DIE REISE DES JUNGEN CHE

Die Reise des jungen Che         (Motorcycle diaries / Diarios de motocicleta / Carnets de voyage, GB, USA, F, 2004)

Regie: Walter Salles. Buch: José Rivera. Basierend auf den Büchern Notas de viaje von Ernesto Che Guevara und Con le Che por Latinoamérica by Alberto Granado
Mit: Gael García Bernal (Erneste Guevara de la Serna), Rodrigo de la Serna (Alberto Granado), Mía Maestro (Chichina), Gustavo Morales (Felix), Gustavo Bueno (Dr. Hugo Pesce) u.v.a
126 Minuten         (7 von 10 Punkten)

Die Frage mag erlaubt sein, ob DIE REISE DES JUNGEN CHE auch ohne den Namen Che Guevara funktioniert hätte. Denn vor dem inneren Auge der meisten Zuschauer wird das charismatische Bild jenes kubanischen Revolutionsführers prangen, der 1967 und 39-jährig als Guerillero in Bolivien erschossen wurde. Und man wird die ersten Anzeichen finden wollen, die auf das hindeuten, was seine spätere Berühmtheit ausmachte.

Dies beeinflusst den Blick auf das im Grunde konventionell gestrickte Roadmovie, in dem nur ein einziger Schuss (auf eine Ente) fällt und dessen Action-Szenen darin bestehen, dass die beiden Protagonisten mit ihrer altersschwachen Norton des Öfteren von der Piste scheppern. Als sich der junge Ernesto (23 Jahre alt) und sein Kumpel Alberto (29) im Januar 1952 auf den Weg von Argentinien über Chile und Peru nach Venezuela machen, scheint die Welt nur auf die beiden zu warten, damit sie sich die Hörner abstoßen, bevor der Ernst des Lebens (Uni-Examen, Karriere) ruft.

Mit großer Euphorie geht es von Buenos Aires los, Alberto wird als sorgloser, eloquenter Typ charakterisiert, während Ernesto der Introvertierte ist, der die Wahrheit und Treue zu seiner Freundin Chichina auf seine Fahnen geschrieben hat. Das ungleiche Paar schlägt sich mit wenig Geld und viel Unbeschwertheit durch, nimmt mit großer Offenheit die Begegnungen mit Land und Leuten wahr und der Zuschauer begleitet sie mit wachsender Begeisterung. Es wird wohl niemanden geben, den ihre Tour durch grandiose Landschaft nicht zum Nachmachen inspiriert. Allerdings darf ich bemerken, dass dem unprätentiös auf der Leinwand auferstandenen Argentinien und Chile der 50-er Jahre etwas Nostalgisches anhaftet und das Schieben eines voll bepackten Zweirades durch einen Schneesturm kein Zuckerschlecken ist.

Der Film besticht auch im zweiten Teil mit beeindruckender Fotografie (Cuzco, Machu Picchu, Amazonas-Gebiet), aber als das Motorrad (die Allmächtige) seinen Geist aufgibt und unsere Helden gen Norden trampen müssen, zeigen sich insbesondere in Ernesto die Anzeichen einer inneren Wandlung. Da der Film auf den Erinnerungen der beiden Freunde basiert, handelt es sich bei dieser vorhersehbaren Erweckung des sozialen Gewissens nicht um dramaturgisches Kalkül, und sie wird auch behutsam genug angedeutet, damit aus dem jungen Idealisten nicht gleich ein Heiliger wird.

Auch an anderer Stelle beweist Regisseur Salles Fingerspitzengefühl: Einerseits schwingt bei den Begegnungen mit der einfachen Bevölkerung in ihrer z.T. landestypischen Kleidung, den vom Wetter gegerbten Gesichtern und den wohltemperiert ausgeleuchteten Locations etwas Folkloristisches mit. Andererseits soll durch ihre Worte (Berichte, Klagen) der Blick auf die damalige Lage der Not Leidenden gelenkt und authentisch fundiert werden. Ein Drahtseilakt, der durch die Besetzung der Rollen mit Laiendarstellern angegangen und bei vermuteter Infragestellung noch mit kurzer Schwarz-Weiß-Einblendung der Szenerie pseudo-dokumentarisch stabilisiert wird. Dass die Unterprivilegierten, Nachfahren des stolzen Volkes des Inka, überall ihre Lage mit stoischer Schicksalsergebenheit ertragen, ist nicht zuletzt Anlass für Ernestos Einheits-Rede anlässlich seines 24. Geburtstages und gleichzeitig das expliziteste politische Statements im ganzen Film.

Wie gesagt: DIE REISE DES JUNGEN CHE ist mehr ein Buddy-Roadmovie denn ein politischer Film. Ernesto erfährt die deutlichere Veränderung, der Anteil am Gelingen des – auch sehr humorvollen -Filmes liegt aber nicht minder in der Rolle des Alberto (der echte Alberto Granado, heute 81-jährig, wird am Ende des Filmes kurz eingeblendet). Mit dem Mythos Che Guevara im Hintergrund gewinnt das sentimentale Ende eine historisch belegte Fortsetzung und nicht zuletzt die Produktionsfirma einen zugkräftigen Namen im Titel.


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