COFFEE AND CIGARETTES

*** COFFEE AND CIGARETTES * USA 2003 * Musik: Iggy Pop, Tom Waits, The Stooges, Gustav Mahler, Henry Purcell, Funkadelic, The Skatalites, u. a. * Drehbuch und Regie: Jim Jarmusch * Darsteller/-innen: s. u. * [s/w] * [OmU] * 95 Minuten * (8 von 10 Punkten) ***

Coffee and Cigarettes
(Bildrechte: Pandora)

/// Episode 1 /// STRANGE TO MEET YOU /// Roberto Benigni, Steven Wright (1986) ///

Die früheste Episode läutete den Beginn des Kults um Jarmuschs winzig-witzige Zigarettenpausenkurzfilmchen ein und ist die wohl zugleich abstruseste: Roberto trifft auf Steven in einem schäbigen Diner und weder der Kinobesucher noch die Protagonisten wissen warum.

Jarmusch Dialogregie entfacht vollendeten Blödsinn, kein Satz erscheint stimmig und wahrscheinlich gehört diese Episode gerade deswegen auch zu den komischsten. Sie endet im übrigen damit, dass Roberto Benigni, dessen nichtvorhandene Englischkenntnisse spätestens seit seiner Oscar acceptance speech für DAS LEBEN IST SCHÖN legendär sein dürften, für Steven zum Zahnarzt geht: „Dentist appointment. Very good. Yes. Thank you.“

(7 von 10 Punkten)

/// Episode 2 /// TWINS /// Steve Buscemi, Cinqué Lee, Joie Lee (1989) ///

Die häßlichste Indie-Fresse Hollywoods, Steve Buscemi, trifft als nervende Bedienung mit Elvis-Fimmel auf die beiden Geschwister von Kult-Regisseur Spike Lee, Cinqué und Joie.

Cinqué entpuppt sich als „böser“, Joie als „guter“ Zwilling – ihre ständigen Streitereien über Klamotten, Styles, Schuhe und Zigarettenmarken lockert der faule Kellner Buscemi mit abstrusen Theorien über Elvis Presleys „bösen“ Zwilling auf.

Nicht alles wirkt wirklich stimmig, aber die Chemie zwischen den dreien ist gelinde gesagt hinreißend. Noch ein Klassiker.

(7 von 10 Punkten)

/// Episode 3 /// SOMEWHERE IN CALIFORNIA /// Iggy Pop, Tom Waits (1993) ///

Zumindest was die älteren Episoden angeht, ist diese hier mein absoluter Favorit.
Die beiden befreundeten Musiklegenden treffen in einem abgehalfterten Café aufeinander, stellen fest, dass die Jukebox keinerlei Songs von ihnen beiden featured, geben sich allerlei Rockstarattitüden hin und fangen beide wieder mit dem Rauchen an, mit der völlig logischen Begründung, dass sie dies dürften, weil sie ja aufgehört haben. (Waits: „You know … now that I quit … I can have one … Just because I quit!“)

Mimik und Gestik der beiden sind hier die eigentlichen Hauptdarsteller: Iggy Pops langgezogenes, beleidigtes Gesicht als Tom Waits (der sich zu Beginn als Arzt ausgibt, was Iggy ihm ungläubig wohl oder übel abnehmen muss), wiederum scheinbar aufs äußerste beleidigt („What are you trying to tell me? That the drumming on my records sucks?“), sich weigert, den von Iggy empfohlenen Schlagzeuger namens „Giant Robo“ anzutesten, ist mit Worten nicht zu beschreiben.

Eigentlich liegt man die ganze Zeit am Boden vor Lachen.

Völlig genial und die wohl zweitbeste Episode.

(9 von 10 Punkten)

/// Episode 4 /// THOSE THINGS’LL KILL YA /// Joseph Rigano, Vinny Vella, Vinny Vella Jr. (2003) ///

Die erst im vorigen Jahr abgedrehten acht weiteren Episoden beginnen mit einem echten Highlight, das zwei der Gangster aus GHOST DOG featured, nebst stummem Neffen:
Vinny will eigentlich nur in Ruhe eine nach der anderen wegpaffen, doch Kumpel Joe nervt ihn dabei ständig mit seiner Kehlkopfkrebs-verdächtigen Reibeisenstimme: „Those things’ll kill ya!“. Zu allem Überfluß kommt noch Vinnys kleiner Neffe hinzu, der ihn ständig anpumpt.

THOSE THINGS … ist die mit Abstand schimpfwortreichste Episode (man hört irgendwann auf, die „fucks“ „fuckings“ und „motherfuckings“ zu zählen), und man wird das Gefühl nicht los, das die beiden alten Männer auch in der Realität nicht unbedingt eine weiße Weste haben, so überzeugend geben sie die beiden alten Mafiosi ab.

