DAS MÄDCHEN MIT DEM PERLENOHRRING

*** DAS MÄDCHEN MIT DEM PERLENOHRRING / GIRL WITH A PEARL EARRING * Luxemburg / Großbritannien 2003 * Drehbuch: Olivia Hetreed, nach dem gleichnamigen Roman von Tracy Chevalier * Regie: Peter Webber * Darsteller/-innen: Colin Firth, Scarlett Johansson, Tom Wilkinson, Judy Parfitt, Cillian Murphy, Essie Davis, Joanna Scanlan, Alakina Mann, u. a. * 101 Minuten * (7 von 10 Punkten) ***

Synopsis: Die gerade einmal siebzehnjährige Dienstmagd Griet (Scarlett Johansson) kommt im Jahre 1665 in das Haus des in der niederländischen Kleinstadt Delft zwar berühmten, doch finanziell von seinen Gönnern allzu abhängigen Malers Johannes Vermeer, um dort … nun … Dienstmagd zu sein. Was für sie bedeutet: Harte Arbeit, sowie Zank mit Vermeers schier ständig wachsender und noch dazu sich ziemlich teuflisch gebärdender Kinderbrut und der Frau des Hauses, Catharina (Essie Davis), die wieder einmal schwanger ist, und dem so hübschen wie schüchternen Neuankömmling klar zu verstehen gibt, dass sie in ihrem Haus nur geduldet ist – ein Fehler, und sie fliegt raus.

Der bedrückenden Atmosphäre im Haus kann Griet nur durch ihre Ausflüge zum Markt entkommen, wo ihr der Metzgersbursche Pieter (Cillian Murphy) schöne Augen macht – Griet kann sich sichtlich von ihm angetan im schüchtern zu Boden starren und kokett blinzeln üben.
Doch nicht nur Pieter macht ihr das Leben leichter – denn da ist ja noch der einzige Raum in Vermeers Haus, in dem die Atmosphäre nicht von Geldsorgen, Intrigen, Neid und Missgunst verpestet ist – des Malers Atelier, das Griet in seiner Anwesenheit auf gar keinen Fall betreten darf.

In dessen Abwesenheit allerdings schon. Griet putzt die Fenster. Dabei „ertappt“ sie Vermeer irgendwann höchstselbst, und ist sogleich sichtlich von ihr fasziniert. So sehr, dass – als sein Gönner, der zwielichtige Kunstexperte Van Ruijven (Tom Wilkinson), von ihm ein neues Werk anfordert – er sich dazu entschließt, Griet zu malen.

Unter den immer eifersüchtiger werdenden Augen seiner Frau Catharina entspinnt sich langsam eine innige Beziehung zwischen Maler und Modell, zumal sich Griet nicht einfach nur in die Rolle des stummen Modells fügt, sondern vielmehr die einzige Person in Vermeers Haushalt zu sein scheint, die so etwas wie Kunstverständnis besitzt.

Das Dilemma: Im Holland des 17. Jahrhunderts bekommt eine 17jährige Dienstmagd, die nicht nur hübsch ist, sondern auch etwas von Kunst versteht, damit automatisch Probleme … und die lassen nicht lange auf sich warten … zumal Vermeer irgendwann mit den Perlenohrringen seiner Frau ankommt und Griet bittet, sie doch bitte für das entstehende Bildnis von ihr anzulegen …

Kritik: Wenn man als heterosexueller Mann die „Präsenz“ und „Ausstrahlung“ einer gerade einmal neunzehnjährigen amerikanischen und noch dazu ziemlich blonden Schauspielerin lobt, pfeifen die Spatzen in solchen Fällen ja zumeist von den Dächern, dass man(n) ja eigentlich nur meint, dass da ein Mädchen auf die Bildfläche getreten ist, das sich ausnahmsweise mal nicht das Zeugs, das eigentlich zur Herstellung von Spielzeugen gedacht war, in bestimmte Körperregionen hat spritzen lassen, weil sie es eben nicht nötig hat.

Aber lasst die Spatzen mal pfeifen – war Scarlett Johansson in LOST IN TRANSLATION nicht einfach be-zau-bernd? Hin-rei-ßend? Atem-be-rau-bend? Und das, obwohl ihr mit Bill Murray ein mehr als gestandener Schauspieler als counterpart zur Seite stand, der sie im Grunde genommen hätte an die Wand spielen können?

