HAUTNAH

Hautnah     (Closer, USA 2004)

Regie: Mike Nichols. Buch: Patrick Marber nach seinem gleichnamigen Bühnenstück. Kamera: Stephen Goldblatt. Produktion: Cary Brokaw und John Calley
Mit: Julia Roberts (Anna), Jude Law (Dan), Natalie Portman (Alice), Clive Owen (Larry) u. a.
104 Minuten      (5 von 10 Punkten)

Kritik: Ein viel versprechender Beginn: Natalie Portmans Alice, wie sie als Fixpunkt auf einem überfüllten Londoner Gehweg auf die Kamera zuschreitet. Man fühlt sich angesichts ihrer bunt gefärbten Haare und blau-weißen Jacke an Clementine Kruczynski in VERGISS MEIN NICHT (2004) erinnert, alle anderen Personen sind nur graue Statisten, die Zeitlupe verstärkt noch ihre Außergewöhnlichkeit. Von fern, wie unbewusst auf sie zusteuernd, nähert sich Jude Law, der schon von ihr fasziniert ist, ohne sie zu kennen. Nach einem unfreiwilligen, aber bannbrechenden Zusammenstoß schließen sich entspannte 10 Minuten an, die von unterschwelligem Flirt zwischen der jungen Amerikanerin und des wenn auch erfolglosen, aber doch smarten Londoner Nachruf-Journalisten bestimmt sind. Noch ist die Leichtigkeit des Seins erträglich, ja: besitzt Flügel, Bilder aus BEFORE SUNRISE (1995) schmeicheln sich ins Gedächtnis ein.

In Patrick Marbers Universum, das von Altmeister Mike Nichols in Szene gesetzt wurde, ist es aber bald mit den rosaroten Schäfchenwölkchen vorbei: Wegen Anna offenbart Dan seine bislang unbekannte obsessive Seite, und schon die vierte Person im Geschehen, der in seiner maskulinen Sexualität wenig zimperliche Dermatologe Larry, vervollständigt das Quartett, innerhalb dessen sich in der Folgezeit ein immer abstruseres Hin und Her, Auf und Ab, Rein und Raus und wie-auch-immer abspielt. Es mit „Irrungen und Wirrungen im Liebesleben erwachsener Heteros“ beschreiben zu wollen gliche einem Euphemismus. Als unbedarfter Zuschauer sieht man dem Treiben auf der Leinwand zu und fragt sich zunehmend, mit welchen Kranken man es dort eigentlich zu tun hat. Personen, die jeder für sich allein genommen eine halbwegs vernünftige und sympathische Grundkonstitution erkennen lassen, tun sich und ihren Mitmenschen unter dem Einfluss von sexueller Besessenheit und/oder Abhängigkeit Dinge an, die den Glauben an Verzeihung und Neubeginn völlig abwegig erscheinen lassen. Und dennoch wird Gleiches in neuer Konstellation wiederholt, ein Erkenntniszugewinn aus Schuld und Erfahrung ist nicht zu erkennen und die Rechtfertigungsversuche immer von den gleichen Argumenten und Prinzipien bestimmt.

Ein befremdlicher Film, in dem es den Hauptdarstellern nicht gestattet ist, sich außerhalb des Quartetts Rat zu suchen. Sie treffen sich im Ring, haben neue Masken auf, neue Allianzen gebildet oder sind allein unterwegs, aber es wird unentwegt ausgeteilt. Die Bühne als ursprünglicher Aufführungsort von HAUTNAH ist unverkennbar. Wenn auch nicht visuell gezeigt wird, wer mit wem schläft, so ist doch die verbale Gangart zunehmend direkter und beleidigender. Was noch amüsant als Internet-Chat zwischen Dan und Larry über eine Sex-Line begann, wird bald in offener Konfrontation zum Standard, wenn es um die Demütigung des Gegenüber geht. Es wird nicht mit „sexual explicit language“ gespart. Erstaunlicher als die Angriffe ist dabei, dass die/der Attackierte mit gleicher Münze zurückschlägt, statt sich klugerweise gar nicht erst auf diese Ebene herabzulassen.

Wahrheit und Offenheit sind die beiden Begriffe, die die Protagonisten überstrapazieren und als Ideal nehmen, um eine Aussprache bis zum Exzess anzustreben. Indes hat fast ein jeder selbst Leichen im Keller liegen und dokumentiert durch die Wiederholung eigener Verfehlungen eine Unvernunft, die er seinem Gegenüber vorwirft. Die dramaturgisch vorgegebene Unmöglichkeit der vier Akteure, aus ihrem Mikrokosmos auszubrechen, mag als Erklärung für das Verhalten dienen, sie macht aber die Geschichte für den nüchtern beobachtenden Zuschauer nicht glaubwürdiger. So sehr sich die ausgesuchten Hollywood-Mimen auch mit Haut und Haar in ihre Filmfiguren hineinversetzen, das Drehbuch bietet keinen Ausweg aus dem zum Schluss hin wenig befriedigenden Karussell von Vorwurf und Misstrauen.


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