HAUS AUS SAND UND NEBEL

Haus aus Sand und Nebel         (House of sand and fog, USA, 2003)

Regie: Vadim Perelman
Buch: Vadim Perelman u. Shawn Otto. Romanvorlage: Andre Dubus III
Mit: Jennifer Connelly (Kathy Nicolo), Ben Kingsley (Colonel Massoud Behrani), Ron Eldard (Deputy Lester), Frances Fisher (Connie Walsh), Shohreh Aghdashloo (Nadi Behrani), Jonathan Ahdout (Esmail Behrani) u.a.
126 Minuten        (7 von 10 Punkten)

Haus aus Sand und Nebel
(Bildrechte: Kool Filmdistribution)

Ein Behördenirrtum, eine simple Verwechslung zweier Adressen bildet den Ausgangspunkt um jenen Bungalow an der kalifornischen Pazifikküste, der fortan weitaus mehr ist als nur der Zankapfel zwischen zwei Parteien. Das Haus bedeutet aus unterschiedlichen Gründen sowohl für den neuen Besitzer Colonel Behrani als auch für die unrechtmäßig aus dem Haus geworfene Kathy die Lebensgrundlage, für deren (Wieder-)Erhalt im Laufe der Geschichte immer verzweifelter gerungen wird und auf ein dramatisches Ende zugesteuert wird, dessen Ausgang kaum mehr von rationaler Konsequenz durchdrungen zu sein scheint. Wenn die „Kino aktuell“ in der Ausgabe 10/2005 von einem „Drama von shakespeare-haften Dimensionen“ schreibt, dann ist das nicht zu weit hergeholt.

Ein Stoff mit dem Potential, zu einem Gerichtsthriller à la John Grisham ausgewälzt zu werden, man hätte eine polarisierende David-gegen-Goliath-Geschichte machen können oder mindestens einen erbitterten Psycho-Krieg wie in The death and the maiden (dt.: Der Tod und das Mädchen, 1994). Jede Variante würde ihr Publikum gefunden haben. Regisseur Perelman hielt sich jedoch dankenswerterweise an die vorzügliche Romanvorlage von Andre Dubus (Dialoge werden beinahe wörtlich übernommen) und legt besonders in der ersten Hälfte Wert auf eine sorgsame Zeichnung der Hauptakteure.

Das wird besonders deutlich in der Schilderung des ehemaligen iranischen Oberst Behrani, der als „Okkupant“ des Hauses und physisch Stärkerer (Mann, Patriarch seiner Familie) zunächst negative Attribute auf sich vereint. Im Buch, das in wechselnder Ich-Erzählperspektive Behrani und Kathy zu Wort kommen lässt, wie auch im Film wird jedoch sehr schnell deutlich, welche Motive und Handlungszwänge ihn dazu führen, unerbittlich auf die Rechtmäßigkeit seiner Besitznahme zu bestehen. Es geht ihm als Mann der Ehre um die Existenz seiner Familie und Wahrung des sozialen Standes, den er sich bis dahin eigentlich gar nicht mehr leisten konnte. Dafür nahm er ein Doppelleben in Kauf, nahm Arbeiten an, für die er früher als privilegierter Offizier unter dem Schah-Regime seine Diener hatte. Das zwangsversteigerte Haus mit dem großen Wiederverkaufswert ist vielleicht der letzte Strohhalm, um eine Perspektive für die Zukunft zu haben. Unnötig zu erwähnen, dass der wie immer über-zeugende Ben Kingsley die passende Besetzung ist.

Seine „Gegenspielerin“ ist die von ihrem Ehemann verlassene, ehemals kokain- und alkoholabhängige Putzfrau Kathy, die nach der Zwangsräumung ihres Hauses völlig isoliert auf der Straße sitzt. Gespielt wird sie von Jennifer Connelly, die für eine dermaßen vom Schicksal gebeutelte Frau über den Handlungszeitraum bemerkenswert (zu) gut aussieht. Da beeinträchtigt die Optik zugegebenermaßen ein bisschen die Glaubwürdigkeit. Erfreulich bleibt indes, dass Perelman auch hier keine „Rambo-ine“ erwachsen lässt, die ihr Schicksal brachial in beide Hände nimmt, sondern sie nur im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten denken und handeln lässt.

Haus aus Sand und Nebel vereint weitreichend Elemente einer melodramatischen Tragöde in sich, weil es dem Film gelingt, echte Gefühle zu transportieren. Dabei gelingt es, auf einem schmalen Grad zu bleiben, der so viel „Mitgefühl“ für beide Parteien zulässt, ohne die kritische Distanz zu deren Handlungsmotiven zu beeinträchtigen.
Irgendwann laufen die Dinge dann aber doch aus dem Ruder, die vormals sanfte Eskalation nimmt abrupt Fahrt auf. Spätestens dann, wenn die Schusswaffe in die falschen Hände kommt, empfindet man den Spannungsgewinn als unangenehme Konsequenz, dass die Leidenschaft Oberhand gewonnen hat. Bilder des klassischen Theaters halten Einzug (wie oben zitiert: Shakespeare), deren zuweilen etwas pathetische Ausgestaltung Geschmackssache sind. Dergleichen überdeckt das bis dahin ausgewogene Zusammenspiel von Handlung und Charakteren.


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