Das „Problem“ mit dem im gleichen Jahr entstandenen GIRL WITH A PEARL EARRING ist nun aber folgendes: Von der doch recht illustren Schauspielerriege, die sich um Scarlett Johansson hier versammelt, kann ihr niemand das Wasser reichen. Es versucht auch keiner. Würde ja eh nichts bringen. Selbst der Kameramann gibt irgendwann auf und lässt die anderen Figuren Figuren sein, während nur noch Scarlett Johansson für die Kamera da zu sein scheint.

Das amerikanische Anti-Girlie scheint allerdings nicht, sie leuchtet geradezu. Nicht im Sinne eines Heiligenscheins, sondern in Form einer nicht greifbaren Aura. Und das mit 17. Es ist gelinde gesagt unfassbar. Scarlett Johansson ist gelinde gesagt unfassbar. Schon wieder.

Frohnaturen, die immer was zu meckern finden, könnten natürlich anmerken, dass Scarlett Johansson als Griet nichts anderes macht, als allzu häufig allzu schüchtern das behaubte Köpfchen im Zeitlupentempo gen Boden zu senken, ebenso oft allzu laut ein- und auszuatmen und hauptsächlich nur mit viel zu großen Augen in die Gegend zu gucken. Stimmt genau.

Wie Scarlett Johansson das allerdings macht (Sie guckt und guckt und guckt und kann gar nicht aufhören zu gucken.) … ähm … nun ja … es fehlen einem ehrlich gesagt die Worte. Kein Superlativ mehr, nirgends.

Vielleicht der, dass ohne sie der Film mit ziemlicher Sicherheit nicht funktionieren würde, denn vor allem das Drehbuch (oder sogar die Romanvorlage?) weist doch ziemliche Schwächen auf – um mal in der Malersprache zu bleiben: Es wirkt wie eine hastig dahingetuschte Skizze.

Mal abgesehen von der Beziehung zwischen Vermeer (Colin Firth begnügt sich im Grunde genommen damit, mit ziemlich ausdrucksvollem Gesicht aber eben auch ziemlich leeren Augen Scarlett Johansson anzuschmachten, was man ihm aber irgendwie nicht verübeln kann, hihi) und seinem Modell Griet, auf die natürlich das Hauptaugenmerk der Geschichte gerichtet ist, erzählt DAS MÄDCHEN … nicht wirklich viel und vor allem nicht wirklich viel Bewegendes – die Liebesgeschichte zwischen Griet und dem Metzgersburschen wird beispielsweise allzu fragmentarisch immer mal wieder aufgegriffen (und dann wieder fallen gelassen), aber nie wirklich erzählt.

Hinzu kommt, dass abgesehen von Maler und Modell höchstens noch die „einfachen“ Leute (Griets Dienstmagdkollegin Tanneke, Griets Eltern, der Metzgersbursche etc. pp.) einigermaßen sympathisch rüberkommen – Vermeers Familie, besonders aber der fiese Patron Van Ruijven (der sonst so hervorstechende Tom Wilkinson ist in dieser Rolle doch arg unterbeschäftigt) werden allzu holzschnittartig einfach als „böse“ dargestellt, schlimmer noch: Keiner der „Bösen“ macht während der Filmhandlung auch nur irgendeine Entwicklung durch, lediglich Judy Parfitt als Vermeers herrische Schwiegermutter Maria Thins wird eine weitere (eine zweite, nicht mehr) Charakterschattierung zugestanden, ansonsten bleibt alles in Schwarz-Weiß-Malerei gefangen, mit der sich Herr Vermeer künstlerisch gesehen sicherlich nicht zufrieden gegeben hätte:

Hier der Maler und das Modell im lichtdurchfluteten Atelier, einander in gegenseitiger Anziehung und Abstoßung sinnlich umkreisend, dort die gefühllose, tumbe und in gesellschaftlichen Konventionen erstickte Zweckgemeinschaft aus Familie und sich gönnerhaft aufspielendem Patron (Van Ruijven). Aus dieser einfach gestrickten Divergenz kann einfach kein bewegendes Drama entstehen, es bleibt eigentlich nur ein kümmerlicher Rest von einem Kostümfilm, was aber auch an der Romanvorlage gelegen haben mag.

