SHAUN OF THE DEAD

*** SHAUN OF THE DEAD * Großbritannien 2004 * Musik: The Specials, Zombie Nation, Queen, Ash, Chicago, The Smiths, u. a. * Drehbuch: Simon Pegg und Edgar Wright * Regie: Edgar Wright * Darsteller-/innen: Simon Pegg, Kate Ashfield, Nick Frost, Lucy Davis, Dylan Moran, Nicola Kunningham, Morrissey, Coldplay, ein paar weitere Menschen, und viele, viele, viele Londoner Zombies * 99 Minuten * (7 von 10 Punkten) ***

Synopsis: Shaun (Simon Pegg) lebt in London – aber das ist schon das mit Abstand coolste an ihm. Der Endzwanziger ist nämlich das, was man gemeinhin als loser bezeichnet: Seiner Freundin Liz (Kate Ashfield) passiert in ihrer Beziehung zu wenig, und seine einzigen Freunde, das auch nur oberflächlich glückliche Pärchen Dianne (Lucy Davis) und David (Dylan Moran), sind eigentlich Liz’ Freundeskreis zuzurechnen. Wäre da nicht sein fetter, versoffener, mit Haschisch dealender Mitbewohner Ed (Nick Frost), der es immer wieder schafft, ihn auf sein „Niveau“ herunter zu ziehen, sei es vor der Playstation oder bei ihren obligatorischen pub-Besuchen in der schäbigen „Winchester Tavern“.

Shaun arbeitet in einem Elektrofachgeschäft und trottet jeden Morgen wie scheinbar alle anderen Londoner apathisch-verkatert und einem Zombie nicht unbedingt unähnlich zur Arbeit. – Kein Wunder also, dass er erst reichlich spät bemerkt, dass an einem bestimmten Morgen etwas anders ist: Irgendwo in Südengland ist eine Weltraumsonde abgestürzt und hat ein paar ganz, ganz fiese Sporen mitgebracht: Alle kürzlich Verstorbenen erwachen wieder zum Leben und verlangen nach Menschenfleisch. Was dazu führt, dass auch jede(r) Gebissene sich alsbald ebenfalls in eine(n) Untote(n) verwandelt. Bis Shaun und seinen Freunden das allerdings klar wird … ist es eigentlich schon zu spät.

Das Massaker kann beginnen …

Kritik: Gerade wenn man noch das ziemlich fürchterliche Hollywood remake von George A. Romeros Klassiker DAWN OF THE DEAD des armseligen Regie-Debütanten Zack Snyder aus dem letzten Jahr im Hinterkopf hat, zeigen sich die Qualitäten dieser britischen Zombie-Komödie. Denn Pegg und Wright machen im Vergleich zu diesem Pseudo-Horrorschocker nahezu alles richtig, obwohl ihnen am Ende leider sichtbar die Puste ausgeht.

Doch der Reihe nach: Die erste halbe Stunde ist mit „hinreißend“ noch reichlich untertrieben beschrieben; der Film zieht sein Potential nahezu völlig aus diesen ersten dreißig Minuten, die dabei im übrigen noch völlig ohne Zombies auskommen, naja … wie man’s nimmt. Denn die apathischen Londoner Arbeitermassen auf dem Weg zur Arbeit, ebendort und auf dem Weg zurück in die vermeintliche Heimeligkeit ihrer Behausungen (also in den nächstgelegenen pub) ähneln den erst später auftretenden Untoten wie ein eineiiger Zwilling dem anderen – die Zivilisations- und Kapitalismuskritik trägt hier schon fast DDR-Propaganda-mäßige Züge, mit dem unschlagbaren Vorteil allerdings, dass man sich dabei gleich mehrere Äste ablacht: British humor at its best!

Hinzu kommt eine völlig geniale, bisweilen halsbrecherische Schnittechnik, die sich ständig der Maxime „Eigentlich machen wir hier ja einen Horrorfilm, nur die bösen Protagonisten sind noch nicht auf der Bildfläche erschienen“ verpflichtet fühlt und Spannung aufbaut, wo überhaupt nichts passiert: Eine (gerade in England …) völlig alltägliche Geste à la ein Bier wird auf den Tresen gestellt erfährt durch diesen hervorragenden Pseudo-suspense gleich die Wirkung eines Schockeffekts: Überall vermeint man Zombies zu erblicken, dabei sind es nur Werktätige (oder Arbeitslose) bei ihren verzweifelten Versuchen, den Tag rumzukriegen …

Zudem lässt sich SHAUN OF THE DEAD angenehm Zeit mit der Einführung der Figuren. Shaun (der witzigerweise Bruce Willis von Minute zu Minute immer ähnlicher wird, vielleicht liegt’s aber auch nur an den immer zahlreicher werdenden Blutspritzern auf seinem weißen Hemd …) bekommt natürlich den größten Anteil zugeschustert, muss sich von allen um ihn herum niedermachen lassen und scheitert bei den kleinsten Anforderungen, die das Leben (seine Freundin (bald Ex-Freundin), seine Mutter, sein Stiefvater und seine Arbeit) an ihn stellt. Doch bevor man anfängt, langsam Mitleid mit ihm zu kriegen, sind die Zombies schon da – im übrigen nicht minder erschreckend und blutdurstig als in ernsthafteren Filmen dieses genres: Aus Sean wird eine slacker-Kampfmaschine … (Überhaupt wirkt der Streifen wie eine gelungene Mischung aus eigentlich unvereinbaren Meisterwerken wie CLERKS. und NIGHT OF THE LIVING DEAD.)

