JERSEY GIRL

*** JERSEY GIRL * USA 2003 * Musik: The Cure, Bruce Springsteen, u. a. * Drehbuch und Regie: Kevin Smith * Darsteller-/innen: Ben Affleck, Liv Tyler, George Carlin, Raquel Castro, Jason Biggs, Jennifer Lopez, Will Smith, Matt Damon, Jason Lee, u. a. * 103 Minuten * (6 von 10 Punkten) ***

Jersey Girl
(Bildrechte: Buena Vista)

Synopsis: Ollie Trinke (Ben Affleck), public relations manager in der Musikbranche Manhattans, ist jung, erfolgreich, gutaussehend – allesamt Eigenschaften mit denen auch seine Frau Gertie (Jennifer Lopez) gesegnet ist. Ihr Glück scheint vollkommen, zumal sich das erste baby ankündigt, doch das Schicksal schlägt so unvermittelt wie gnadenlos zu: Ollies Frau stirbt bei der Geburt.

Völlig aus der Bahn geworfen verliert Ollie seinen Job, zieht zu seinem dem Alkohol nicht unbedingt abgeneigten Vater ins verhasste New Jersey und findet eine neue Arbeit, die von der high society Manhattans so weit entfernt ist wie Ben Affleck und Jennifer Lopez von ihrer so ostentativ-öffentlich angekündigten Traumhochzeit: Ausgerechnet bei der Straßenbaubehörde des Kaffs, in dem sein versoffener Vater und dessen in Ollies Augen völlig hinterwäldlerischen Freunde nicht nur leben, sondern auch arbeiten: Eben bei jener Straßenbaubehörde …

Zu allem Überfluss ist da auch noch dieses alien in der Wiege, das ständig um Ollies Aufmerksamkeit bettelt, bösartigerweise in die Windeln kackt und sich einen Dreck darum schert, dass Ollie für seine neue Rolle als alleinerziehender Vater in der Provinz überhaupt gar nichts übrig hat. Der karrieregeile yuppie hat nämlich nur eins im Sinn: So schnell wie möglich wieder zurück in die public relations-Branche ins geliebte New York. Töchterchen Gertie schiebt er kurzerhand in die liebevollen Arme ihres Großvaters ab, der aber verständlicherweise wenig davon erbaut ist, dass sich sein Sohn als herzloser Rabenvater entpuppt, zumal sich alle neuen Versuche Ollies, sich in der Musikbranche Manhattans zurückzumelden, aufgrund seiner unehrenhaften Entlassung zwangsläufig zum Scheitern verurteilt sind.

Sieben zölibatäre Jahre später ist aus Ollie genau das geworden, was er eigentlich nie hatte sein wollen: Ein hingebungsvoller, liebevoller Vater eines so entzückenden wie vorlauten Mädchens (Raquel Castro), dem er kurzerhand den Namen seiner verstorbenen Frau gegeben hat, damit diese in ihr weiterleben kann.

Die Kleinstadtidylle scheint vollkommen, zumal sich die ausnehmend hübsche Bedienung (Maya – hinreißend gespielt von Liv „Arwén“ Tyler) der Videothek in ihn verguckt hat, bei der Töchterchen Gertie ihre Märchenfilme und daddy Ollie seine Pornos ausleiht.

Doch ein falscher Ehrgeiz nagt an dem armen Ollie: Völlig verblendet von der Tatsache, dass New Jersey und seine patchwork-Familie bestehend aus Gertie, Maya, seinem Vater und dessen leicht debilen, aber grundsympathischen Freunden ihm alles geben können, von dem er immer geträumt hat, startet er einen neuen, diesmal (leider) erfolgreichen Versuch, um in New York wieder Fuß zu fassen und bringt damit eine Lawine ins Rollen, die in der Lage ist, die letzten sieben Jahre seines Lebens zu konterkarieren und für null und nichtig zu erklären: Männer können lächerlich dämlich sein.

Kritik: Kevin Smith (u. a. Drehbuchautor und Regisseur von indie-Klassikern wie CLERKS., MALLRATS, CHASING AMY und DOGMA) ist (zwangsläufig) erwachsen geworden. Aus dem ewig pubertierenden Autodidakten, der vom weit entfernten New Jersey aus der US-amerikanischen Filmmetropole Hollywood nahezu ein Jahrzehnt lang genüsslich den (einen, den eindeutigen, den mittleren) Finger gezeigt hat und dafür von aller Welt bewundert wurde, wurde ein Familienvater … ohne selbst mehr einen Vater zu haben, den er nämlich im Jahre 2003 zu Grabe tragen musste. Ihm ist dieser Film gewidmet.

Die Auswirkung dieser beiden entscheidenden Einschnitte in seinem Leben ist dann auch deutlich zu spüren in JERSEY GIRL: Man weiß wirklich nicht, ob man Smiths letztes Werk nun „warmherzig“ oder „rührselig“ nennen soll – jedenfalls ist nicht mehr viel von dem hinreißend verdorbenen Kiffer-Humor seiner früheren Filme vorhanden; dessen personale Vertreter namens Jay und Silent Bob (letzterer seit jeher von ihm selbst „gespielt“), die bislang in jedem Machwerk Smiths auftauchten, hat er sogar völlig ausradiert: No more Jay and Silent Bob also – Kevin Smith denkt, es sei an der Zeit, sich den wirklich wichtigen Themen des Lebens zu widmen.

