VERSCHWÖRUNG IM BERLIN-EXPRESS

Verschwörung im Berlin-Express         (Skenbart – en film om tog, Schweden, 2004)

Buch und Regie: Peter Dalle
Mit: Gustaf Hammarsten (Gunnar), Robert Gustafsson (Soldat), Kristina Törnqvist (Karin), Magnus Roosmann (Henry), Anna Björk (Marie), Lena Nyman (Märit), Lars Amble (Sixten), Gösta Ekman (Pompe) u.a.
102 Minuten        (7 von 10 Punkten)

Verschwörung im Berlin-Express
(Bildrechte: Neue Visionen)

Der Anti-Held der von Regisseur Peter Dalle in gepflegtem Schwarz-Weiß in Szene gesetzten Verschwörungskomödie hat in der ersten Einstellung Werke von Plato, Kant und Wittgenstein auf dem Schreibtisch liegen, kündigt aber brieflich seinen Rücktritt als Kritiker bei einem schwedischen Verlag an, um im zerbombten Berlin des Dezembers 1945 beim Aufbau des neues Europas seinen Lebensinhalt zu finden. Als Post Scriptum empfiehlt er dem Verleger, auf die Herausgabe von Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ zu verzichten, die Geschichte mute doch allzu skurril an und bewege sich abseits jeglichen Leserinteresses.

Gunnar heißt der sich berufen Fühlende, er ist ein liebenswürdiger Vollchaot, wie er im Buche steht. Seine Reise und die mehrheitlich von ihm verursachten verheerenden Ereignisse bilden den einen Strang des Films. Parallel dazu überredet der böse Arzt Henry seine Geliebte Marie dazu, seine ebenfalls im Zug sitzende Ehefrau umzubringen, natürlich so, dass alles wie Selbstmord aussieht. Unter dem Dach der von diesen Eckpfeilern getragenen Handlung tummeln sich weitere kauzige Mitreisende im Berlin-Express, die teils aktiven Anteil an den Geschehnissen nehmen, teils nur kleine, aber dennoch feine Tupfer im Gesamtbild bilden.

Ein besonderer Verdienst von Regisseur Dalle, der es sich nicht nehmen ließ, als dienstbeflissener Schaffner selbst im Film aufzutreten, ist zweifellos, dass er seine Charaktere mit der gleichen spitzen Feder und mit Liebe fürs Detail gezeichnet hat. Natürlich mit der für eine Komödie eigenen Prise Verschrobenheit, aber dennoch nicht so, dass wir es nur mit Witzfiguren zu tun haben. Es wurde ein Ensemble geschaffen, das in der Gesamtheit einen großen Facettenreichtum besitzt und den Film zu tragen vermag.
Den noblen Rollen werden dann auch Zeilen ins Drehbuch geschrieben, die sich zum Teil echt gewaschen haben. Es gibt besonders in der ersten Hälfte des Films Phasen, in denen sich zwischen den Akteuren in den Abteilen Dialoge entspinnen, deren rhetorische Schärfe und Raffinesse seines Gleichen suchen. Ob es nun der misanthropische Egoist Sisten ist, der diabolische Arzt Henry in der Auslegung von Gottes Wille oder die lebenskluge Grand-Dame Märit: Man hört ihnen mit wachsender Begeisterung und Erheiterung zu und freut sich insgeheim auf ein Wiedersehen.

Allerdings verschreibt sich der Film in der zweiten Hälfte (und mit der Durchführung des Mordkomplotts) dem Primat des Tempos, welches einher geht mit einer immer zerstörerischen Art von Humor, mit „running gags“ und der beinahe Verwendung von Slapstick-Elementen. Es ist mindestens Geschmackssache, ob der bislang so leichtfüßig inszenierte Film durch den Einsatz dieser Komik gewinnt oder nicht. Mir jedenfalls erschienen die Unberechenbarkeit und der Ideenreichtum für eine Zeit lang aufgehoben zu sein, weil ich mir sicher sein konnte, dass fortan nur noch der GAU die Maxime ist.

Aber wie auch den ganzen Film, so sollte man diesen Hänger nicht allzu ernst nehmen, am Ende findet Peter Dalle wieder zu alter Form zurück und hat als besonderes Schmankerl noch einen farbigen Epilog parat. Alles in allem wird das Flair der Zeit unprätentiös und vom Budget her erschwinglich eingefangen, das Schwarz-Weiß-Material steuert seinen Teil zur Illusion der Authentizität bei (auch wenn der fahrende Zug aus der Totalen merkwürdig an den Polarexpress (2004)) erinnert. Eine sparsame musikalische Orchestrierung unterstreicht die Hommage an die klassischen Vorbilder, die ich dem geneigten Cineasten an dieser Stelle nicht extra aufzuzählen brauche.


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