MARIA VOLL DER GNADE

Maria voll der Gnade         (Maria full of grace, USA/Kolumbien, 2004)

Buch und Regie: Joshua Marston
Mit: Catalina Sandino Moreno (Maria Alvarez), Yenny Paola Vega (Blanca), Wilson Guerrero (Juan) Guilied Lopez (Lucy), John Alex Toro (Franklin), Patricia Rae (Carla Aristizábal), Jaime Osorio Gómez (Javier), Orlando Tobon (Don Fernando) u.a.
101 Minuten        (8 von 10 Punkten)

Ein Film, der den Zuschauer mit einem äußerst unguten Gefühl in der – ähem – Magengegend zurücklässt. Wenn er nicht sogar Angst macht. Mir zumindest machte Maria voll der Gnade Angst. Weil er nämlich so undogmatisch daherkommt, nicht den Zeigefinger hebt und die Schlechtigkeit des gezeigten Tuns ankreidet, sondern uns die junge Maria als unser aller neue Freundin vorstellt. Wir weichen ihr fortan nicht mehr von der Seite, kaum eine Szene, in der wir uns ihr Handeln nicht zu eigen machen. Der Identifizierungsgrad ist deshalb so groß, weil Maria eben keine Heilige, keine Heldin ist, sondern eine Frau mit nachvollziehbaren Ambitionen und Motiven, und der Weg in die Kriminalität bzw. Illegalität vollzieht sich so dermaßen „sanft“, dass wir geneigt sind, ihr mit beiden Händen die Daumen für gutes Gelingen zu drücken.

Aber Halt! Augen auf! Wir haben es mit einem Drogenkurier (Maultier) zu tun. Einem Menschen, der kleine Plastikpäckchen, gefüllt mit Kokain oder Heroin, in Magen und Gedärmen transportiert, damit der Handel mit dem Teufelszeug in den Vereinigten Staaten weiter floriert. Frauen schlucken mindestens 50 Stück der jeweils 10 Gramm schweren Päckchen, große Männer auch mal die doppelte Menge. „Am Zielort lieferst du die Ware ab, kriegst dein Geld, ein cooler Job“, berichtet beiläufig Franklin, der die Rolle des Anwerbers übernimmt, während einige Szenen später der altväterliche Javier mit sonorer Stimme ihr das Schlucken der prall gefüllten weißen Plastikzäpfchen erklärt. Maria erhält für ihre 63 Stück umgerechnet 5000 Dollar, die Hintermänner ein Vielfaches mehr, und auf die Süchtigen wartet am Ende vielleicht der Tod.
Dieses Geschäft darf man nicht aus den Augen verlieren, wenn man mit Maria zittert, die im Flieger mit Magenkrämpfen zu kämpfen hat, vom US-Zoll auf Verdacht hin aufs Peinlichste verhört und untersucht wird und die von den Dealern in New York nicht mehr mit denselben Samthandschuhen in Empfang genommen wird, von denen sie in Kolumbien in den Flieger entlassen wurde.

Aber Regisseur und Autor Joshua Marston gelingt es in seinem überzeugenden Erstlingsfilm, über die Sympathie für die Kuriere eine immanente Distanz zum Drogenhandel zu bewahren. Der Kurierdienst als Flucht aus Armut und Ausbeutung durch Niedriglohn-Jobs vor Ort, der relative Reichtum von Lucy, die schon zwei Mal Ware transportiert hat, das erscheint als zwar nicht ungefährliches, aber doch lukratives Unterfangen. Wir nachvollziehen, ja beinahe gutheißen Marias Entscheidung. Das Schlucken der weißen Päckchen hat beinahe etwas Sakrales, als eine erlösende Handlung.
In der Woche in New York bis zum Rückflug kehrt sich das Bild in Dreckige um, was nicht nur mit dem „Ausscheißen“ (sorry, ist aber O-Ton) zusammenhängt. Die Handlung erfährt eine deutliche Temposteigerung, Dinge laufen für die Protagonistinnen aus dem Ruder, die (indirekt) den Tod transportierenden Kuriere werden fatal gewahr, mit wem/auf was sie sich eingelassen haben.

Steven Soderbergh hat im Jahre 2000 mit Traffic einen vielschichtigen, sich auf drei Handlungsebenen bewegenden Thriller zum Thema Kampf gegen die Drogen gedreht, der von der Vehemenz oftmals die Wirkung eines Schlages in die Magengegend hatte. Marston bekennt indirekt ebenfalls, dass mit einem Frontalangriff der Seuche Drogenhandel nicht beizukommen ist, sein Umgang mit der Problematik fußt aber auf einem individuelleren, humanitären Ansatz. Die Rolle der Maria entbehrt nicht der Unsicherheit und Sehnsüchte einer 17-jährigen Frau wie auch der Entschlossenheit einer werdenden Mutter, die sich unter Lebensgefahr behaupten muss. Sozial bedingte (Fehl-)Entscheidungen sind durch sie ebenso verkörpert wie der Wille zur Umdenken, wenn ihr auf ehrliche Art geholfen wird. Und in dieser sozialen Hilfestellung sieht Marston einen Weg, der Rekrutierung weiterer menschlicher Zeitbomben zuvorzukommen.
Die Wahl seiner Hauptdarstellerin Catalina Sandino Moreno bescherte ihm die Inkarnation seiner Filmfigur, die Leistung der Newcomerin konnte mit dem Gewinn des Silbernen Bären und einer Oscar-Nominierung genügend unter Beweis gestellt werden.


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