BEFORE SUNSET

Before sunset         (USA, 2004)

Regie: Richard Linklater
Buch: Richard Linklater, Julie Delpy, Ethan Hawke
Mit: Ethan Hawke (Jesse Wallace), Julie Delpy (Celine) u.a.
80 Minuten         (7 von 10 Punkten)

Neun Jahre hat es gedauert, bis mit BEFORE SUNSET endlich der Nachfolger vom Geniestreich BEFORE SUNRISE folgte. Linklater didn’t change a winning team und lässt Jesse und Celine sich wieder zufällig treffen, beide wandern durch pittoreske Straßen einer sommerlichen Großstadt (hier: Paris), reden über das, was ihnen gerade in den Sinn kommt und wieder steht ein Abschiedstermin fest, den es einzuhalten gilt. Wir, die wir BEFORE SUNRISE gesehen haben, sind gleichermaßen wie die Protagonisten dankbar und erregt-befangen über die Fügung des Schicksals, die die beiden erneut zusammengeführt hat. Nicht-Kennern liefern kurze Flashbacks auf den früheren Film kleine Vorstellungshilfen: Die Chemie stimmt immer noch zwischen Jesse und Celine. Bis auf ein paar Linien, die das Alter in ihre Gesichter gezeichnet hat, zeigen sich beide unverändert, ihr Redeschwall bricht unaufhörlich los, nachdem die Überraschung des Wiedersehens gewichen ist.

Bei allen Parallelen und der unzweifelhaften Qualität von BEFORE SUNSET darf man Linklater nicht so viel Naivität unterstellen, sich einfach nur selbst zu plagiieren. Mit den Jahren sind auch die Protagonisten älter und reifer geworden, und dieser Tatsache muss man Tribut zollen, um glaubhaft zu bleiben. Damals funktionierte sie noch, die „Twentysomething love-story“, in der die beiden vorrangig am Augenblick und an einander interessiert waren. Neun Jahre später – praktisch nach der ersten Dekade als Erwachsene – sind sie bereits über viele Weichen des Lebens gefahren und nutzen die wenigen Momente ihrer Zeit in Paris, um Rückschau zu halten und Bilanz zu ziehen.

BEFORE SUNSET ist weitaus weniger unbeschwert als sein Vorgänger. Die einstmals leicht im Windhauch flatternden Flügel unserer jungen Helden tragen die Schwere des Alltages, die mit den Jahren erlangten Erkenntnisse den Beigeschmack von Tristesse:
„Einsamkeit lässt sich besser alleine ertragen als in einer toten Beziehung“ (Celine).
„Ich fürchte, dass ich die Liebe begraben habe, als du nicht da warst.“ (Jesse) [= am Treffpunkt Bahnhof Wien]
Für den aus 1995 verwöhnten Zuschauer ist es – kaum verwunderlich – eine bitter zu schluckende Pille, die Darsteller nun in die Abgründe ihrer Beziehungen vorstoßen zu sehen. Die Sprache bedient sich an manchen Stellen „explicit lyrics“, einige Offenbarungen und die sie begleitenden Temperamentsausbrüche bewegen sich auf einem schmalen Grad zwischen nachvollziehbar und überzogen. Aber Linklater wählt den einzig gangbaren Weg: Um mit alten Versatzstücken einen inhaltlich neuen Film zu machen, blieb nur, dem Problemaspekt einen größeren Raum im Drehbuch zu verschaffen.

Dieser Doktrin werden die Begegnungen der beiden mit anderen Personen geopfert; Celine und Jesse sind fast ausschließlich mit sich selbst beschäftigt, die Kamera bleibt in Augenhöhe und weicht nicht von ihrer Seite. Jene Episoden mit Nebenfiguren, die BEFORE SUNRISE nicht unerheblich bereichert haben, finden keinen Platz mehr in der Neuauflage, die mit ungleich ernsteren Themen und in Echtzeit daher kommt. Ein wenig bedauerlich, aber mutig und konsequent.

Zum Glück lässt Linklater die beiden am Ende (als habe es die vorherigen Frustausbrüche nie gegeben) wieder versöhnliche Töne anschlagen. In Celines Wohnung entfaltet sich eine Intimität, die die Geschehnisse der vergangenen 9 Jahre schlagartig vergessen lässt und die beweist, wie schicksalhaft und untergründig gegenwärtig jener Abend in Wien geblieben ist. Celine an der Gitarre und anschließend Nina Simone imitierend, das gibt Sonderpunkte. Obgleich die Episode mit Kath Bloom in der Hörkabine von BEFORE SUNRISE unerreicht bleibt.


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