Schade. Denn nicht nur Jay und Silent Bob fehlen bei JERSEY GIRL an allen Ecken und Enden. Auch Kevin Smiths slacker-Humor, der zuletzt (in DOGMA) sogar Gott nicht verschonte, (ausgerechnet) Alanis Morissette an dessen Stelle setzte und sich immer der Maxime „Nun nehm’ dich doch bitte nicht so gottverdammt ernst, du aufgeblasene Spezies namens Mensch!“ unterordnete, vermisst der geneigte Cinéast in dem, was letzten Endes wohl ein Familienfilm sein soll. Ein Familienfilm Smithscher Prägung allerdings, in Deutschland unglaublicherweise ab 0 Jahren (sic!) freigegeben, obwohl hier mit Verbalerotik jongliert wird, dass der „Hollywood“-Schriftzug über Los Angeles purpurrot anlaufen würde, so er denn könnte.

Doch diese Verbalerotik und all die anderen (nur noch sporadisch entzückenden) Ferkeleien, die sich Smith diesmal ausgedacht hat, wirken angesichts des Tränendrüsenzerquetschungsmechanismus (ist doch ein viel schöneres Wort als „Habseligkeiten“, nich’?), den JERSEY GIRL als Film letzten Endes dann doch leider darstellt, merkwürdig deplaziert. Hinzu kommt ein einmal mehr hölzener, wenn auch geradezu lächerlich schön anzusehender Ben Affleck, der allen Ernstes immer noch glaubt, einen Film mit einem Gesichtsausdruck weniger als Nicolas Cage (der es immerhin auf zwei bringt) tragen zu können. Die Tatsache, dass Smith weiterhin an dem Star festhält, den er selbst durch CHASING AMY quasi geboren hat (und noch dazu dessen unerträglichen sidekick namens Jennifer Lopez, die im übrigen hier ihre Sache ganz gut macht, ausgerechnet als dessen Ehefrau gecastet hat), macht die ganze chose zwar sympathischer (Kevin Smith ist und bleibt ein „Guter“) – hätte Silent Bob aber nicht ein ganzes Arsenal an hervorragenden Nebendarstellern und prominent besetzten Gastrollen (Will Smith, Matt Damon, Jason Lee) herangekarrt, JERSEY GIRL wäre aufgrund des nahezu pausenlos von der Leinwand triefenden Kitsches kaum zu ertragen gewesen, besonders wenn man Kevin Smiths Zelluloid-Vergangenheit dabei immer im Hinterkopf behält.

Talkin’ ’bout Nebendarsteller: Die kleine Raquel Castro ist ein Segen für diesen Film. Den Titel „niedlichstes Mädchen, welches jemals auf Kinoleinwänden zu sehen war“ wird ihr sobald keine andere abtrotzen können. Ebenfalls „niedlich“ (wunderschön, bezaubernd, nicht von dieser Welt): Liv Tyler als Verbalerotikerin Maya, die ihre Abschlussarbeit an der Uni über das Thema „Männliche Masturbation und Pornofilme“ (Titel: „Der Spatz in der Hand“) schreibt und in Ollie bald mehr als ein Versuchsobjekt vorfindet. Man spürt geradezu ihre Freude, nicht mehr als unterernährter Mutter Gottes-Ersatz namens „Arwen“ durch die nichtsdestotrotz überragenden HERR DER RINGE-Verfilmungen geistern zu müssen: Liv hat nicht nur ein paar gesunde Pfunde zugelegt, sondern kann diese Pfunde auch mühelos in die Rolle der hübschen Videothekarin von nebenan einbringen und stiehlt damit mühelos allen anderen erwachsenen Darstellern (von denen auch noch Ollies Vater, gespielt von George Carlin, herauszuheben wäre) die show.

Wer diesem Film Häme entgegen bringt (wie viele der selbsternannten hardcore fans von Kevin Smiths früheren Filmen), ist und bleibt nichts weiter als ein gefühlloses Arschloch; dennoch misslingt JERSEY GIRL eher, als dass er gelingt. Dafür wird hier einfach auf eine allzu schamlose Art die Tränendrüse malträtiert, die man als Europäer gemeinhin nur als „typisch amerikanisch“ bezeichnen kann. Kevin Smith versucht zwar (und dies leider allzu krampfhaft) seinen von zartbesaiteten Naturen womöglich als „krank“ bezeichneten Humor unterzubringen, doch dieser läuft dem Grundtenor des Films so dermaßen konsequent zuwider, dass einfach nur ein höchst zwiespältiger Eindruck verbleiben kann.

Hinzu kommt die schwache deutsche Synchronisation: Als gegen Ende des Films eine Schultheateraufführung des Musicals SWEENEY TODD ansteht und nahezu sämtliche Hauptdarsteller/-innen singend und tanzend auf der Bühne von Gerties Schule zu sehen sind – im Originalton, ohne Untertitelung – gewinnt der Film so urplötzlich an Fahrt, dass man nicht umhin kann, die deutsche Synchronfassung drumherum als Ganzes in Frage zu stellen. Die Frage, ob die amerikanische Originalfassung allerdings um soviel besser ist, dass womöglich eine positivere Bewertung angebracht gewesen wäre, stellt sich letzten Endes dann aber wohl eher doch nicht, obwohl der Rat, lieber auf die DVD zu warten als sich JERSEY GIRL in der deutschen Synchronfassung im Kino anzusehen alles andere als abwegig erscheint. Der übertrieben weinerliche Grundton überwiegt nämlich mit Sicherheit auch im Original, und – man wiederholt sich da wirklich ungern – gerade angesichts der Tatsache, dass JERSEY GIRL einen Höhepunkt im Schaffen von Kevin Smith darstellen soll, bleibt dieser Aspekt das Hauptmanko eines wie gesagt zwiespältigen Machwerks.


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