2046

*** 2046 * China / Deutschland / Frankreich / Hongkong 2004 * Musik: Connie Francis, Dean Martin, Nat King Cole, Zbigniew Preisner, Georges Delerue, u. a. * Kamera: Christopher Doyle * Drehbuch und Regie: Wong Kar Wai * Darsteller/-innen: Tony Leung, Gong Li, Takuya Kimura, Faye Wong, Zhang Ziyi, Maggie Cheung, u. a. * [teilw. s/w] * [dF, mit einer Sequenz im jap. Originalton] * 129 Minuten * (7 von 10 Punkten) ***

2046
(Bildrechte: Polyfilm Filmverleih)

Synopsis: Hongkong 1966. Der Journalist und Schriftsteller Mo Wan Chow (Asiens Antwort auf Clark Gable: Tony Leung) verzehrt sich innerlich nach seiner großen, unerfüllt gebliebenen Liebe, der verheirateten Li-zhen Chan Su (Maggie Cheung) – beide waren sechs Jahre zuvor IN THE MOOD FOR LOVE.

Aus Chow ist ein verbitterter womanizer geworden. Er verliert sich in zahlreichen Affären, treibt sich in Spielkasinos und Nachtclubs herum, immer auf der Suche nach einem „Ersatz“ für Li-zhen Chan, den er in gleich drei Frauen gefunden zu haben meint. Doch die Frauen, die er zu lieben glaubt, die ausgerechnet in einen Japaner verliebte Tochter (Faye Wong) seines Hoteliers und die latent unglückliche Falschspielerin Li-zhen Su (Gong Li), weisen ihn ab, während er wiederum die unglückliche Liebe der Edel-Prostituierten Bai Ling (Zhang Ziyi), die im Hotel-Nebenzimmer mit der Nummer 2046 abgestiegen ist, immer wieder aufs kälteste zurückweist.

In seinen phantasievollen science fiction-Romanen (welche nicht umsonst die Titel „2046“ bzw. „2047“ tragen), verquicken sich bald mehr oder weniger ungewollt Vergangenheit und Gegenwart: Auch in seinen fiktionalen Zukunftsvisionen können Chow und seine Geliebten nicht miteinander glücklich werden.

Ein rauschhafter Reigen aus Gefühlen, Erinnerungen und Leidenschaften entsteht, in welchem bald sämtliche Zeitschranken aufgehoben scheinen …

Kritik: Kinotrailer, so sie denn gut gemacht sind (und der Trailer für 2046 gehört definitiv dazu), können wie eine Droge wirken: Sie versprechen rauschhafte Zustände, doch der Morgen danach zeichnet sich in erster Linie leider durch den hangover aus.

Zum Kotzen ist das Aufwachen im eigentlichen Film 2046 dann natürlich nicht, dennoch war ich ein wenig enttäuscht von Wong Kar Wais Quasi-Fortsetzung von IN THE MOOD FOR LOVE – gegen sein Meisterwerk CHUNGKING EXPRESS nämlich, kann 2046 in keiner Sekunde bestehen.

2046 ist vorzuwerfen, dass er zuviel sein will: Liebesdrama, science fiction- und Historienfilm (er spielt hauptsächlich in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts) mit politischem Unterton (2046 ist das Jahr, in dem die 50jährige „Schonfrist“ seitens des chinesischen Regimes gegenüber der 1996 wieder von Großbritannien an China zurück gegebenen Kronkolonie Hongkong endet).

Einlösen kann er aber von diesen Versprechen höchstens die Kategorie Liebesdrama, doch das Begehren der Protagonisten/-innen tritt hinter die Form ihrer nahezu überprätentiös zu nennenden Darstellung zurück. WKW gefällt sich allzusehr als Puppenspieler, der seine (im übrigen hervorragende und wunderschön anzusehende) Schauspielerriege an seinen Fäden tanzen lässt: Das Wie des Leidens um der Liebe willen steht im Gegensatz zum Warum bei WKW im Vordergrund.

Die Liebe entflammt nicht auf der Leinwand, sie wird von einer wenig menschlichen Kälte in Schach gehalten, eher deskriptiv-exemplarisch abgebildet und immer wieder in Richtung der Aussage „ewige und wahre Liebe ist an sich unmöglich“ neu interpretiert. Hier bleibt WKW an der Oberfläche, hier passiert eindeutig zu wenig, weswegen 2046 bisweilen auch äußerst zäh und langatmig daher kommt. Die 129 Minuten sind mindestens 29 Minuten zu lang geraten, zumal es dem Streifen nahezu völlig an Humor mangelt, den WKW durchaus besitzt, wie man eben in CHUNGKING EXPRESS sehen konnte.

