DAS MÄDCHEN MIT DEM PERLENOHRRING

Das Mädchen mit dem Perlenohrring         (Girl with a pearl earring, GB, Lux, USA, 2003)

Regie: Peter Webber. Drehbuch: Olivia Hetreed nach auf dem Roman von Tracy Chevalier
Mit: Colin Firth (Johannes Vermeer), Scarlett Johansson (Griet), Tom Wilkinson (Van Rujven), Judy Parfitt (Maria Thins), Cillian Murphy (Pieter), Essie Davis (Catharina Vermeer), Joanna Scanlan (Tanneke) u.a.
100 Minuten         (9 von 10 Punkten)

DAS MÄDCHEN MIT DEM PERLENOHRRING gleicht einer Hypnosesitzung. Bleiben wir bei klarem Bewusstsein und wehren uns mit aller Vehemenz gegen den Schnickschnack, den der Hypnotiseur sagt und vor unseren Augen veranstaltet, dann wird schwerlich die von der Gegenseite erhoffte Wirkung einsetzen. Schließen wir allerdings unsere Lider und geben uns den Worten hin, tauchen wir bald wohltuend sanft und langsam in die Tiefen einer Welt ein, die uns noch lange über das tatsächliche Ende des Filmes hinaus gefangen halten.

Schon die erste Szene gibt das Tempo vor, mit dem wir uns fortan durch das niederländische Delft des Jahres 1665 bewegen: Eine junge Frau schneidet mit geschickten Händen Gemüse in Scheiben, legt es wohl geordnet auf einen großen Teller, ein Arrangement, das ihre Mutter mit einem Kopfschütteln kommentiert. Es lässt indes bereits jetzt darauf schließen, dass in Griet mehr schlummert als eine akkurate Magd und Köchin. Die Photographie der Zwiebeln, Möhren und Rote Beete, die Ausleuchtung ihrer Hände, der schwache, seitliche Lichteinfall und die Farbgebung der dunklen Küche erinnern nicht zufällig an ein Stillleben. Noch sind keine zwei Minuten vergangen, schon vermeinen wir den Geruch von Leinwand und Farbe ums uns herum wahrzunehmen, wir sind unsichtbarer Teil einer Welt geworden, die uns von einer wie in Öl gemalten Szenerie zur nächsten führt.

Was die Anfangssequenz verspricht, hält der Film über die gesamte Spiellänge. Ganz großes Gefühlskino. Ein Liebesfilm, dessen Handlung frei erfunden ist, welche aber eingebunden ist in einen historischen Zusammenhang mit tatsächlich existierenden Personen, Orten und Gegebenheiten. Die 17-jährige Griet muss zur Unterstützung ihrer verarmten Familie im Haushalt des angesehenen Malers Johannes Vermeer als Magd wohnen und arbeiten. Zu ihren Pflichten gehört auch die Säuberung des Ateliers, sie ist fasziniert von dem Wirken des Meisters, was auch ihm nicht verborgen bleibt. Daraus entwickelt sich langsam eine (fiktive) Beziehung zwischen den beiden, was in der Standesgesellschaft des 17. Jahrhunderts nicht ohne Folgen bleiben kann. Überlieferter Beweis, dass es jenes Mädchen wirklich gegeben haben muss, ist das Titel gebende Gemälde, das in Den Haag ausgestellt ist.

Vom Handlungsverlauf hört sich der Film erst einmal nicht sonderlich spannend an, aber – wie gesagt – lässt man erst einmal Vorbehalte fallen und sich auf ihn ein, dann kann man unter seiner unscheinbaren Oberfläche ein wahres Juwel entdecken.

Allen voran ist natürlich Scarlett Johansson die personifizierte Reinkarnation des portraitierten Mädchens. Obgleich sie im ganzen Film kaum mehr als einen Gesichtsausdruck zu zeigen braucht (um ein winziges Lächeln muss ihr Freund Pieter geradezu betteln), ist es doch der, der auf dem Gemälde zum Ausdruck kommt und sie als perfekte Besetzung für die Rolle prädestiniert. Mit verträumt-naiv-neugierigem Blick, blassem Teint und den das Gesicht beherrschenden rotem Mund spielt sie die 17-jährige Magd, die in einer auf Stand und Herkunft fixierten Gesellschaft ganz auf die Gunst des Arbeitgebers angewiesen ist. Griet ist keine dumme, willenlose Frau und weiß an passendem Orte (z.B. beim Einkauf beim Fleischer) schon ihre Meinung zu sagen. Aber in ihrer geduldeten Stellung bei den Vermeers, in der alles außer Demut und Pflichterfüllung ein Entlassungsgrund sein kann, ist allenfalls minimale Mimik und zu Boden gesenkter Blick angebracht. Und das vollführt Frau Johansson in Perfektion. Für einen Uninteressierten stellt ihr Spiel eine harte Geduldsprobe dar, weil kaum eine Szene ohne Grit gezeigt wird, für den verzauberten Zuschauer ist es ein Festival purer Nuanciertheit.

