KAMMERFLIMMERN

Kammerflimmern        (Deutschland, 2004)

Regie und Drehbuch: Hendrik Hölzemann
Mit: Matthias Schweighöfer (Crash), Jessica Schwarz (November), Jan Gregor Kremp (Fido), Florian Lukas (Richie), Bibiana Beglau („Dr. Tod“) u.a.
100 Minuten        (7 von 10 Punkten)

Die Handlung ist schnell erzählt: Der 26-jährige Crash, der seit Kindesbeinen ein Unfalltrauma mit sich herumträgt, arbeitet als Rettungssanitäter auf den Straßen von Köln. Eines Tages trifft er während eines Einsatzes auf die Frau seiner Träume. Eine simple Liebesgeschichte also?

Nein, dies ist nur ein Aspekt. Denn schon während der ersten Minuten wird deutlich, dass man gar nicht genug Geld in das Gesundheitswesen pumpen kann, wenn einem das eigene Leben lieb ist. Und darauf hoffen, dass mit dem Kapital die chronisch unterbesetzten Krankenhäuser, Pflegebereiche und Rettungsdienste aufgestockt und besser bezahlt werden. Auch ohne Experte zu sein gewinnt man rasch den Eindruck, dass die gezeigten Bilder der Einsätze nur einen Bruchteil der Bandbreite darstellen, mit denen es die Helfer zu tun haben. In schneller Abfolge wird der Rettungswagen mit Crash und wahlweise seinen Kollegen Fido oder Ritchie durch die Straßen von Köln geschickt, die fortwährende Stimme des Einsatzkoordinators degradieren die Kräfte zu funktionierenden Rädchen in einem Getriebe, das reibungslos funktionieren muss, will man rechtzeitig an Ort und Stelle sein.

Der Film stellt die Arbeitsweise ohne Pathos und Fatalismus dar, Crash und Kollegen hantieren „an der Front“ bei unterschiedlichsten Bedingungen effektiv und routiniert und versuchen jeder auf eigene Weise, mit dem Druck fertig zu werden. Köln bietet ein realistisches Pflaster des „Wir müssen jetzt wieder los, da draußen herrscht Krieg“ und es tut gut, dass zurückhaltend mit den neondurchfluteten Nachtbildern umgegangen wurde, die in US-amerikanischen Filmen so gerne und stereotyp das Szenario des Großstadtdschungels herbeizaubern.

Die Rolle des Fido, des abgeklärten, zynischen Routiniers, ist mit Jan Gregor Kremp (mal wieder) passend besetzt. Ebenso ist es bei Florian Lukas, dessen medienbegabter Denis aus Good bye, Lenin! (2003) quasi an neuer Wirkungsstätte wieder aufersteht. Aber im Grunde ist es der Film des Matthias Schweighöfer. Er spielt in Kammerflimmern* die Rolle seines bisherigen Lebens und es macht Freude, dass es im ernsthaften Fach noch weitere Juwelen gibt neben den inzwischen etablierten Herren Brühl, Diehl und Stadlober. Seine Figur ist die einzige, die bei ihrem beruflichen Handeln noch humanitäre Motive zu berücksichtigen scheint, die vom Drehbuch eine Vergangenheit erhalten hat und die im Laufe des Films eine Wandlung durchlebt. Eine große Bürde auf den schmalen Schultern des Darstellers, die er aber mit Einfühlungsvermögen und mit Hilfe häufiger Close-up’s souverän zu tragen versteht. Der zu häufig eingeflochtenen Rückblenden hätte es zwar nicht mehr bedurft, nachdem das Publikum die Sache mit Crashs Kindheitstrauma einmal geschluckt hat. Aber das stört nur unwesentlich.

Die weibliche Hauptrolle spielt Jessica Schwarz. Sie tritt erst auf, als Schweighöfer schon das Publikum auf seiner Seite hat, besticht aber durch eine emotional expressive Darstellung der schwangeren November; so durchdringend hemmungsloses Heulen und Schreien, das ist mir seit langem nicht mehr untergekommen. Schade, dass das Drehbuch ihr nicht ein paar Zeilen und Minuten mehr gegönnt hat, um die Annäherung der beiden Protagonisten deutlicher zu illustrieren. Schade um dieses interessante neue Gesicht auf der Leinwand. In der vorliegenden Fassung ist man leicht versucht, ihre Rolle auf die erlösende Funktion der „Frau aus Crashs Träumen“ zu beschränken. Wozu auch die ins Transzendentale abdriftende Schlusssequenz Anlass gibt. Ich denke, diesen Vorwurf muss sich der ansonsten beachtenswerte und weit über TV-Niveau liegende Film gefallen lassen.

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* Kammerflimmern ist, wenn das Herz im Erregungszustand überhaupt kein Blut mehr fördert, weil es sich nicht mehr gleichzeitig kontrahiert, sondern viele kleine Herzabschnitte unabhängig und zeitlich versetzt voneinander schlagen.
vgl. Schmidt: Medizinische Biologie des Menschen. 2. Aufl. München, 1983, S. 80


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