Was 2046 dann aber doch zu einem sehenswerten Film macht, ist neben seiner liebenswert- altmodischen Umsetzung des „Mann liebt Frau-Frau liebt anderen Mann / Frau liebt Mann-Mann liebt andere Frau“-Sujets – die sich eindeutig an Klassikern wie CASABLANCA orientiert und so gar nichts mit dem heutzutage leider nahezu alltäglichen und wenig poetischen Zwang zur auf der Leinwand abgebildeten (über-)harten Realität des Liebens und Hassens zu tun hat – ist das Gewand, in das WKW 2046 kleidet.

Dieses Gewand schimmert in allen nur erdenklichen cinéastischen Farben. 2046 ist ein Augen- und Ohrenschmaus, mit einer schier unfassbaren Kameraführung (WKWs Mann fürs Fach, Christopher Doyle, ist nichts weiter als ein begnadetes Genie, was dieser Kerl mit den Bildern macht, ist pure Kinomagie!) und einem Soundtrack aus extra für den Film komponierter Musik („score“), Opernarien und Sixties-Klassikern, der so wunderschön ist, dass ich eigentlich ein neues Wort („wunderschön“ kommt der Musik-Spur von 2046 nicht im geringsten nahe!) erfinden müsste, um ihn hinlänglich beschreiben zu können.

WKW ist und bleibt natürlich auch bei 2046 ein Meister seines Fachs, in Sachen Filmdesign macht ihm auf der ganzen Welt niemand etwas vor, und auch im Bereich Schauspielführung kann er glänzen, vor allem angesichts dieses illustren Ensembles, dass er sich vor die Kamera hat holen dürfen: Tony Leung (u. a. CHUNGKING EXPRESS), Gong Li (u. a. LEBEWOHL, MEINE KONKUBINE), Chinas Antwort auf Björk, Faye Wong (u. a. CHUNGKING EXPRESS), Zhang Ziyi (u. a. HOUSE OF FLYING DAGGERS, TIGER AND DRAGON) und Maggie Cheung (u. a. IN THE MOOD FOR LOVE) brillieren ohne Ausnahme – hier sind Asia’s finest (und most beautiful zugleich) am Werk, und das spürt man dankenswerterweise in jeder Sekunde. Sie alle können 2046 aber vor einer mangelnden inhaltlichen Tiefe nicht retten, was angesichts der oben hoffentlich hinreichend beschriebenen Ausnahmestellung sämtlicher Protagonisten vor und hinter der Kamera einfach nur jammerschade ist.

Ein weiterer negativer Aspekt ist die deutsche Krankheit, nahezu jeden fremdsprachigen Film der hierzulande einen Verleih gefunden hat, zu synchronisieren. Warum scheinbar nur Jim Jarmusch gegen diesen bedauernswerten Trend zu Felde zieht und seine Filme größtenteils Gott sei dank im Original mit Untertiteln veröffentlicht werden, bleibt mir ein Rätsel. – Wie dem auch sei, bei 2046 wirkt die deutsche Synchronfassung jedenfalls (wie auch schon bei JERSEY GIRL) vor allem am Anfang reichlich hölzern. Der Film taucht so tief in das Hongkong der 60er Jahre ein, dass man die dargestellten Orte und Menschen beinahe riechen kann und dann sprechen sämtliche auf Zelluloid gebannten Figuren in diesem für hiesige mitteleuropäische Augen und Ohren so völlig fremden Kulturkreis lupenreinstes Hochdeutsch: Die Exotik geht zumindest auf der Tonspur dadurch völlig flöten.

Fazit: Dennoch bleibt ein letzten Endes positiver Gesamteindruck – Bilder und Musik von 2046 sind einfach zu faszinierend, als dass man wirklich enttäuscht sein kann. Die einzig wirklich berührende Liebesgeschichte bleibt aber nunmal die zwischen Tony Leung und Zhang Ziyi, mit Abstrichen ist auch noch die Story mit der hinreißenden Faye Wong emotional nachvollziehbar, doch angesichts der Tatsache, dass WKW noch viel mehr amour fou in 2046 untergebracht hat, wobei er sämtliche Geschichten auch nochmal in einem science fiction-Film-im-Film-setting spiegelt und kunstvoll miteinander verwebt, hat das Ganze einfach inhaltlich zu wenig Tiefgang, als dass man von einem neuen Wong Kar Waischen Meisterwerk sprechen könnte.

P.S.: 2046 ist ferner ein „Raucherfilm“. Hier wird wie in Klassikern der „schwarzen Serie“ (dafür aber hier in allen nur erdenklichen schillerndsten Farben) so hingebungs-und lustvoll an diversen Rauchwaren gezogen, dass man als Kinozuschauer einfach nicht mit dem Rauchen aufhören kann, sollte man sich gerade in solch einer prekären Phase befinden.

Naja. Das nur am nikotingefärbten Rande. Wahrscheinlich wird die Weltgesundheitsorganisation 2046 eh bald verbieten …


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