LA MALA EDUCACIÓN – SCHLECHTE ERZIEHUNG

La Mala educación – Schlechte Erziehung         (Spanien, 2004)

Buch und Regie: Pedro Almodóvar
Mit: Gael García Bernal (Angel/Zahara/Juan), Fele Martínez (Enrique Goded), Daniel Giménez-Cacho (Vater Manolo), Lluís Homar (Berenguer), Francisco Boira (Ignacio Rodríguez), Raúl García Forneiro (Enrique als Kind), Javier Cámara (Paca/Paquito) u.a.
106 Minuten         (5 von 10 Punkten)

Pedro Almodóvar! Schon bei der Erwähnung dieses Namens horchen Freunde und Verfechter des europäischen Kinos auf. Mit schöner Regelmäßigkeit liefert der spanische Star-Regisseur seit 25 Jahren seine filmischen Werke ab, die zum Standardrepertoire gewiss jeweils eines der europäischen Filmfestivals, wenn nicht gar jeder Nominierungsliste der Oscar-Verleihung gehören.

Meine Ausbeute an Almodóvars ist indes eher bescheiden, FESSLE MICH (1989) im TV und SPRICH MIT IHR (2002) im Kino kennzeichnen mich nicht gerade als Kenner seines Oeuvres. Woran liegt es wohl, dass sich mein Interesse auch nach MALA EDUCACIÓN nicht wesentlich ändern wird?

Schwierig zu sagen. Vielleicht liegt es daran, dass ich den Kinosaal mit dem unguten Gefühl verließ, dass noch viel mehr in dem Film steckt, als das, was ich gerade gesehen hatte. Oder rührt diese Befürchtung nur daher, dass ich nicht zum ersten Eindruck stehen wollte, einem zwar kurzweiligen, aber mich persönlich doch wenig beeindruckenden Streifen beigewohnt zu haben? Einen Almodóvar, den kann man doch nicht einfach konsumieren und ad acta legen? Outet man sich gleich als Kostverächter, wenn man ihn nicht als Spitzenprodukt zu schätzen weiß, obwohl fett sein Name als Qualitätsetikett auf ihm klebt?

Es läuft wieder darauf hinaus, dass MALA EDUCACIÓN eine Bandbreite an Beurteilungen zulässt. Die Mehrzahl wird sich im positiven Bereich bewegen, zweifellos gehört eine Könnerschaft dazu, sich einerseits eine solche Story auszudenken und sie andererseits in passende Bilder zu kleiden. Kunstvoll werden drei verschiedene Zeitebenen (1964/1977/1980) miteinander verwoben. Es wird das immer gern genommene Element des Films im Film benutzt, wobei lange Zeit unklar bleibt, was Realität und was Fiktion ist. José Luis Alcaines Kamera versteht es besonders, die kindliche (körperliche und seelische) Unversehrtheit und gleichzeitige Verletzlichkeit der Internatszöglinge herauszustellen, während der optische Rückblick auf die darauf folgende Zeit den für heutige Augen abscheulichen Look der späten Siebziger mit der Ruhelosigkeit der Charaktere kunstvoll zu verschmelzen weiß.

Almodóvar packt das heiße Thema Missbrauch von Abhängigen am Beispiel eines katholischen Internats an, an dem sich ein Pater an einem Zögling sexuell vergeht. Relativ kurz sind die Einblendungen in diese Welt, auf explizite Darstellungen wird verzichtet, Hauptaugenmerk dem Leben danach geschenkt. Auch hier wird nicht auf die Tränendrüse gedrückt oder ein ausgeklügelter Rachefeldzug gestartet (wie z.B. im Barry Levinsons im ähnlich gearteten SLEEPERS (1996)), sondern eher die Opfer (vor allem) und Täter und deren von ihrem Schicksal überschatteten Existenz nach 13 bzw. 16 Jahren gezeigt. Almodóvars Filme waren schon immer mit „skurrilen“ Figuren bevölkert (habe ich mir sagen lassen), hier bekommt es der unbedarfte Zuschauer mit einer Welt zu tun, in der alle Rollen homosexuell sind oder Männer lieber als Frau existieren. Sie werden mit einer Unbefangenheit gezeigt, die auf der großen Leinwand noch die Ausnahme ist und die auch vor der Darstellung sexueller Praktiken nicht zurückschreckt. Für eine Altersfreigabe „ab 12 Jahre“ hat es dann aber doch gereicht.

Wie in SLEEPERS mündet MALA EDUCACIÓN für die Beteiligten in einer Crime-story, die die Handlung vorantreibt und die Beziehungen zwischen den Charakteren vertieft bzw. verdeutlicht. Dass dabei vieles nicht so erscheint, wie es das Publikum gewohnt ist, gründet sich auf der Fabulierkunst des Regisseurs und der nach wie vor für viele befremdlich anmutenden Welt der Homoerotik. Dabei konkurrieren fatalerweise die ungekünstelte Bildsprache und die soziale Interaktion der Personen in einer Weise, dass die Entscheidung für welche konzentrierte Hinwendung schwer fällt. Sperrig.


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