Das Gepoltere der beiden Altgangster ist dabei aber niemals grobschlächtig, geschweige denn obszön, vielmehr schwingt immer eine gewisse raubeinige Empathie mit.

Ferner besticht die vierte Episode durch zahlreiche Anspielungen auf Jarmuschs letzten echten Spielfilm GHOST DOG.

(7 von 10 Punkten)

/// Episode 5 /// RENÉE /// Rénee French, E. J. Rodriguez (2003) ///

Die mit Abstand schwächste Episode ist im Grunde überflüssig wie ein Kropf. Dass hier ein Drehbuch zugrunde gelegen hat, wage ich einfach mal anzuzweifeln: Renée French sitzt in einer Bar, raucht und trinkt Kaffee (ach?) und blättert dabei einen Versandhauswarenkatalog (ach, es gibt so schöne deutsche Wörter!) über Schusswaffen durch.

Der Kellner (E. J. Rodriguez) versucht ihr dabei ständig Kaffee nachzuschütten, was sie aber nachhaltig verweigert, so dass er sich auf hilflose Anmachversuche versteigt.
Ästhetisch gesehen hinkt diese Episode den anderen wenigstens nicht hinterher, ansonsten muss aber die Frage erlaubt sein, wieso Jarmusch dies hier gedreht hat.

Langatmig und einfallslos.

(4 von 10 Punkten)

/// Episode 6 /// NO PROBLEM /// Alex Descas, Isaach de Bankolé (2003) ///

Der kleine Durchhänger in der Mitte setzt sich mit Episode 6 fort, obwohl sie etwas besser als die zuvor gezeigte ist.

Alex trifft auf seinen besten Freund Isaach (der Pariser Taxifahrer aus NIGHT ON EARTH, bzw. der Eisverkäufer aus GHOST DOG), welcher hinter Alex kühler und abwe(i)sender Fassade irgendwelche wichtigen Probleme wittert, die sein bester Freund ihm doch bitteschön gefälligst mitteilen soll. Alex versichert ihm aber, es gäbe eben kein Problem, alles sei in Ordnung. Isaach kann oder will ihm aber einfach nicht glauben.

Isaach de Bankolés hinreißend-aufbrausendes Französisch ist seit oben genannten Filmen nun wirklich legendär, deswegen ist es auch merkwürdig, warum die beiden Englisch sprechen, was ihrer Begegnung schon ein wenig ihren allerdings nicht weg zu diskutierenden Charme nimmt.
Letztlich wird aber auch hier wie in Episode 5 über eine völlige Leerstelle diskutiert, was schon ein wenig nervt.

(5 von 10 Punkten)

/// Episode 7 /// COUSINS /// Cate Blanchett, Mike Hogan (2003) ///

Der Film nimmt wieder Fahrt auf und wird sein Potential bis zum Ende hin nicht mehr verschleudern, von nun ab ist jede Sekunde ein Augen- und Ohrenschmaus.

Zunächst dank Cate Blanchett, die hier in einer Doppelrolle fungiert: Als Hollywoodstar Cate, ständig busy, von Paparazzi umflattert und auf einer Pressetournee in einem Nobelhotel abgestiegen. Dort trifft sie in der Lobby auf ihre angepunkte Kusine Shelly, die zum einen sichtlich von Cates Stardasein genervt, zum anderen mächtig eifersüchtig auf sie ist. Es entspinnt sich ein von Eitelkeiten und gegenseitigen (un-)beabsichtigten Verletzungsversuchen unterschwellig brodelndes (Streit-)Gespräch, das einfach nur von Cate Blanchetts unglaublich facettenreichem Spiel lebt.

Ein fantastisches Puzzle aus minimaler Gestik und kleinen, unscheinbaren und doch so vielsagenden Mundwinkelzuckungen – ganz großes Kino. Es bleibt einem die Spucke weg.

(7 von 10 Punkten)

/// Episode 8 /// JACK SHOWS MEG HIS TESLA COIL /// Cinqué Lee, Jack White, Meg White (2003) ///

Jarmuschs Film pendelt sich endlich auf hohem Niveau ein. Wiederum tritt Spike Lees Bruder Cinqué, diesmal als Kellner, auf – doch die beiden Protagonisten dieses Filmchens sind die beiden Mitglieder der grandiosen Rock’n’Roll-Kapelle The White Stripes, Jack und Meg White, deren Umgang mit den Medien man wohl nur als außerordentlich geschickt beschreiben kann, weiß doch niemand in der Welt, ob die beiden nun wirklich Geschwister, befreundet, geschieden oder verheiratet sind.