Es wird ganz also ganz schön gesplattered in SHAUN OF THE DEAD. Je länger der Film dauert, desto mehr Blut und Gehirn spritzen von der Leinwand. Es gibt sogar ein paar wirklich unappetitliche, an Peter Jacksons aus dem Jahre 1992 stammenden Niemand-wird-meinen-Blutzoll-pro-Filmsekunde-jemals-mehr-brechen-können-Rekordversuch BRAINDEAD erinnernde Eingeweide-, besser gesagt: Ausgeweide-Szenen. Warum DAWN OF THE DEAD ab 18, SHAUN OF THE DEAD aber ab 16 freigegeben ist, bleibt daher mal wieder eines dieser Rätsel der scheinbar völlig willkürlich agierenden FSK, die allen Ernstes JERSEY GIRL ohne Altersfreigabe ins Kino schickte, während DIE UNGLAUBLICHEN ein „Ab 6 Jahren freigegeben“-rating bekam. (Könnte es sein, dass bei der FSK hirnlose Zombies „arbeiten“?)

Diese Brutalo-Szenen wirken sich allerdings nicht irgendwie negativ auf SHAUN … aus, dafür ist der Film als Ganzes einfach zu unterhaltsam, das Problem ist nur, dass je höher der Blutzoll steigt, die Komödienelemente ins Hintertreffen geraten: SHAUN … ist (und hier muss ich ein bluttriefendes „Leider!“ einfügen) daher in erster Linie ein Horrorfilm mit reichlich Witz, aber eben keine Komödie mit Schockeffekten: Eine Zeitlang fließen nämlich neben dem ganzen Blut auch Tränen von der Leinwand – irgendwann ist gar nichts mehr witzig: Shaun muss wohl oder übel einige seiner geliebtesten (und gehasstesten) Freunde und Familienmitglieder zu Grabe tragen, beziehungsweise ins Jenseits befördern. Dabei bleibt der Film allerdings immerhin spannend, was schon angenehm erstaunlich ist, wenn man das halsbrecherische Tempo von DAWN OF THE DEAD dagegen hält, was SHAUN … (schließlich haben wir es hier mit langsamen Londonern Kiffer-slackern zu tun … selbst die Zombies machen da keine Ausnahme, hihi …) an keiner Stelle gewillt ist aufzubringen.

Doch irgendwann geht dem Streifen sichtlich die Puste aus, denn ferner negativ anzumerken ist der irgendwie drangepappt wirkende Schluss des Films. SHAUN … kriegt zwar kurz vorm Abspann (u. a. mit herrlich ätzender Medienkritik und einem cameo-Auftritt der britischen Superband Coldplay) so gerade noch die Kurve, doch ein ungutes Gefühl bleibt beim geneigten splatter fan bestehen, die zudem recht zahlreichen Löcher im Drehbuch (über die es übrigens auf der DVD ein eigenes special geben wird – das nenn’ ich mal konstruktiven britischen Humor!) mal ausgeklammert.

Dennoch lege ich SHAUN OF THE DEAD (ungefragt, as always …) jedem ans Herz, der neben einem intakten Magen-Darm-Trakt auch mit einem guten Gespür für britisch-exquisiten Humor ausgestattet ist. Gerade Leute, die sich letztes Jahr durch das DAWN OF THE DEAD–remake gelitten haben, werden hier comic relief finden. Und mehr.

SHAUN OF THE DEAD, obwohl nicht perfekt, weder als Horrorfilm noch als Humoreske, ist die ultimative Zombie-Komödie schlechthin (die Schwächen sind letzten Endes dann doch wohl eher im Horror-genre an sich zu suchen), und dabei in jeder Sekunde viel besser als BRAINDEAD, weil er eben gar nicht erst versucht, dessen Blutzoll zu toppen (obwohl es bisweilen arg explizit wird), sondern das Ganze durch die Kapitalismus-kritische Brille betrachtet, welche mehr als humoristisch angehaucht ist. Konsistent ist der Humor leider – wie ebenfalls schon erwähnt – allerdings nicht. Man verzeiht das Shaun und seinen Mitstreitern aber gerne, zumal die Originalfassung (gipz eigentlich auch nur irgendeinen Engländer, der echtes Oxford-English sprechen kann?) wahrscheinlich nochmal um Längen besser ist.

Hinzu kommt der angenehm offensiv ausgespielte Popkultur-Trumpf: Es gibt cameo-Auftritte von The Smiths und Coldplay (beide nur im Fernsehen, aber immerhin …) und meine Kindheits-Lieblingsband Queen ertönt scheinbar ständig aus der jukebox, zum Beispiel wenn Shaun und seine blutbespritzten Vasallen in ihrer Stammkneipe „Winchester Tavern“ den zum Zombie mutierten Wirt mit Billardqueues niederknüppeln und Freddie Mercury dazu „Don’t stop me now / Cause I’m having such a good time / I’m having a ball!“ trällert.

I had a good time.


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