Mmh … „kümmerlicher Rest von einem Kostümfilm“ ist definitiv ein zu hartes Urteil, denn um jetzt endlich mal Klartext zu schreiben: GIRL WITH A PEARL EARRING ist ein sehenswerter Film – ruhig, besinnlich und – mal abgesehen von diesem STRATOSPHERE GIRL Scarlett Johansson, das den Film auf ihren gar nicht mal so schmalen Schultern trägt – vor allem was die Ausstattung anbelangt ein einziger Augenschmaus.

Damit sind nicht unbedingt die Kostüme und die Lokalitäten gemeint, sondern die Ausstattung letzterer und wie das Licht auf sie fällt. Während AMÉLIE im Grunde genommen wirkt, als hätte man den gesamten Film nachträglich einfach durch einen Photoshop-Filter gejagt, ist DAS MÄDCHEN … in jeder Szene, in jeder Sekunde mit äußerster Liebe zum Detail mit angenehm natürlich wirkendem Licht ausgeleuchtet, das sich in zahlreichen liebevoll arrangierten Ausstattungsgegenständen bricht. Allein schon die Anfangssequenz, in der Griet einfach nur Gemüse schneidet, ist ein einziges Zelluloidgemälde. Gäbe es einen Oscar für „Licht“, dieser Film hätte ihn sicher – Kamera und Schnitt sind eher konventionell angelegt und bringen dieses Zelluloidgemälde einfach nur in konsumierbare Form; der bisweilen ein wenig hastige Schnitt nervt in Verbindung mit der schönen, sich aber auf ein einziges Thema verlassenden Musik sogar ein wenig. Ganz im Gegensatz zur set decoration.

Denn wann immer es der geneigte Zuschauer einmal fertig bringt, die Augen von Scarlett Johanssons hinreißendem Spiel abzuwenden, entdeckt er quasi automatisch neue Stillleben. Man spürt geradezu die Freude, die die Ausstatter an diesem Film gehabt haben müssen: „Und hier drapieren wir jetzt noch einen welken Blumenstrauß, dort einen Bund Kirschen und da hinten machen wir …“

Ein wenig erinnert DAS MÄDCHEN … in dieser Hinsicht an die Filme Peter Greenaways, ohne allerdings in die Gefahr zu geraten, dessen überbordenden, geschmäcklerischen und von seinen nichtssagenden Filmchen abzulenken versuchenden Barockkitsch auch nur nahe zu kommen …

Fazit: DAS MÄDCHEN MIT DEM PERLENOHRRING / GIRL WITH A PEARL EARRING ist ein erstaunlich kurzweiliger, vielleicht sogar etwas zu kurzer, ruhig erzählter und wunderschön verfilmter Stoff, der allerdings für ein wirkliches Drama zu wenig bietet, für einen reinen Kostümfilm allerdings dann auch zu viel. Das Ende kommt abrupt, die „Pointe“ fällt relativ schwach aus, aber wer den Film durch die großen schönen Augen des Dienstmädchens Griet sieht, wird unterhaltsame 101 Minuten im Kino erleben.

DAS MÄDCHEN … ist das Debüt des Regisseurs Peter Webber und es ist ihm im großen und ganzen gelungen. Dennoch beantwortet es nicht die Frage, ob man auch in Zukunft noch etwas von Herrn Webber hören wird. Im Gegensatz zu Scarlett Johansson, die hier – man kann es gar nicht oft genug sagen – dem sonst so inflationär gebrauchten Wörtchen „Ausstrahlung“ eine völlig neue Komponente entlockt: „Aus-Strahlung“.

Wenn am Ende mit großen Tamtam das Originalbildnis, welches im übrigen im Mauritshuis in Den Haag aufbewahrt wird, gezeigt wird, ist man vom Abbild der echten Griet doch ziemlich enttäuscht und wünscht sich insgeheim Scarlett Johansson ins Delft des 17. Jahrhunderts zurück, damit Johannes Vermeer …
Gut. Alberner Gedanke.
Endet hier.


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