Jack hat auf jeden Fall eine von ihm nach Originalbauplänen des aus Serbien stammenden Physikers Nikola Tesla (dessen Geschäftspartner, Erzfeind und lebenslanger Gegenspieler Thomas Alfa Edison später den gesamten Ruhm zumindest im Westen für sich einheimsen konnte – vor kurzem lief eine Doku auf arte über die beiden und Edison kam dabei so richtig mies weg) erfundene Spule zur Stromerzeugung mit in ein Café gebracht, um sie seiner Schwester? Frau? Geliebten? Freundin? vorzuführen. Das tut er dann auch, allerdings nur so lange, bis die Spule explodiert und vor den entgeisterten Augen des Kellners ihren Geist aushaucht.

Ratlos sitzt Jack am Cafétisch, sein ganzer egomanischer Erfindergeist ist gerade konterkariert worden. Doch seine Schwester? Frau? Geliebte? Freundin? ist nicht gerade auf den Kopf gefallen …

Wiederum einfach nur großartig und von großer Komik, allerdings ist die Spule hier mehr als ein Hauptdarsteller und ist klarer Fixpunkt der Geschichte, die White Stripes geben nicht wirklich eine Antwort auf die Frage, ob sie nun schauspielern können oder nicht. (Man ist geneigt, eher letzteres anzunehmen …)

(7 von 10 Punkten)

/// Episode 9 /// COUSINS? / Steve Coogan, Katy Hansz, Alfred Molina (2003) ///

Die zugleich längste und beste Episode.

Der in Los Angeles lebende britische Schauspieler Alfred Molina hat seinen gerade aus der Heimat eingeflogenen Schauspielerkollegen Steve Coogan (sein wohl bekanntester Film 24 HOUR PARTY PEOPLE über die Musikszene in Manchester Anfang der 80er Jahre läuft nächste Woche auf dem „Punk rulez“-Open Air der Filmwerkstatt am Münsteraner Hafen – highly recommended!), in ein Café zum Tee (hey!) gebeten, um ihm etwas seiner Meinung nach äußerst Wichtiges mitzuteilen: Er hat nämlich herausgefunden, dass die beiden Cousins sind.

Dummerweise entpuppt sich sein Cousin Steve als ein von Starallüren zerfressener Egomane, der den rührend freundlichen Alfred Molina ständig auf übelste Weise auflaufen lässt. Erst als Molina einen Anruf von einem gewissen „Spike“ (nicht Lee, sondern Jonze) bekommt, taut Steve plötzlich auf, er ist von seiner Karrieregeilheit geradezu besessen.

Hervorragend gespielt und von nahezu grausamer Komik, zeigt Jarmusch hier ein Gespräch, das man in seinem eigenen Leben so wohl niemals führen möchte, das man aber leider Gottes schon des öfteren hat führen müssen: Die Gesprächspartner sind sich so dermaßen unsympathisch, dass normale Kommunikation überhaupt nicht möglich ist, doch die Konventionen zwingen einen nunmal zu einer gewissen Höflichkeit, zumal diese beiden Exemplare „very british“ daherkommen.

Was dabei herauskommt, ist auch hier einfach nur grotesk zu nennen, die verletzten Eitelkeiten von Iggy Pop und Tom Waits aus der Episode SOMEWHERE IN CALIFORNIA, welche 10 Jahre früher als COUSINS? entstand, ist hiergegen Kinderkram.

Diese Episode hätte von mir aus 90 Minuten dauern können und ist mit „hinreißend“ (mein Thesaurus ist ausgefallen, sorry) noch untertrieben beschrieben. Allein wegen Alfred Molina und Steve Coogan lohnt schon der Film. Das ganze Kino hat gewiehert vor Vergnügen.

(9 von 10 Punkten)

/// Episode 10 /// DELIRIUM /// GZA, RZA, Bill Murray (2003) ///

Die beiden Wu Tang Clan-Rapper GZA und RZA (letzterer zeichnete sich für den Soundtrack für GHOST DOG verantwortlich) treffen in einer Kneipe aufeinander, in der ausgerechnet Bill Murray als Koffein- und Nikotin-abhängiger Kellner seinen Dienst tut, selbstverständlich inkognito. Das gegenseitige Wiedererkennen fällt den dreien dennoch nicht schwer: „You’re Bill Murray! You’re GROUNDHOG’S DAY-, Ghostbustin-ass Murray! Who you gonna call?“

Da Bill offensichtlich große gesundheitliche Probleme hat und RZA angeblich ein Experte in alternativer Medizin ist, entspinnt sich bald ein urkomisches Gespräch über Therapieansätze für Bills Raucherhusten: Die beiden Rapper lassen den berühmten Kellner schließlich mit Ofenreiniger gurgelnd zurück.

