COFFEE AND CIGARETTES

Coffee and cigarettes     (USA, 2003)

Buch und Regie: Jim Jarmusch
Mit: R. Benigni, S. Wright, J. Lee, C. Lee, S. Buscemi, I. Pop, T. Waits, J. Rigano, V. Vella, V. Vella jr., R. French, E. J. Rodriguez, A. Descas, I. de Bankolé, C. Blanchett, M. White, J. White, A. Molina, S. Coogan, GZA, RZA, B. Murray, B. Rice, T. Mead
95 Minuten      (7 von 10 Punkten)

Coffee and Cigarettes
(Bildrechte: Pandora)

Kaum zu glauben, dass die elf Episoden alle aus der Feder eines Mannes stammen. Herr Jarmusch muss sich schon Zeit seines Lebens in Kneipen, Bars und Diners herumgetrieben haben, um nun in einem bunten Potpourri einen Haufen isolierter, aber deswegen nicht umso unterhaltsamer Begegnungen zu präsentieren. Bunt ist hier inhaltlich zu sehen, denn die Episoden wurden im gepflegten Schwarzweiß gedreht. Eben jene Farben, die Kaffee und Zigaretten ausmachen, die Felder des Schachbrettmusters, auf dem die titelgebenden Zutaten aufgetischt sind, die Hautfarben der Darsteller. Es ist müßig zu überdenken, ob ein bisschen mehr Blau, Gelb, Rot dem Film geschadet hätten, einige der Filmchen würden auch in der fürs Auge angenehmeren Darstellungsweise funktioniert haben. Aber der Einheit des Gesamtwerkes spielt das natürlich entgegen und – das Vorurteil wird man einfach nicht los – die Ausschließlichkeit der Palette zwischen Schwarz und Weiß gilt nun mal als Aushängeschild von gepflegten Independent-Streifen.

Womit haben wir es eigentlich zu tun? Mit Kurzgeschichten? Mit Sketchen? Momentaufnahmen, um Aphorismen auf die Menschheit loszulassen? Verbindende Elemente sind – wie der Titel schon sagt – Kaffee und Zigaretten. Wenn schon nicht als ausschließliches Thema, so sind sie wichtige Requisiten, Auslöser der Geschehnisse oder ständige Begleiter, bis sich die handelnden Personen wieder auf die Socken machen. Immer spielt sich das Geschehen an einem öffentlichen Ort ab. Es sind nie mehr als drei Personen gleichzeitig anwesend, in den vorgestellten Etablissements (von den schmuddeligen Kneipe bis hin zum Lobby eines teueren Hotels) mögen sich zwar weitere Gäste aufhalten, die aber weder ins Bild gebracht noch im Hintergrund zu hören sind. Dies verleiht den Episoden eine immanente Intimität. Wir als Publikum sitzen wie zufällig am Nebentisch, waren bis vorhin noch mit eigenen Gedanken beschäftigt, bis wir plötzlich ganz Auge und Ohr sind, als z.B. Tom Waits in „Somewhere in California“ angeschlurft kommt und sich lässig gegenüber Iggy Pop auf die enge Kunstlederbank quetscht.

Das Hauptgewicht liegt natürlich auf den Gesprächen. Mal abgesehen von der Tesla-Spule lenkt nichts von den Darstellern und deren mehr oder weniger gewichtigen Worten ab. In den Episoden ist dann auch eine erstaunliche Bandbreite von Weisen zu erkennen, angefangen von völlig unzusammenhängenden Gefasel (Strange to meet you“) über die Wiedergabe dessen, was einem gerade in den Sinn kommt (z.B. „Delirium“), bis hin zu genau überlegten Sätzen, um den/die Gegenüber gezielt zu treffen (beide „Cousins“). Selbst „Renée“, die in Punkto Monotonie in der Elferreihe unerreicht ist, lebt von einer unausgesprochenen Spannung, die aber entgegen der Erwartung am Ende nicht zum explosiven Ausbruch kommt. Auch das erlaubt sich Herr Jarmusch.
Jedes Filmchen ist eine Welt für sich, auch wenn die eine oder andere Bemerkung schon mal vorher gefallen ist („Kaffee und Zigaretten sind kein besonders gutes Mittagessen“; „Die Erde ist ein Leiter akustischer Resonanz“).

Folgerichtig liegt es in der Natur der Sache, dass das geneigte Publikum seine Favoriten und etwaige Durchhänger ausmachen wird, und je uneinheitlicher die Meinung in dieser Frage ist, desto besser für das Gesamtwerk. Letztlich wird niemand mit mehr als maximal 10 Minuten Wartezeit überfordert, bis er eine neue Chance bekommt. Für den eingefleischten Fan ist es natürlich ein besonderer Leckerbissen, auf alte Bekannte aus Jarmusch-Filmen zu treffen und zu beurteilen, wie sich in diesem Umfeld die neuen Gesichter (z.B. Cate Blanchett, Bill Murray) behaupten.

Zugegeben: Für passionierte Nichtraucher ist eine gewisse Hemmschwelle nicht abzustreiten, aber ich wage zu behaupten, dass letztlich jeder das Fazit wird ziehen können, einen abwechslungsreichen Kinoabend erlebt zu haben.


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