MATHILDE – EINE GROSSE LIEBE

Mathilde – eine große Liebe     (Un long dimanche de fiancielle / A very long engagement, F, USA, 2004)

Regie: Jean-Pierre Jeunet
Buch/Adaption: Jean-Pierre Jeunet, Guillaume Laurant. Nach dem Buch von Sébastien Japrisot. Dialoge: Bruno Delbonnel
Mit: Audrey Tautou (Mathilde), Gaspard Ulliel (Manech), Dominique Pinon (Sylvain), Chantal Neuwirth (Bénédicte), Ticky Holgado (Germain Pire), Jodie Foster (Elodie Gordes) u.v.a.
133 Minuten      (6 von 10 Punkten)

Kann man überhaupt Worte über Mathilde verlieren, ohne Amélie zu erwähnen? Es ist schlichtweg unmöglich. Die Erinnerung an den Publikumserfolg von 2001 wird auf Schritt und Tritt geweckt und Mademoiselle Tautou das Image der rehäugigen, stupsnasigen Fee nicht los. Es ist nicht nur die bezaubernde Hauptdarstellerin, auch weitere (formale) Elemente gleichen denen in Amélie: Sei es die Einflechtung einer Erzählerin, die dem Publikum hilfreich zur Seite steht, die kurzportrait-hafte Vorstellung der fünf zum Tode Verurteilten oder die unverhoffte Inbesitznahme eines Paketes mit Erinnerungsstücken, die der Protagonistin den entscheidenden Impuls zur Aktion gibt. Man trifft mit Rufus, Ticky Holgado und Dominique Pinon alte Bekannte wieder. Die heile, bonbonfarbene Welt des Montmartre wird um 80 Jahre zurück und an die Küste der Bretagne versetzt. Humorig ergänzt durch einen rasanten Postboten aus der Schreibe des Jacques Tati und durch Mathildes Onkel und Tante in ihrer pittoresken Bauernkate, die aus „Ein Schweinchen namens Babe“ (1995) entsprungen scheinen.

Wen wundert es, dass in diesem Kleinod eine Liebe ihren Ursprung hat, die später der Hoffnung Quelle genug sein wird, den verschollenen Verlobten nach den Wirren des 1. Weltkrieges noch lebendig zu finden. Jeunet und sein Amélie-bewährtes Team um Kameramann Bruno Delbonnel zaubern hier Bilder von ausnehmender Poesie (diese Leuchttürme!…) und Zweisamkeit auf die Leinwand, die allerdings manchmal haarscharf an der Kitschgrenze vorbeischrammen (die Tuba …?). Dass die Klamotten (und die Mieder) der frühen Zwanziger und auch die gezwirbelten Bärte der Männer ihren Teil zum Amüsement des Betrachters beitragen, dafür kann Jeunet allerdings nichts, die Anstrengungen, die Epoche in Maske, Kostüme und Ausstattung wieder aufleben zu lassen, sind schon fast zu gelungen. Jede Einstellung, die nicht eine kriegerischen Handlungen darstellt, ist so sauber photographiert, als wolle man dadurch die unbefleckten Gefühle und edlen Absichten von Mathilde noch verstärken. Und zaubert optisch eine Märchenwelt, in der sich die Hauptdarstellerin mit trotziger Unbeirrbarkeit den schicksalhaften Aufgaben stellt.

Was bei Amélie noch bestens funktioniert hat, nämlich der private Feldzug einer jungen Frau für das Gute in ihrer kleinen Welt, scheitert allerdings bei Mathilde angesichts der schrecklichen Leiden, die sich während des 1. Weltkrieges in den Schützengräben und auf den Schlachtfeldern abgespielt haben. Bar jeder Nostalgie bringt Jeunet hier Bilder auf die Leinwand, die seit Stanley Kubricks Wege des Ruhms (1957) nicht mehr zu sehen waren. Allein die Kamerafahrt durch den regengefluteten Graben, in dem die Männer in dumpfer Lethargie vor sich hin starren, ist das Eintrittsgeld wert. Wieder legt man Wert auf Details, die das Vegetieren in dieser menschenverachtenden Umgebung unmittelbar deutlich machen. Leider kann der Handlungsaufbau mit der Qualität der Photographie nicht mithalten: Einerseits wird der grelle Realismus immer wieder abgelöst durch die keimfreie Welt der Mathilde, deren fortwährende Suche mit Szenen aus dem Krieg verschachtelt ist. Andererseits wird in Rückblenden aus verschiedenster Perspektive auf das Schicksal ihres Verlobten Manech und seiner Kameraden geblickt, was zwar prinzipiell zur Spannungssteigerung beiträgt, aber auch (und vor allem?) beträchtliche Konzentration und eine gutes Namensgedächtnis beim aufmerksamen Betrachter erfordern.
Mit anderen Worten: Die Verbindung von Kriegs- und Liebesgeschichte führt zu einer Disharmonie mit den unvereinbaren Schwerpunkten Schlachtenszenario auf der einen Seite und Amélie-Welt auf der anderen. Über weite Strecken hat man den Eindruck, es mit zwei gänzlich verschiedenen Filmen zu tun zu haben, deren Interaktion (z.B. durch die drei M, die pulsierende Hand) nur selten fühlbar wird. Zudem lassen Jeunet und sein Co-Autor Laurant das Geschick, das sie bei der bildlichen Umsetzung hatten, dann bei der Handlungsführung vermissen: Die kriminalistischen Raffinessen beim Ringen um Auflösung erzeugen bald mehr Verwirrung statt Klarheit, was dem Miterleben der Story als Ganzem einen Abbruch tut.


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