Muss man gesehen haben, um es zu glauben. Das ungleiche Trio hätte von mir aus ewig so weiterbrabbeln können. Vor allem Bill Murray ist natürlich mal wieder wunderbar anzusehen.

(8 von 10 Punkten)

/// Episode 11 /// CHAMPAGNE /// Bill Rice, Taylor Mead (2003) ///

Als man denkt, Jarmusch würde ewig so weiter Abstruses und Komisches mischen, wird er am Ende plötzlich geradezu poetisch: Die beiden uralten Indie-Film-Legenden und Off-Broadway-, Off-Theatre, Off-Everything-Schauspieler Bill Rice und Taylor Mead sitzen müde und etwas deprimiert vom Zustand der Welt irgendwo backstage in einem heruntergekommenen Theater und machen Kaffeepause, wobei Bill eine Zigarette raucht.

Taylor bemerkt, dass er sich „von der Welt abhanden gekommen“ fühlt und meint, das gleichnamige Lied von Gustav Mahler durch den Raum klingen zu hören. Auch Bill spitzt daraufhin seine Ohren und tatsächlich beginnt von irgendwoher die alte, klagende Melodie geisterhaft zu spielen …

Allein die vom Leben gezeichneten Gesichter von Rice und Mead (der höchstwahrscheinlich irgendwann mal in seinem offensichtlich bewegten Leben den Quasimodo gegeben haben muss), denen Jarmusch hiermit wohl ein Denkmal setzen wollte, machen diese Episode sehenswert. Die Komik ist hier nicht mehr überbordend, sondern vielmehr still und rührselig.

Jarmuschs (Kamera-)Blick auf die beiden alten Herren, die niemals Starruhm genossen haben
und die daher nur vorgeben können, dass in ihren Plastikbechern statt miesem Kaffee teurer Champagner schwimmt („Ah, Champagne! The nectar of the Gods!“), ist von bemerkenswerter Wärme, ja geradezu liebevoll. Rice und Mead scheinen von innen zu leuchten, und Jarmuschs komisches Episodenwerk bekommt Minuten vor Schluß einen vollkommen anderen Anstrich.
Ein geradezu berührender Abklang und etwas, das man Jarmusch nun wirklich nicht zugetraut hätte.

Wunderschön.

(8 von 10 Punkten)

Fazit: Wer Jamusch mag, wird eh in diesen Film gehen, wer ihn nicht mag, höchstwahrscheinlich nicht, denn es ist mal wieder ein „echter“ Jarmusch geworden, GHOST DOG fiel damals doch ein wenig aus der Reihe, ich war sogar ein wenig enttäuscht von dem Samurai-Gangster-Hip-Hop-Melodram, vielleicht war es mir aber auch zu farbig.

Aber die Kritiker, die COFFEE AND CIGARETTES von „belanglos“ bis „ach, wie cool“ einordneten, kann ich nun immer weniger verstehen. Gut, an einigen Stellen ist gehöriges Sitzfleisch nötig, der Film hängt in der Mitte wie gesagt durch, aber „belanglos“ ist das Ganze nun wirklich nicht, vor allem die letzte Episode schwingt zumindest bei mir immer noch nach, denn sie ist vielleicht nicht die witzigste, aber dann doch die mit Abstand anrührendste.

Nerven tun mich inzwischen vor allem die Kritiken, die den Film einfach nur mit dem alles- und nichtssagenden Attribut „cool“ behaften, Jarmusch sei ja so „cool“ und seine früheren Werke ja auch usw. usf.

Um es mal auf den Punkt zu bringen: Wer glaubt, dieser Film und seine Protagonisten seien einfach nur cool und sonst nichts (anscheinend scheint es ja inzwischen eh schon ein Affront gegenüber dem Mainstream zu sein, wenn jemand einen Film macht, in dem fast ausschließlich geraucht wird, noch dazu in schwarzweiß, anscheinend alles Ingredienzen, die man höchstens mit dem Wörtchen „cool“ hinreichend beschreiben kann), der hat nun wirklich nichts verstanden, denn die coolen Typen bei Jarmusch (hier zum Beispiel Steve Coogan, oder John Luries Charakter in STRANGER THAN PARADISE, oder Tom Waits Charakter in DOWN BY LAW oder oder oder …) werden von ihm immer, aber auch wirklich immer so vollends demaskiert und lächerlich gemacht, dass es eine wahre Freude ist.

COFFEE AND CIGARETTES ist eben nicht cool, sondern einfach nur – und ich wiederhole mich da gerne – hinreißend (schön).


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