COLLATERAL

Collateral         (USA, 2004)

Regie: Michael Mann. Buch: Stuart Beattie
Mit: Tom Cruise (Vincent), Jamie Foxx (Max Durocher), Jada Pinkett Smith (Annie Farrell), Mark Ruffalo (Fanning), Peter Berg (Richard Weidner) u.a.
120 Minuten         (6 von 10 Punkten)

Ein Großstadt-Thriller mit feinster Videoclip-Ästhetik, dynamischem Soundtrack, berauschenden Kamerafahrten, schnellen Schnitten und einer Welt, die überwiegend von taffen Männern bevölkert ist und Frauen höchstens am Rande, in der Rolle des beschützenswerten Opfers vorkommen. Das ist COLLATERAL der neue Film von Regisseur Michael Mann. Seine ersten Meriten sammelte er u.a. als Co-Produzent der Serie MIAMI VICE, hier entführt er uns in das urbane Los Angeles der Gegenwart, eine Metropole, die ihm schon 1995 bei seinem wohl bekanntesten Film HEAT als Kulisse diente.

Damals gaben sich in einem Fernduell die Leinwandheroen Robert de Niro und Al Pacino die Ehre, hier und heute teilen sich Jamie Foxx und Tom Cruise ein Taxi. Foxx als der unschuldige Gute, der das personifizierte Böse im Fond von einem Einsatzort zum nächsten kutschiert.

Die Grundkonstellation der Handlung bietet Raum für die höchstinteressante Abfolge determinierter Brutalität, die regelmäßig unterbrochen wird durch die erzwungene, fast intime Zweisamkeit der beiden Protagonisten im engen Raum des Taxis. Kommt der Wagen zum Stillstand, kann man damit rechnen, dass es Tote geben wird, während auf den Zwischenfahrten die Konflikte auf verbaler Ebene ausgetragen werden.

Letzteres muss nicht weniger spannend sein, aber – um es vorweg zu nehmen – in COLLATERAL wird das Potential nicht ausgeschöpft. Der Bildaufbau (Vincent schemenhaft und dunkel im Font, Max, der Fahrer, wird groß und ausgeleuchtet gezeigt, die Kamera bleibt meist frontal fixiert) konzentriert sich auf das Opfer, in dessen Mimik sich Angst, angestrengtes Nachdenken und Befremden wiederspiegeln sollen. Der perfide Dämon im Hintergrund beschränkt sich auf einen Gesichtsausdruck und die Negierung sämtlicher moralischer Einwände gegen sein Tun. Dass der grundgute Max dem bösen Vincent rhetorisch ebenbürtig sein soll, sieht das Drehbuch nicht vor, auf der anderen Seite gelingt es leider auch nur allzu selten, dass das Böse ihn mit seiner Faszination blendet. Mit diesen Defiziten verpasst der Film gute Chancen, die ihn zu einem überdurchschnittlichen hätten machen können.

Ein weiteres Problem in diesem Zusammenhang ist die Besetzung des Vincent durch Tom Cruise, dem man den eiskalten Killer nicht recht abnehmen will. Imagewechsel hin oder her, sein stahlgrauer Vincent strahlt nicht die Ambivalenz aus, die für die Rolle notwendig ist.

Pluspunkte sammelt der Film, wenn das Taxi nicht unterwegs ist, dann ist – wie schon erwähnt – meist Gefahr im Verzug. Hier befindet sich Michael Mann auf vertrautem Terrain und weiß die Spannungskurve stetig zu steigern und in Szene zu setzen. Vielfältig ist auch die Klaviatur der Liquidation, von der das Publikum zu Beginn des Films nur das Ergebnis, nicht aber die Durchführung zu sehen bekommt, während später dann die Opfer nach Umständen erwischt werden, wie sie verschiedener nicht sein können. Mann hat da einige Überraschungen auf Lager, beendet z.B. den üblichen Zwist zwischen FBI und City-Police auf seine eigene Weise und lässt in einer fast gespenstig anmutenden Sequenz Kojoten über die nächtlichen Straßen von Los Angeles laufen.

Dann wieder wirft es ihn aus der Bahn, als die Choreographie im „Fever“ nach beängstigend dichtem Einstieg in einer Woge der Unübersichtlichkeit kulminiert. Aus einem bei 70 Meilen pro Stunde sich mehrmals überschlagenden PKW steigen die nicht angeschnallten Insassen ziemlich unverletzt aus. Und Vincent weiß in einem Bürogebäude genau, welche Kabelstränge zu was dienen. Da beginnt es wieder im Kopf des Zuschauers zu klicken, verliert die Dynamik der Handlung ihren festen Griff.

Sei’s drum. COLLATERAL bleibt alles in allem ein solides Stück kurzweiliger Kinounterhaltung, über das man zwar nicht in Generationen noch schwärmen wird, aber für den Moment den Hunger nach Leinwandaction stillt. Und das ist doch schon etwas.


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