Johanssons Partner ist Colin Firth, der schon in seinen jüngsten Filmen (BRIDGET JONES [2001], TATSÄCHLICH LIEBE [2003]) den eher bedächtigen Liebhaber spielte. In DAS MÄDCHEN MIT DEM PERLENOHRRING schaltet er noch einen Gang zurück und präsentiert den Johannes Vermeer als einen introvertierten Perfektionisten, der – man mag es kaum glauben – in dem dialogarmen Film noch weniger Worte sagt als seine Untergebene. Seine Kunstfertigkeit wird für ihn zur Bürde, weil er mehr Bilder für den Unterhalt seiner großen Familie malen muss, als ihm lieb ist. Seine Frau Catharina hat keinen Zugang zu seiner Kunst, die im Haus lebende Schwiegermutter wacht über die Finanzen, die Kinder wollen ernährt werden und sein Gönner Van Ruijven droht damit, seine Aufträge woanders zu verteilen („Es gibt da einen viel versprechenden Schüler von Rembrandt…“). Vermeer ist zu seiner Rolle im Leben nicht zu beglückwünschen.

Die Ähnlichkeit der Protagonisten in Temperament, Fremdbestimmtheit und Begeisterung für die Malerei steuert unaufhaltsam auf eine unausgesprochene Zuneigung füreinander zu. Für Griet sind die täglichen Begegnungen mit Vermeer in seinem Atelier ein Aufstieg, wie er nicht krasser sein kann. Ihre Pflichten als Magd bestehen aus Einkäufen auf dem von Menschen überströmten Delfter Markt, aus harter Arbeit in der Waschküche, der Vorbereitung der Speisen und dem Spülen des Geschirrs. Das ruhige, lichtdurchflutete Atelier im ersten Stock, wo jeder Pinsel, jeder Zirkel seinen festen Platz hat, muss wie eine neue Welt erschienen sein. Vermeer hingegen erlebt seine Enklave wieder als Himmel, der durch einen Engel neu belebt wird.

Für die Annäherung nimmt sich Regisseur Peter Webber viel Zeit, und doch sehnt sich das Publikum danach, dass keine Szene enden soll. Wie in Vermeers Gemälden selbst werden wir Zeuge von überwältigender Behutsamkeit und Zurückhaltung. Ein Film der leisen Töne, der als körperlich offenbarste Annäherung der beiden das Stechen eines Ohrloches hat. Die wahre Güte offenbart DAS MÄDCHEN MIT DEM PERLENOHRRING nicht durch explizite Sexualität, sondern durch Bilder unschuldiger Intimität, bei denen unsere Illusion und Imagination den möglichen Fortgang nur zu gerne hinzufügt. Ich erwähne nur die Szene an der Kamera Obscura, das gemeinsame Farbenmischen oder wie Griet zum einzigen Male ihre langen brauen Haare aus der Haube befreit. Und ich wette, das halbe Kino hat Vermeers Aufforderung an sein Modell befolgt, es solle sich ihre Lippen lecken.

Natürlich liegt das Hauptaugenmerk auf den beiden Liebenden, aber auch die kleine, feine Zahl der Nebenrollen trägt entscheidend zum Gelingen des Filmes bei. Zugegeben, beim ersten Anschein ist man geneigt, Stereotype wiederzuerkennen (die in schwarzer Witwenkleidung dominierende Schwiegermutter Thiens, der lüsterne Gönner Van Ruijsen …), aber das täuscht. Autorin Hetreed schrieb ihnen menschliche Charakterzüge ins Drehbuch, die deren Handlungen und Beweggründe nachvollziehbar machen und durchaus jedem von ihnen Gelegenheit zum Überraschen und Beeindrucken geben. Sie sind nicht bloßes Beiwerk zu einem (Liebes-)Kammerspiel, das von Vermeer und Griet zelebriert wird, sondern durch sie werden auch wichtige Themen der damaligen Zeit (Standesdünkel, Rolle der Frau ….) projiziert. Unnötig zu erwähnen, dass bei einer ausgereiften Produktion wie dieser auch die Nebenrollen mit den passenden und überzeugend agierenden Schauspielern besetzt wurden.

Paul Webbers Film ist eine Offenbarung, der seine Perfektion nicht plakativ nach außen kehrt, sondern sich eher bescheiden seiner Qualitäten bewusst ist. Die drei Oscar-Nominierungen für Kamera, Ausstattung und Kostümdesign errang er zweifellos nicht ohne Grund. Ein historischer Film über einen Maler stellt in dieser Hinsicht ein dankbares Sujet dar. Dennoch ist er eher eine Liebesgeschichte mit kunstgeschichtlichem Hintergrund als ein Biopic über einen Lebensabschnitt von Johann Vermeer. Auch wenn ihnen ein Tüpfelchen auf dem i fehlen wird, sollten sich Zuschauer, die gewöhnlich wenig Interesse an Malerei haben, nicht vom Kinobesuch abhalten lassen.


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