boxrangliste steht. Die Rolle der beinahe besessenen Maggie nimmt man ihr bedenkenlos ab, und schauspielerisches Können, gepaart mit der Verkörperung eines dramatischen Lebensweges, wurde hier nicht zum ersten Male mit dem Oscar ausgezeichnet.

Eastwood selbst als Inhaber des Boxstudios „Hit Pit Boxing“ und Freeman als sein langjähriger Weggefährte überlassen Swank das Scheinwerferlicht und begnügen sich mit den Rollen der väterlich-erfahrenen, wenngleich auch ernüchterten alten Herren. Ihr Zusammenspiel in ruhigen Momenten gleicht dem eines alten Ehepaares, das nicht mehr viele Worte machen muss, um einander zu verstehen und sich dennoch eine tiefgründige gegenseitige Liebe bewahrt hat. Die kurzen Gespräche in Frankies Büro entbehren nicht einer feinen Komik. Obwohl die beiden Männer unter diversen Altlasten der Vergangenheit zu knapsen haben, sind wir als Publikum nie im Zweifel, uns im Falle des Falles in die schützende Obhut der beiden zu begeben.

Diese Vertrautheit, ja Intimität wird noch verstärkt durch die Erzählstruktur. Schon in Shawshank Redemption (dt.: Die Verurteilten, 1994) hielt der aus dem Off berichtende Morgan Freeman als Red die Episoden zusammen und gab seine Einschätzung der Dinge zu Protokoll, in Million Dollar Baby wiederholt sich die Konstellation, nur dass an die Stelle von Tim Robbins Clint Eastwood getreten ist. In seiner ernsten Stimme vernehmen wir die Worte eines Zeitzeugen, der in bester Geschichtenerzähler-Tradition von der Vergangenheit berichtet, während wir in ehrfurchtsvoller Faszination lauschen und uns ab und an ein bisschen kindergärtnerinnenhaft an der Hand geführt fühlen.

Mit der Zusatzfunktion als Erzähler wird die Rolle des Scrap, der im Vergleich zu Frankie und Maggie ansonsten nur wenige Zeilen hat, aufgewertet und die Zahl der Hauptrollen auf drei erhöht. Damit hat es sich auch. Eastwood verließ sich schon in Mystic river (2003) auf diese Konstellation, und auch seine Nachfolgearbeit spielt sich in diesem übersichtlichen und deshalb zwischenmenschlich so intensiv ausgestalteten Mikrokosmos ab. Mit weiteren Personen, die in den Händen anderer Regisseure bzw. Drehbuchschreiber für sicherlich vorstellbare Neben-Handlungen ein paar Minuten bekommen hätten, geht Eastwood sehr sparsam um. Sie werden allenfalls benutzt, um den drei Protagonisten eine weitere Akzentuierung zu geben, eine eigene „Geschichte“ bekommen sie kaum.

So wird denn auch nicht von der linearen Handlung abgelenkt, wir bewegen uns stringent von A nach B, erblicken lange Zeit die sich im Halbdunkel des Trainingsraums abmühende Maggie, während Frankie mit dem Schicksal hadert, gegen seine Grundsätze letztendlich doch eine Frau zu trainieren, die überdies mit 31 Jahren viel zu alt für eine Newcomerin ist. Im ersten Drittel bildet der Boxsport mit all seinen Assoziationen zwar den bildlichen Rahmen, das Thema ist indes durchdrungen von der persönlichen Beziehung zwischen Frankie, der seinen Job mit einer aus langen Jahren erwachsenen Verantwortungsethik für seine Kämpfer heraus betreibt, und die ihrem Lebenstraum bedingungslos folgenden Maggie, die letztendlich zu einer Art Tochterersatz wird. Die Annäherung zwischen den beiden ist beinahe klassisch, demnach vorhersehbar, aber durch die ruhige Hand von Altmeister Eastwood makellos in Szene gesetzt.

Da wirkt es wie ein Bruch der behutsamen Dramaturgie, wenn im zweiten Drittel die Kämpfe im Ring beginnen und die sorgsam auf diesen Zeitpunkt vorbereitete Kämpferin von der Leine gelassen wird. Freunde von kompromisslosen Fights kommen auf ihre Kosten. Junge Frauen hauen erbarmungslos auf einander ein, zeigen schmerzerfüllte Gesichter, torkeln in Zeitlupe in die Seile, schlagen hart in voller Länge auf dem Ringboden auf. Soll hier in realistischer Manier dem harten Boxsport Blutzoll gezahlt werden? Wird ein Publikum zumindest teilweise bedient, das weniger wegen psychologischer Personenbeschreibung, sondern vielmehr der Ästhetik des Faustkampfes in das Kino gekommen ist? Oder ist die brutale Darstellung des kometenhaften Aufstiegs von Maggie dergestalt notwendig, um den anschließenden Fall umso härter dem Zuschauer spüren zu lassen? Ich persönlich gehöre zu den Menschen, denen beim Betrachten eines Knock-Outs eine Welle des Schmerzes und Mitleids für den Unterlegenen durchzieht, und dies umso mehr, wenn Frauen Gewalt angetan wird. Ehrlich gesagt: Mir waren die gezeigten Kampfsequenzen eine Spur zu heftig, und ich kann mir auch nicht recht vorstellen, dass in einem Weltmeisterschaftskampf dermaßen unsauber vor laufenden Übertragungskameras nachgeschlagen wird.

Im letzten Drittel gleitet der Film wieder in ruhigere Bahnen zurück, indes die Dramatik nicht weniger wird. Million Dollar Baby packt auf der Grundlage der sich ausgestalteten (Quasi-)Vater-Tochter-Beziehung ein neues, heißes Eisen an, welches dem Zuschauer so unverhofft präsentiert wird, dass die vorherigen 100 Minuten beinahe völlig in den Hintergrund treten. Wie aktuelle Beispiele zeigen, reicht das Thema selbst für einen ganzen Film. Es ist Eastwood hoch anzurechnen, dass er bei aller Behutsamkeit die Gangart seines Filmes durchzieht und nach einer nachvollziehbaren Phase der distanzierten Überlegung die Protagonisten konsequent handeln lässt. Natürlich kann er sich nicht verkneifen, die bis dahin häufig strapazierten Worte wie „stolz, die Chance genutzt / den Traum gelebt zu haben“ zu bringen (es ist schließlich ein US-amerikanischer Film), aber angesichts der vor allem von Hilary Swank gezeigten Verkörperung dieser „Message“ ist man gerne geneigt, ein Träne abzudrücken.


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