DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI

*** DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI / THE EDUKATORS * Deutschland 2004 * Musik: beigeGT, Jeff Buckley, Radio 4, Slut, u. a. * Drehbuch: Katharina Held und Hans Weingartner * Regie: Hans Weingartner * Darsteller/-innen: Daniel Brühl, Julia Jentsch, Stipe Erceg, Burghart Klaußner, u. a. * 127 Minuten * (8 von 10 Punkten) ***

Die fetten Jahre sind vorbei
(Bildrechte: Filmladen)

Synopsis: Jan (Daniel Brühl) und sein bester Freund und WG-Mitbewohner Peter (Stipe „slawische Wangenknochen“ Erceg) brechen nachts in Manager-Villen in Berlin-Zehlendorf ein, stehlen dort aber nichts, sondern „rücken nur das Mobiliar zurecht“ und hinterlassen zum Schluss ihre Botschaft, welche entweder „Die fetten Jahre sind vorbei!“ oder „Ihr habt zuviel Geld!“ lautet, unterzeichnet mit „Die Erziehungsberechtigten“.

Peters Freundin Jule (Julia Jentsch) weiß nichts von den nächtlichen Machenschaften der beiden, sie hat andere Probleme: Nach einem selbstverschuldeten Auffahrunfall, bei dem sie dummerweise die Nobelkarosse eines Top-Managers im Wert von 100.000 Euro zu Schrott fuhr, muss sie das Geld irgendwie abstottern und kellnert deshalb in einem Restaurant mit ausschließlich snobistischer Klientel (man könnte auch sagen, sie lässt sich ausbeuten), während ihr Chef und die Restaurantbesucher sie fortwährend demütigen. Und dann fliegt sie auch noch aus ihrer Wohnung, weil sie die Miete nicht mehr zahlen kann …

Während Peter auf einem Kurztrip in Spanien ist, erfährt Jule dann doch von den Machenschaften ihres Freundes und bricht kurzerhand mit Jan, in den sie sich dummerweise auch noch dabei verliebt (und er natürlich zu allem Überfluss auch noch in sie), in die Villa eben des Top-Managers ein, dessen Wagen sie zu Schrott gefahren hat, um sich genüßlich an ihm (und seinem Mobiliar) zu rächen. Dummerweise kommt Herr Hardenberg (Burghart „Mephisto“ Klaußner) just in dem Moment zurück, und ehe sie sich versehen, werden aus den „Erziehungsberechtigten“ Entführer.

Die vier (Peter ist inzwischen wieder dazugestoßen, weiß aber noch nichts von dem Techtelmechtel zwischen Jule und Jan) flüchten nach Österreich, in die Berghütte von Jules Onkel. Dort entspinnt sich ein Kammerspiel zwischen den drei unsicheren Entführern und der mit allen Wassern gewaschenen Top-Manager-Geisel (der sich wohl auch zu seiner eigenen Überraschung als Alt-68er entpuppt), welches zudem noch dadurch erschwert wird, dass Peter die Beziehung zwischen Jule und Jan einfach nicht mehr verborgen bleiben kann.

Die Situation droht zu eskalieren …

Kritik: Was ist nur mit dem deutschen Film in diesem Jahr los? Erst GEGEN DIE WAND, dann SCHULTZE GETS THE BLUES und jetzt DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI, und ein Film ist
besser als der andere.

Ich habe wirklich lange gezögert, ob ich überhaupt hierzu was schreiben soll, denn auch nachdem drei Tage nach meinem Kinobesuch vergangen sind, habe ich diesen großen, ganz und gar großen Film und vor allem sein Ende, welches zumindest für mich so überraschend und zugleich desillusionierend war, dass ich es zuerst gar nicht wahrhaben wollte, nicht verwunden.

Zunächst einmal: DIE FETTEN JAHRE … ist nicht der große Antiglobalisierungsfilm geworden, den manche vielleicht erwartet hatten, aber – viel besser – er ist weitaus mehr als das: Liebesgeschichte, Eifersuchtsdrama, Kammerspiel, Thriller, Komödie – und zugleich passt keine dieser Kategorien wirklich.

Hans Weingartner hat zuallererst einen Schauspieler-Film geschaffen; Daniel Brühl brilliert wie eh und je, Stipe Ercegs scheinbar etwas machohaft-tumb geratener Peter übertrifft am (irgendwie sehr bitteren) Ende alle anderen, die auf den ersten Blick unscheinbare, auf den zweiten dann aber umwerfende Julia Jentsch ist nichts weiter als eine Offenbarung (ich kann mich ehrlich nicht an eine deutsche Schauspielerin in den letzten Jahren erinnern, die ähnlich virtuos gemimt hat!) und dann …

Dann ist da noch der genau wie Julia Jentsch vom Theater kommende Burghart Klaußner als Top-Manager Hardenberg. Und … Meine Güte! Gustav Gründgens als Mephisto ist ein Dreck gegen den!

Was Klaußner hier – ständig zwischen den beiden Polen „Wolf im Schafspelz“ und „Schaf im Wolfspelz“ hin-und her changierend, so schnell und so gekonnt, dass er den Zuschauer (und eben nicht nur ihn) mühelos völlig hinters Licht führt – abliefert, ist – mal wieder – mit meinen kümmerlichen Worten nicht ausreichend zu beschreiben. Ich bin völlig begeistert, zumal Klaußner es auch nicht nötig hat, sich irgendwie nach vorne zu spielen: Das Ensemble / Quartett steht eindeutig im Vordergrund, und wie Drehbuchautor und Regisseur Hans Weingartner, dessen vielbeachtetes Debüt DAS WEISSE RAUSCHEN zugleich auch den Grundstein für Daniel Brühls schwindelerregende Karriere legte, dieses Ensemble kaum merklich führt … das hat Stil, das hat Klasse, das hat echte Größe.

