DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI

Die fetten Jahre sind vorbei         (D, 2004)

Regie: Hans Weingartner.
Buch: Katharina Held, Hans Weingartner
Mit: Daniel Brühl (Jan), Julia Jentsch (Jule), Stipe Erceg (Peter), Burghart Klaußner (Hardenberg) u.a.
129 Minuten         (7 von 10 Punkten)

Die fetten Jahre sind vorbei
(Bildrechte: Filmladen)

Wie häufig wird in Deutschland in Wohnungen eingebrochen? Hundert Mal am Tag? Tausend Mal? Die Verletzung der eigenen vier Wände kommt gleich hinter der Gefahr für das eigene Leben, das Eindringen in die Privatsphäre wird umso bedrohlicher, je mehr die Menschen sich isolieren und ihr Seelenheil mit Besitztum verbinden.

Die Botschaft von der Umkehr vom kapitalistischen Gewinnstreben direkt auf die Villen-Wände der Reichen zu plakatieren entbehrt also nicht einer gewissen Effektivität. Zumal die Aufrüttelung der Massen auf der Straße (dargestellt am Protest gegen die Ausnutzung der Produktionskräfte in Billiglohnländern) nur ein beschämtes Wegschauen der Zielgruppe und ein beherztes Eingreifen der Ordnungskräfte nach sich zieht. Leider steht aber auch zu befürchten, dass die Reaktion auf aufgetürmte Designermöbel nicht Läuterung oder Erkenntnis, sondern die Verstärkung der Alarmanlage und der verstärkte Einsatz von privaten Sicherheitsdiensten sein wird.

„Aber tief drinnen wissen wir alle, dass etwas mit diesem System nicht stimmt“
, so wird Regisseur Weingartner auf dem Werbe-Flyer zitiert und er lässt seine drei jungen Robin Hoods eine Keimzelle des Protestes gegen soziale Ungerechtigkeit in Deutschland und der Welt bilden. Sie besitzen beinahe nichts außer einem Haufen verschwommener Ideale, einen Gerechtigkeitssinn, der sich auch mal im Engagement jenseits geschriebenen Rechts ausdrückt, und Spaß daran, hinterher von ihren Taten in der Zeitung zu lesen. Der Zweck heiligt die Mittel, es kommt niemand wirklich zu Schaden, die Tat rangiert irgendwo zwischen Dummejungenstreich und sozialkritische Provokation.

Wie groß diese Ambivalenz ist, dokumentiert sich, als der Klassenfeind in Manager Hardenberg ein Gesicht bekommt und die hohen Ideale der drei Protagonisten sich der Diskussion stellen müssen. An dieser Stelle wird leider nicht fundiert, was zuvor insbesondere von Jan parolenmäßig angeklagt wurde, und auch die Gegenseite beendet die Argumentation kryptisch damit, dass „sonst das System zusammenbrechen würde“. Im Folgenden breitet sich Klassenfahrtatmosphäre mit Lagerfeuerromantik aus, bei der die Schüler dem Pauker seinen nostalgischen 68-er Erinnerungen zuhören. Offen bleibt dabei, ob Autor/Regisseur Weingartner nur seinen Darstellern die Argumente versagt (und dem Film die Botschaft…) oder ob er selbst keine Lösung für das Dilemma kennt.

Hier wurde unter dem Deckmantel der Glaubwürdigkeit die Chance verpasst, den politisch-sozialen Widerstand im Dialog zu vertiefen. Die Schlagwörter resultieren meist im Schweigen der Gegenseite.

Aber der Film ist vielschichtig genug, um das zu verkraften. Er spiegelt mancherlei soziales Ungleichgewicht exemplarisch wider, beinhaltet eine Liebesgeschichte, ist spannend wie ein Kriminalfilm, besitzt ausgesprochen humorvolle Einlagen und eine Dynamik, die während der 129 Minuten Filmdauer keine Länge aufkommen lassen. Eine bunte Mischung, zusammengehalten von dem vierköpfigen Ensemble, das en gros funktioniert, in dem aber auch jeder abwechselnd kleine Highlights zu setzen vermag. Die drei agilen Youngster stehen (natürlich) stellvertretend für die rebellischen Idealisten, denen die Konsequenzen ihrer Tat dann doch über den Kopf wachsen, und auf der anderen Seite ist Burghart Klaußner als Hardenberg, der heimliche Star des Films. Er begegnet mit stoischer Beherrschtheit und quasi einem Gesichtsausdruck den Turbulenzen, die über ihn hereinbrechen und ist trotzdem (oder gerade deswegen?) ebenso faszinierend.

Ein Wermutstropfen nach 120 Filmminuten ist der Schluss, bei dem Weingartner statt Eleganz und Fingerspitzengefühl auf Tempo und Überraschung setzt und ein bisschen das kaputt macht, was DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI bislang ausgezeichnet hat. Warum dieser Schlussspurt, wenn man schon gewonnen hat? Aber wir wollen mal nicht so kleinlich sein.


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