Gekonnt umschifft Weingartner sämtliche Erwartungshaltungen. Er lässt die jungen (und vielleicht ein wenig zu idealistisch-naiven) Revoluzzer niemals in die Falle der Peinlichkeit und / oder Lächerlichkeit laufen, nach dem Motto: Laß uns mal über Linke ablachen! Zugleich verbietet er sich jegliche Schwarz-Weiß-Malerei, nach der Maxime: Hier die guten Globalisierungskritiker, dort die bösen Top-Manager – Weingartner legt vielmehr seinen Fokus auf die (zwischenmenschlichen) Nuancen der vier: DIE FETTEN JAHRE … ist ein sehr menschlicher Film.

Zudem hat der Film Humor. DIE FETTEN JAHRE … ist mitunter herrlich komisch. Jans „Aber du hast doch gesagt, wir sollen renovieren!“ und Peters anschließende Reaktion haben jetzt schon das Zeug zum Klassiker. Dennoch schaffen es Weingartner und sein grandioses Ensemblé es jederzeit, den Film eben nicht in die Untiefen der typisch deutschen Komödie abdriften zu lassen, zumal Weingartner Österreicher ist. Keine Ahnung, ob man das auch an der Nationalität des Regisseurs festmachen kann, aber in die andere typisch deutsche Untiefe, die des „Ich hasse dich, ich will dich nie mehr sehen, du kotzt mich an!“-Beziehungsdramas lässt Weingartner seinen Film dann eben auch nicht abrutschen, obwohl die prekäre menage à trois zwischen Jan, Jule und Peter doch Anlass genug dazu gegeben hätte. Hier orientiert sich der Österreicher nämlich lieber am französischen Vorbild à la JULES ET JIM – da kann ich echt nur sagen: Derbe Respekt, Alter! (Oder auch: Merci!)

Das Tittenmagazin „Cinema“ hat dem Film im übrigen keinen einzigen Punkt in der Rubrik „Erotik“ gegeben. Das ist – um jetzt mal einen völlig irreführenden Vergleich anzuführen – ungefähr so, als würde man dem TERMINATOR keinen Punkt für „Action“ geben. Denn was sich hier allein im Blickkontakt zwischen Jan und Jule abspielt … das allein übertrifft schon ein Jahr lang jeden Samstagabend um Mitternacht „Vox“ gucken, if u know what I mean.

Tja, und dann noch …: May I proudly present? – Das Ende des Films. Über das Ende (und damit meine ich jetzt nicht die letzten drei Minuten vor dem Abspann, sondern die drei Minuten vor den letzten drei Minuten) könnte ich mich nämlich jetzt seitenlang ergehen. Es hat mich nämlich umgehauen. Es stellt fast die gesamte zweite Hälfte des Films in Frage. Es lässt den Film völlig kippen. Es ist schlicht und einfach genial. (Und zugleich ein Schlag in die Magengrube eines jeden Kinobesuchers, der noch an das Gute im Menschen glaubt …)

Natürlich ist DIE FETTEN JAHRE … dennoch nicht perfekt. Die Dogma-mäßige verwackelte Handkamera ist hier weniger Stilmittel als Kostensenkungsgrund. (Und: Abschüssige Tiroler Bergwiesen haben nunmal so ihre Tücken …) Anders gesagt: Die Kameraarbeit nervt nicht wirklich, sie wäre aber auch in der Form nicht nötig gewesen.

Und während die meisten Dialoge angenehm improvisiert und spontan daher kommen, so dass jede Figur im Laufe der Filmrolle (*ups!* Doppeldeutigkeit!) ihre eigene charmante Natürlichkeit erhält, gibt es immer wieder Dialogpassagen (zumeist sind es nur einzelne Sätze, aber die reichen, um das Gesamtbild ein wenig zu trüben), welche doch arg holzschnittartig daher kommen.

Auch bleibt es mir zumindest unverständlich, warum der völlig fantastische Soundtrack, den es zu kaufen gibt (kommt als Doppel-CD mit Musik von u. a. Barbara Morgenstern, Depeche Mode, Eagles of Death Metal, Element of Crime, Franz Ferdinand, Leonard Cohen, Mark Lanegan, Mediengruppe Telekommander, Phoenix, Placebo, Phantom/Ghost, Sophia, T. Raumschmiere, Tocotronic, Tom Liwa, The Notwist) so gar nichts mit der im Film gefeatureten Musik zu tun hat. Denn auf der Tonspur läuft fast ausschließlich „Kaufhauspunk“ à la Slut, den man zwar leicht mit Schlagworten wie „Rebellion“, „junges Lebensgefühl“, „freie Liebe“, „Zerstörungslust“ etc. pp. assoziieren kann, aber auf Dauer ist das leider ein wenig zu plakativ. Hier hätte man sich eindeutig mehr Mühe geben können. („Sie wollen uns erzählen“ von Tocotronic hätte beispielsweise im Abspann klasse gepasst!)

Fazit: DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI ist ein großer Film. GEGEN DIE WAND und SCHULTZE GETS THE BLUES haben mir beide einen Tick besser gefallen, aber ansonsten … Er ist zum Beispiel besser als LOLA RENNT, oder alles was TOM TYKWER jemals gemacht hat oder je machen wird.

Und: Er bietet das beste Schauspielerensemble in einem deutschen Film auf, dass ich seit DAS LEBEN IST EINE BAUSTELLE im Kino habe bewundern dürfen. Möge dieses Kleinod mit Preisen überhauft werden!


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